Fr, 24. Mai 2019
08.02.2019 20:00

Stefan Schmitzer:

Avantgarde als Abendunterhaltung

Monatelang hat Stefan Schmitzer die Sprache gedreht und gewendet, um so neue Blicke auf sich und die Welt zu werfen. Nun präsentiert er innerhalb weniger Tage zwei neue Werke: Der Gedichtband „okzident express. falsch erinnerte lieder“ ist bereits im Handel, am Mittwoch feiert sein Stück „Herr Bolingbroke beim Zauberer“ im Grazer Theater im Keller Premiere.

„Die Sprache ist immer klüger als der Sprecher“, erklärt Stefan Schmitzer inmitten des lautstarken Wuselns eines Grazer Innenstadtcafés. Oft sitzt der Grazer Autor, der 2018 das renommierte Gisela-Scherer-Stipendium erhielt, monatelang an einem Text, weil er Tag für Tag neues aus den Sätzen herausholt. „Erfolg bedeutet für mich nicht nur, dass andere Menschen meine Texte lesen, sondern auch, dass ich selbst beim Schreiben etwas lerne über mich und die Welt“, sagt er.

Poetische Abendunterhaltung
Wer Schmitzer deshalb als hermetisch einstuft, der irrt: „Mein Anspruch ist, dass was auch immer ich schreibe, als Abendunterhaltung funktioniert“, sagt er. Sprachreflexive Avantgarde und Massentauglichkeit seien keine Gegensätze, meint er, nennt Referenzpunkte wie Artmann oder Gruber.

Falsch erinnerte Lieder
Er selbst versteht seine formal komplex gebauten Werke als „Partituren fürs Vorlesen“. So auch die acht Langgedichte in seinem neuen Band „okzident express“, der soeben bei Droschl erschienen ist. Darin erinnert er sich an Lieder und Texte, die einst gesellschaftliche oder auch ganz persönliche Träger von Hoffnungen und Utopien waren - von Homer bis Marlene Dietrich, von Karl Marx bis Beyoncé - und singt sie in seinen Worten nach: „Diese Texte verändern sich, indem ich sie in mir herumtrage und sie auf mein Leben anwende.“ Vergangenheit und Gegenwart setzt er so in einen poetischen Diskurs, der investigative Züge hat: „Ich versuche die unangenehme Gestalt der Welt, in der wir uns befinden, auf eine Art und Weise zu erfassen, wie es der Journalismus nicht kann.“

Auf den Spuren von Shakespeare
Teil dieser unangenehmen Gestalt ist auch der Populismus, den Schmitzer im zweiten Werk thematisiert, das dieser Tage präsentiert wird: Für das Theater im Keller in Graz hat er das Stück „Herr Bolingbroke beim Zauberer“ verfasst, eine Adaption von Shakespeares Königsdrama „Richard II.“: Darin schickt der Titelheld seinen Gegner Bolingbroke in die Verbannung, aus der dieser als dessen Nachfolger Heinrich IV. zurückkehrt: „Für mich ist Heinrich das Abziehbild eines Populisten“, sagt Schmitzer und sieht in der Figur unzählige Parallelen in die Gegenwart.

Was Bolingbroke in dieser Verbannung passiert, wird bei Shakespeare nie erklärt: „Das hole ich nach und begleite ihn zum Zauberer Tintifax in die Steiermark, wo er die Machtübernahme vorbereitet“, lächelt der Autor. Man könne die Gewaltherrschaft des Mittelalters zwar nicht eins zu eins ins Heute übersetzen, aber: „es macht Spaß aus dieser Lücke bei Shakespeare ein Kasperltheater der Macht zu machen.“

Am 13. Februar liest Schmitzer im Literaturhaus Graz aus „okzident express.“ (Droschl, 72 Seiten, 16 Euro). Am selben Tag feiert im Theater im Keller „Herr Bolingbroke beim Zauberer“ Premiere - zu sehen bis 15. März

Christoph Hartner
Christoph Hartner

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