28.06.2019 06:45 |

Balkonien grüßt

Trend „Staycation“: Daheim ist es am schönsten

Keine bösen Überraschungen, die gewohnte Umgebung mit all seinen Vorzügen genießen. Urlaub auf Balkonien oder - modern ausgedrückt - „Staycation“ liegt voll im Trend. Warum so viele Österreicher ihre Ferien lieber daheim verbringen.

Früher erntete man Mitleid, wenn man erzählt hat, man bleibt den ganzen Sommer daheim. Denn Urlaub in der Ferne war mehr als eine Reise. Für viele war es eine Selbstverständlichkeit, für andere ein Statussymbol und für den Rest ein großes Abenteuer. Heutzutage gibt es zwar auch ein Nicken vom Gegenüber, aber kein bemitleidendes, sondern ein verständnisvolles – oft schon ein beneidendes. Angesagt wie es ist, heißt es auch nicht mehr altmodisch Urlaub auf Balkonien. Unter Jüngeren hat sich mittlerweile das Kunstwort „Staycation“ – aus den englischen Wörtern bleiben und Ferien – etabliert.

Heidi Klum tut es von Zeit zu Zeit. George Clooney und seine Amal flitterten lieber gemütlich daheim, wobei man ehrlicherweise hinzufügen muss, dass es sich dabei nicht um eine kleine Wohnung handelt, sondern um ein weitläufiges Domizil am Comer See. Und auch Taylor Swift verbringt ihre freien Tage lieber mit Freundinnen zu Hause.

Damit es kein Missverständnis gibt: Das ist kein Artikel gegen das Reisen. Alle Argumente, die für das Welterkunden sprechen, wie das Erweitern des eigenen Horizonts, das Kennenlernen fremder Menschen und Kulturen, andere Sprachen, stimmen – und das zu 100 Prozent. Daneben gerät aber oft in Vergessenheit, dass man, bevor man sich auf den Weg in die weite Welt macht, erst einmal seine nächste Umgebung kennen sollte. Und daran hapert es nicht selten. Wie viele Ausflugsziele nahe unserem Zuhause kennen wir noch immer nicht. Aus dem einfachen Grund, das hat doch noch Zeit, das liegt doch so nah. Wir wollen die Welt kennenlernen, ohne unser Zuhause zu kennen ....

In Zeiten des Klimawandels machen wir uns endlich mehr Gedanken, wie oft wir in ein Flugzeug steigen oder wie lange wir mit dem Auto in andere Urlaubsländer kurven. Wir denken nicht nur an das Jetzt, sondern auch an das Morgen. Es ist aber auch das Wissen um die Qualitäten, die das eigene Heim uns bietet – genau nach unseren Vorstellungen eingerichtet, birgt der Wohlfühlort schlechthin ein vertrautes Gefühl. Da weiß man, was man hat.

Kein Kofferpacken, kein langes Suchen nach einer Haustier- und Gartenbetreuung, kein Nachrüsten der Reiseapotheke, kein Loch im Sparschwein, kein hektisches Suchen nach dem Reisepass in letzter Minute, keine endlosen Schlangen am Check-In-Schalter auf dem Flughafen und ganz ohne stundenlange Staus auf der Autobahn in drückender Hitze. Keine bösen Überraschungen wie Dauerbeschallung durch Musik und schon im Morgengrauen reservierte Sonnenliegen.

Daheim ist daheim – mit all seinen Vorzügen und natürlich auch Schattenseiten. Was in den eigenen vier Wänden sauer aufstößt – wie lärmende Nachbarn oder die stark frequentierte Straße vor der Haustür –, wird auch in den Ferien nicht anders sein. Wobei wir gleich beim Thema wären. 

Und da wäre noch der Hang zur Arbeit – auch daheim: wenn Heimwerker zur Hilti greifen, wieder ordentlich entrümpelt und der gründliche Hausputz trotz Hitze endlich umgesetzt wird. Nicht zu vergessen die Arztkontrolltermine, der Werkstättenbesuch mit dem Auto oder die Mundhygiene, die ansteht – da würden sich doch die freien Tage eigentlich perfekt dazu anbieten? „Das ist Typsache. Für den einen kann es durchaus ein angenehmes Gefühl sein, am Ende des Tages, einen Punkt von der To-Do-Liste zu streichen“, erklärt Prof. Zellmann der „Krone“.

Abwechslung und Struktur sind wichtig
In der gewohnten Umgebung des trauten Heims stellt sich die richtige Ferienstimmung unter Umständen nicht so leicht ein. Wir gehen zwar morgens nicht ins Büro, aber der Haushalt bleibt natürlich ein Thema, auch wenn wir uns zurückhalten. Daheimgebliebene sollten darauf achten, Erholung nicht bloß mit Ausschlafen gleichzusetzen. „Sie sind Ihr eigener Reiseleiter und sollten Ihrem Urlaub Abwechslung und eben Struktur verleihen“, so der Freizeitforscher. Selbstverständlich müssen Sie keinen straffen Zeitplan ausarbeiten, der keine Abweichung zulässt. Planen Sie vielmehr für jeden Tag eine Ferienaktivität ein: Egal, ob ein Museumsbesuch, ein Ausflug an den Badesee oder ein Treffen mit Freunden.

Dort, wo wir leben, gibt es so viel zu entdecken, woran wir im Alltag stets blind vorbeilaufen. Setzen Sie sich am besten schon vor Ihrem Urlaub mit Ihrer Familie zusammen, und erstellen Sie gemeinsam eine Liste mit Unternehmungen, auf die alle Lust haben. Was bedeutet Urlaub für Sie? Neues kennenzulernen? Gutes Essen? Natur pur? Zeit für die Familie? Benennen Sie Ihre drei Prioritäten und planen Sie danach. Machen Sie nicht den Fehler vieler Urlauber, alles gleichzeitig zu wollen. Es ist unmöglich, zu lesen und nebenbei mit den Kindern zu spielen. Reservieren Sie Zeiten für das, was Ihnen persönlich wichtig ist, und räumen Sie Ihrer Familie dieselben Rechte ein.

Bei Ferien in den eigenen vier Wänden besteht häufig die Gefahr, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Da genügt es schon, wenn der Kollege anruft, weil er „nur kurz etwas fragen“ möchte, und schon sind Sie mental wieder auf Arbeit gepolt. Man sollte deshalb rechtzeitig vor dem Urlaub die notwendigen Vorbereitungen für die Übergabe treffen, das Diensthandy am besten ausschalten oder an Mitarbeiter umleiten.

Ja, und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter. Prof. Zellmann gibt den Tipp, immer ein Alternativprogramm bei Outdooraktivitäten in petto zu haben. Zu einer guten Vorbereitung gehört auch, sich klar zu werden, was man sich von den Ferien erwartet, und dabei – und das ist ganz wichtig – realistisch zu sein. Damit es nicht zu Enttäuschungen kommt!

„Haben Sie Mut zur Muße“, rät Prof. Zellmann. Das ist eine Gabe, die in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht mehr viele beherrschen. Zwischendurch einmal nichts zu tun, sich treiben zu lassen, in die Luft schauen, die Seele baumeln lassen. Und genau das ist es wohl, warum viele heuer nicht weit weg wollen. Sie suchen die wahre Tiefenentspannung. Und die beginnt dort, wo man jeden Schritt selbst entscheiden kann. Wo man ganz bei sich bleibt – und dabei nirgends hin muss. Besser mit Katze am Bauch als mit Kater am Strand.

Kronen Zeitung

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