26.12.2018 11:55 |

Katias Kolumne

Der Fall Relotius und was wir daraus lernen können

Mindestens 14 der knapp 60 Reportagen, die der vielgelobte und preisgekrönte Journalist Claas Relotius innerhalb der letzten sieben Jahre im deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ veröffentlichte, sollen frisiert oder frei erfunden worden sein. Auch, wenn er nun reumütig um Aufklärung bemüht ist: „Der Spiegel“ hat ein Problem. Und mit ihm eine ganze Branche.

Relotius‘ Geschichten waren zu schön, um wahr zu sein. Sie erzählten von Opfern und Tätern, den Guten und den Bösen, von schwarz und weiß. Berührend und salbungsvoll verpackt schrieb er vom Schicksal irakischer Kriegskinder, von dummen Kleinstadt-Trumpisten und über rechte Hetzjagden, die an dunkelste Zeiten erinnern. Themen, die gleichsam faszinieren wie emotionalisieren und vor allem eines: billige Klischees bedienen und somit nur zu gut ins haltungsjournalistische Weltbild so mancher Branchenkollegen passen.

Zu schön, um wahr zu sein
„Wer das Weltbild bestätigte, stand bald auf der Bühne“, schreibt der ehemalige Journalistenpreis-Juror Jörg Thadeusz in der „Welt“. So stand auch Claas Relotius vielfach auf der Bühne, der in besseren Tagen einen Journalistenpreis nach dem anderen abstaubte. „Bewegend“, „berührend“ und „eindringlich“ sei laut den Juroren des Konrad-Duden-Journalistenpreises zum Beispiel eine seiner Reportagen gewesen, die das tragische Schicksal eines unschuldigen und gefolterten Guantanamo-Häftlings beschreibt. Nur: die Geschichte über getretene Menschenrechte und die Unbarmherzigkeit der amerikanischen Justiz ist teils erfunden, teils frisiert, aber jedenfalls alles andere als wahr. Sie klingt nur gut.

Moralisieren macht noch lange keinen Journalismus
Dabei sind moralische Belehrungen im Journalismus völlig fehl am Platz. Journalismus soll nicht belehren oder erziehen, nein, er soll mit notwendiger Sachlichkeit Fakten liefern, aufbereiten und Hintergründe erklären. Es braucht für ihn keinen selbstgefälligen, moralisch wie intellektuell schein-erhöhten Journalisten, der einem erklärt, wie welche Fakten zu werten sind. Es braucht lediglich gute Recherche und einen nüchternen Blick.

Wer hingegen rührselige Geschichten erzählen will, ist in der Belletristik besser aufgehoben als im Journalismus, wer seine Meinung kundtun will, soll Kolumnen schreiben und wer andere belehren möchte, sollte womöglich lieber Erzieher werden. Dem Leser ist die Wahrheit und die eigene Meinungsbildung nämlich zumutbar.

Teurer Kollateralschaden: Fake-News-Rufer fühlen sich bestätigt
Das Tragische am Fall Relotius ist, dass sich „Fake News“-Rufer einmal mehr bestätigt fühlen. Die journalistische Eitelkeit eines Einzelnen hat mit einem Schlag eine ganze, demokratiepolitisch so wichtige Branche in Verruf gebracht. Das ist ein verheerender Kollateralschaden, der nur durch ein sensibilisiertes Umdenken - auch hierzulande - zu tilgen ist. Die Ansprüche an den Journalismus sollten heißen: Fakten statt Haltung. Recherche statt Selbstgefälligkeit. Und mehr Respekt. Vor allem dem mündigen Leser gegenüber.

Katia Wagner

 krone.at
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