30.09.2018 06:00 |

Grenzenlose Dolomiten

Neuer Höhenweg verbindet Italien und Österreich

Ein neuer Höhenweg verbindet zwölf Klettersteige zwischen Italien und Österreich. „Dolomiten ohne Grenzen“ fasziniert Bergbegeisterte.

Wer die Bergwelt liebt, der kommt allein schon beim Gedanken an die Dolomiten ins Schwärmen. Der Stein der Bleichen. Mächtige Felswände, bizarre Steinformationen, grandiose Ausblicke und seit 2009 geadelt zum UNESCO-Weltnaturerbe. Bergsteiger-Herz, was willst du mehr! Glücklich dürfen sich alle schätzen, die heute hier im Reich der weltberühmten Drei Zinnen mit Seil und Haken ihre persönliche Herausforderung suchen können. Wer schon einmal frühmorgens den neuen Tag mit den ersten Sonnenstrahlen auf dem Gipfel des Zwölferkofels begrüßen durfte, der weiß, wovon ich gerade träume.

Schauplatz des Krieges
Überschüttet von Glücksgefühlen hoch oben in exakt 3094 Meter Höhe, vergisst man leider nur allzu oft, dass die Dolomiten und Karnischen Alpen auch Schauplatz eines der blutigsten Kriege unserer Geschichte waren.
„Direkt über dem Massiv des Zwölfers verlief bis zum Ersten Weltkrieg die Grenze zwischen Österreich und Italien“, sagt Giuseppe „Beppo“ Monti, der rührige Wirt der Carducci-Hütte, die - benannt nach dem italienischen Dichter und Nobelpreisträger Giosuè Carducci - in 2297 Meter Höhe in der Provinz Belluno, dennoch aber mitten in den Dolomiten liegt: „Die Geschichte darf nicht in Vergessenheit geraten, und deshalb sollen wir uns heute als Bergsteiger hier an die vielen Menschen erinnern, die in diesen Bergen durch den Wahnsinn der Mächtigen dieser Zeit ihr oft noch viel zu junges Leben verloren haben.“ Und so kam dem 70-jährigen Hüttenwirt die Idee, dass diese Berge, die einst trennten, zum Ort der Freundschaft und Begegnung werden und keine Grenze mehr bilden sollten. Dolomiten ohne Grenzen.

Ein Friedensweg auf Klettersteig-Art
Das Ergebnis ist ein eindrucksvoller Höhenweg, der zwölf Klettersteige aneinanderreiht und Italien mit Österreich, genauer gesagt Osttirol mit Südtirol und Belluno, verbindet. „Aus alpinistischer und historischer Sicht ist jeder einzelne Steig etwas ganz Besonderes“, schwärmt der Lesachtaler Jan Salcher, der das Projekt für den Alpenverein Sektion Austria betreut und den die „Krone“ bei der Filmoor-Standschützen Hütte oberhalb von Kartitsch traf. „Es ist ein Friedensweg auf Klettersteig-Art.“ Unser gemeinsames Gipfelziel ist heute der Große Kinigat. Nach einem schnellen Kaffee bei Hüttenwirtin Johanna Köberl geht es zuerst kurz hinunter ins Erschbaumertal. Die Gegend ist einfach bezaubernd, und schon nach einer Stunde stehen wir am Einstieg. Der Blick nach oben lässt mich erschaudern. Senkrecht, steil und schier endlos präsentiert sich die Nordwand des Großen Kinigats. „Erst brauchst ein bisschen Kraft, dann wird es leichter“, sagt Jan mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Ausgerüstet mit Klettergurt, Helm und einem Klettersteig-Set, geht es los. Und nach zwei Stunden voller spektakulärer Tiefblicke, schlotternder Knie, aber belohnt mit einem wunderschönen Bergpanorama ist der Gipfel erreicht. „Schau mal!“, ruft der Lesachtaler mir zu und hält eine alte rostige Patronenhülse in der Hand. Direkt daneben liegen noch weitere, ebenso wie Stacheldraht.

„Dieses Gebiet war strategischer Schauplatz des Ersten Weltkrieges und die Kriegsbühne einiger der furchtbarsten Schlachten jener Zeit. Bis auf die unzugänglichen Gipfel wurden überall Kriegsgräben, Felstunnel und Geschützstellungen gebaut.“ Und hier am Großen Kinigat, wo früher Soldaten auch bei Eis und Schnee Wache hielten, ragt heute ein Europakreuz gegen den Himmel, ein Mahnmal, errichtet von der Bevölkerung von Comelico Superiore und Kartitsch.

Auf einer Gedenktafel ist zweisprachig zu lesen: „Für ein geeintes christliches Europa in Frieden und Freiheit. Zum Gedenken an alle, die entlang dieser Grenze auf beiden Seiten gekämpft haben und gefallen sind. Nie wieder Krieg. Papst Paul VI.“

Insgesamt braucht es neun Etappen für die gesamte Klettersteigtour Drei Zinnen, Zwölferkofel, Hochbrunnerscheide, Paternkofel, Sextner Rotwand, Großer Kinigat und Cima Vallon. Die Tour verbindet insgesamt 17 Hütten auf den Etappen und Wanderungen.

Der neue Höhenweg begeistert selbst Weltklasse-Alpinisten
„Der 108 Kilometer lange Höhenweg ist ein tolles Projekt, aber auch ein ambitioniertes alpinistisches Vorhaben, das man nicht unterschätzen sollte“, ist für Weltklasse-Alpinist Hans Wenzl klar, der aktuell zu den erfolgreichsten Höhenbergsteigern Österreichs zählt und gemeinsam mit Bergsteiger-Legende Reinhold Messner und Fausto De Stefani, der als zweiter Italiener nach Messner alle 14 Achttausender dieser Erde bestiegen hat, hinter dem Höhenweg steht, der auch die letzten Grenzen in den Köpfen abbauen soll. „Der Friedensweg, Dolomiten ohne Grenzen zeigt hervorragend, wie Grenzen zwischen Menschen, Ländern, Sprachen und Nationalitäten verblassen, um in der Schönheit dieser Berge Freude und Gemeinschaft zu erleben“, sagte Reinhold Messner bei der Eröffnung des Höhenweges.

Für alle Interessierten hält der bergerfahrene Jan Salcher vom Alpenverein noch einen Tipp bereit: „Rechtzeitig einen Platz in den Hütten sichern!“ Denn in den Dolomiten und auch in den Karnischen Alpen streben viele auf den gepflegten, gut beschilderten Wanderwegen den Gipfeln entgegen.

Hannes Wallner, Kronen Zeitung

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