13.12.2018 06:00 |

Terror-Experte Neumann

„Attentäter sehen den IS eher als eine Art Gang“

Radikalisierung und Terror - in Europa wurden diese Begriffe in den vergangenen Jahren zum zentralen Thema. Zuletzt wegen des Anschlags auf einen Christkindlmarkt in Straßburg, bei dem ein 29-Jähriger „Allahu Akbar“ rief (siehe Video oben), während er drei Menschen erschoss. Doch sind diese Täter wirklich von ihrer Religion verblendet? Nein, sagt Peter Neumann, Experte für islamistischen Terror. Attentäter würden heute oft aus der kriminellen Szene kommen und den Islam eher als eine Art Gang sehen.

Terroristen in Europa haben laut dem Experten heute nur noch wenig mit ihren Vorgängern zu tun. „Sie haben sich zwar radikalisiert, sind aber eigentlich gar nicht so religiös interessiert“, so der deutsche Politikwissenschaftler, der in London das Internationale Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung leitet. „Oftmals wissen sie nicht einmal genau Bescheid über die Inhalte, sondern sehen den IS eher als eine Art Gang - mit dem Versprechen obendrauf, ins Paradies zu kommen“, so Neumann.

„Bei den 9/11-Terroristen stand Religion im Vordergrund“
Die Terroristen der Hamburger Zelle, die die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA planten und durchführten, seien dazu völlig konträr, so Neumann weiter. „Bei ihnen stand die Religion im Vordergrund, sie trafen einander jeden Abend, um theologische Fragen zu diskutieren.“ So etwas gebe es laut dem Experten heute nicht mehr so häufig.

Täter wechseln zwischen islamistischer und krimineller Szene
Diese Umstände machen es für Sicherheitsbehörden auch immer schwieriger, potenzielle Täter im Blick zu behalten, „weil sie oft zwischen der kriminellen und der islamistischen Szene hin- und herwechseln“. Zudem sei es durch Kontakte in die kriminelle Szene für Attentäter leicht, an Waffen zu kommen. „So könnte es in Straßburg möglicherweise auch gewesen sein.“

„In dieser Szene lässt man sich gerne inspirieren“
Dass immer wieder europäische Christkindlmärkte ins Visier der Terroristen geraten - wie etwa auch vor zwei Jahren in Berlin -, sieht Neumann nicht als religiösen Hintergedanken der Täter: „Ich glaube, dass sie (Weihnachtsmärkte, Anm. d. Redaktion) sich schlicht als erfolgreiche Ziele erwiesen haben. In der Szene lässt man sich gern inspirieren. Das haben wir auch nach Nizza gesehen, danach mehrten sich Anschläge mit dem Auto.“

„Terroristen arbeiten grenzüberschreitend, Sicherheitsbehörden aber noch nicht“
Der mutmaßliche Täter von Straßburg war in Deutschland polizeibekannt. Das zeige, so Neumann, wie wichtig es in Zukunft sei, dass europäische Sicherheitsbehörden kooperieren, um sich über Gefährder auszutauschen. „In Zeiten von offenen Grenzen brauchen wir eine nahtlose Kommunikation zwischen den Sicherheitsbehörden. Terroristen arbeiten grenzüberschreitend, unsere Sicherheitsbehörden aber noch nicht.“

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