16.11.2018 07:00 |

„Krone“-Interview

Mark Knopfler: Mit der Gelassenheit des Alters

„Down The Road Wherever“ nennt sich das neue Album des Gitarrengenies Mark Knopfler, mit dem er weit in seine eigene Vergangenheit zurückreist. Im Interview spricht er über Jugendsünden, sein ewiges Zeitproblem und warum er sich auf seinen Wien-Gig im Juni 2019 freut.

London im Herbst versprüht eine besondere Magie. Vereinzelte Sonnenstrahlen erkämpfen sich ihren Weg durch das Wolkendickicht und inmitten der gold-rot-gelben Blättermeere sind Kürbisattrappen, Hexenfiguren und wenig furchterregende Geister in den Wohnungsfenstern drapiert. Auch im südwestlichen Chiswick, einer mondänen Ecke, in der nicht nur Iron-Maiden-Sänger Bruce Dickinson residierte, sondern auch Phil Collins, Kim Wilde und die beiden The-Who-Legenden Pete Townshend und John Entwistle ihre ersten Sporen als Musiker verdienten. Im Herzen des vorstadtähnlichen Stadtteils befinden sich Mark Knopflers British Grove Studios. Ein von außen unscheinbarer Komplex, in dem sich unter anderem ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer mit Kaminfeuer und ein rüstiger Porsche 911 befinden.

Entspannte Kunst
Hier reihen sich Mischpulte aus der Beatles-Ära mit Starproduzent George Martin an die weltmodernsten Lautsprecherboxen von ATC. „Seit ich das Studio hier gebaut habe, war ich nie mehr woanders“, erzählt uns Knopfler, entspannt bei einer Tasse Tee im Produzentenstuhl lehnend, „ich wollte mir damit einen Platz schaffen, an dem ich immer hingehen könnte, wenn ich woanders Frustration verspüre oder ich das Gefühl hätte, mir würde die Zeit davonrinnen. Hier tickt für mich keine Uhr und ich kann flexibel experimentieren.“ Diese entspannte Herangehensweise ist unter Garantie ein Mitgrund dafür, dass man bei Knopflers Soloalben für gewöhnlich eine Stunde dem Stress des Alltags entfleuchen kann. Schon bei den Dire Straits war er nicht bekannt für überhastetes Liedgut, doch in seiner Zweitkarriere hat er endgültig das richtige Tempo für sich gefunden.

„Slow Learner“ etwa nennt sich einer der Songs auf seinem neunten Studioalbum „Down The Road Wherever“. „So simpel es klingen mag, aber wenn du ein gewisses Alter erreichst, dann siehst du dein Leben durch ein Teleskop im Rücklauf. Davon kann sich keiner befreien. Jeder kennt das - je älter du wirst, umso schneller vergeht die Zeit. Vor allem dann, wenn du Spaß daran hast und deiner Passion nachgehen kannst. Ein Album mit diesen Themen hätte ich eigentlich schon vor 20 Jahren machen können, aber ich bin eben wahnsinnig langsam - das ist so typisch für mich.“ Im Vorfeld der Albumveröffentlichung wurde öfters der Terminus „elegant“ bemüht, doch kein anderes Wort würde die Kompositionen des Gitarrengenies besser treffen. „Down The Road Wherever“ ist ein vertontes Manifest von Gedankenreisen, Fernweh und Nostalgie. Die Rückschau eines 69-Jährigen auf seine Zeit mit den Dire Straits in Deptford, die Liebe zu seinem Fußballclub Newcastle United und einen Jugendlichen, der seine freien Tage in einem angestammten britischen Café verbrachte. Songtitel wie „Trapper Man“, „Just A Boy Away From Home“ oder „Drovers‘ Road“ benötigen keine tiefgründigere Analyse.

Jugendliche Verirrungen
„Wenn man so ein Album macht, dann muss man sich in alle Lagen der eigenen Vergangenheit hineinversetzen können. Auch, wenn es nicht immer gemütlich ist. Ich bereue rückblickend auf jeden Fall, dass ich lange gebraucht habe um zu bemerken, mit welchem Talent ich gesegnet war. Ich habe mir lange nicht gutgetan und nicht ausreichend auf mich geachtet. Manchmal schoss ich mir den Wodka rein, ging auf die Bühne, wieder herunter, und weiter ging es - jeden Abend. Wenn du als junger Musiker auf Tour bist, gehört die Party natürlich dazu, aber ich habe mich als Songwriter viel zu wenig auf die Musik konzentriert.“ Eine interessante Selbsterkenntnis für einen weltbekannten Musiker und Filmkomponisten , der vom „Rolling Stone“ auf Platz 27 der 100 besten Gitarristen aller Zeiten gewählt wurde. Mit Ruhm und Rampenlicht konnte der bodenständige Brite mit einem geschätzten Vermögen von knapp 100 Millionen Euro aber seit jeher wenig anfangen.

Knopfler ist akribischer Arbeiter, Soundtüftler und in gewisser Weise auch Perfektionist. Seine Leidenschaft für die Musik ist unverändert. „Es ist doch ähnlich wie beim Journalismus - du brauchst für beide Jobs das unbedingte Verlangen, es machen zu wollen. Wenn du etwas liebst, dann machst du immer weiter. Oder hast du schon mal gesehen, dass ein Weltmeister im Cricket oder ein Tennis-Grand-Slam-Gewinner nach dem Erfolg sofort aufhört? Jeder ist mit Phasen konfrontiert, in der die Kreativität hinkt oder man nicht weiter weiß, doch genau dann brauchst du diese unbändige Leidenschaft, um durchzuhalten. Wenn ich hier in mein Studio gehe, reicht schon der Blick auf den Gitarrenständer. Sieh dir diese wunderbaren Exemplare an, ich muss sie sofort in die Hand nehmen und darauf spielen. Als Kinder verbringen wir alle viel Zeit damit, uns Sachen anzusehen, sie zu berühren und auszuprobieren. Diese Neugierde muss man sich als Erwachsener so gut wie möglich erhalten.“

Naivität bewahren
Auch ein Mark Knopfler ist schließlich Fan. Das kristallisierte sich in vielen Momenten klar heraus. Etwa als er gemeinsam mit Cliff Richard jammte oder bei einem gemeinsamen Konzert mit Chet Atkins in Nashville seine großen Helden, die Everly Brothers, zu Gast waren und einen seiner Songs sangen. „Im Leben sollte man sich in den einfachsten und pursten Bereichen seines selbst finden und das ist meist die Kindheit.“ „Down The Road Wherever“ hat Knopfler mit alten Freunden und Weggefährten wie Guy Fletcher oder Ian Thomas eingespielt. Ego-Ausritte kennt der gebürtige Schotte heute nicht mehr. „Es ist ein unbeschreibliches Privileg, mit solchen Musikern arbeiten zu dürfen. Ian ist auch Professor für Schlagzeug an der Royal Academy. All diese Jungs haben sich und ihre Fähigkeiten längst mit ihren Instrumenten verschmelzen lassen. Allein ihre Anwesenheit im Studio ist Anreiz genug, um sich ständig verbessern zu wollen. Mit dieser Band ist es mir möglich, manchmal einen Song innerhalb von nur zehn Minuten aufzunehmen und damit zufrieden zu sein.“

2019 geht Mark Knopfler mit „Down The Road Wherever“, anderen Solosongs und den großen Dire-Straits-Kulthits aus den 80er-Jahren wieder auf große Tour und kommt damit am 28. Juni in die Wiener Stadthalle. Die Intensität des Tourens hat er längst zurückgeschraubt. „Früher spielte ich sechs Mal die Woche, heute mache ich jeweils nach drei Tagen Pause. Ich muss nicht beschönigen, dass das alles immer härter wird. Die Motivation ist noch da, aber der Körper muss auch mitspielen. Ich kann nicht sagen, ob das meine allerletzte große Tour wird, aber es wäre durchaus möglich, dass ich künftig eher einzelne Gigs spiele und mich mehr im Studio aufhalte.“

Kaffeehausliebhaber
Bis dorthin kann man den mehrfachen Grammy-Gewinner aber zumindest noch einmal in hiesigen Gefilden erleben. „Ich bin seit jeher ein großer Fan eurer Kaffeehäuser in den Fußgängerzonen“, schmunzelt Knopfler, „ich fand es aber auch surreal, als ich damals den ersten Starbucks bei euch gesehen habe. Das war so ein Gefühl wie beim McDonald’s auf der Pariser Champs-Elysees - aber so ist eben der Lauf der Dinge.“ Karten für Knopfler in Wien erhalten Sie unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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