Fr, 17. August 2018

Festspiel-Interview:

24.07.2018 06:47

Der Versuch größer zu sein als das Leben

Marc Hosemann spielt die Hauptrolle Castorfs Inszenierung von Hamsuns „Hunger“: Der deutsche Schauspieler über die Kraft der Sprache, eine Offenbarung und die „Adamsfamily“

Herr Hosemann, Sie verkörpern in Knut Hamsuns autobiografischen Debütroman „Hunger“, der diesen Festspielsommer auf der Perner Insel zur Uraufführung kommt, einen jungen Autor, der unbedingt Schriftsteller werden möchte. Die Zeitungen lehnen seine Berichte je- doch ab, er ist arm und leidet schrecklichen Hunger. Der Hunger verzehrt ihn immer stärker, seine Existenz, seinen Körper, seinen Geist. Der Roman ist eine Chronik des menschlichen Verfalls. Kannten Sie den Roman?

Ich hatte irgendetwas von Paul Auster gelesen, wo es eine Anspielung auf den Roman Hunger gab. Den habe ich mir dann gekauft und den einfach weitergelesen. Der Roman hat ganze Generationen von Schriftstellern beeinflusst, bis heute, obwohl er ja keine psychologisch begründbare Handlung hat. Die Kraft liegt in der Sprache. Es ist ein bisschen wie mit Munchs „Schrei“, jeder kennt das Bild und ist davon beeindruckt und berührt, ohne vielleicht die Hintergründe zu diesem Werk zu kennen - und genau so ist es für mich mit Hamsuns Roman.

Wie bereitet man sich auf so ein Unterfangen vor?

Darauf kann man sich nicht vorbereiten, man muss es auf sich zukommen lassen. Denn ob diese Tortur, dieser Kampf des Hungerns auf der Bühne stattfinden kann, kann man vorher nicht wissen. Aber aus genau diesem Grund, nimmt man so eine Herausforderung auch an. Natürlich möchte man nicht scheitern, sondern versucht diesen Kampf, der ja auch, zudem man nur mit diesen unglaublichen Text bewaffnet ist, einer mit sich selbst ist, zu bewältigen. Im Endeffekt handelt der Roman ja auch von einem Versuch etwas zu erreichen, der letztendlich im Wahn endet - so etwas kann man nicht einfach abbilden, das wäre kitschig, so etwas muss stattfinden.

Es inszeniert Frank Castorf, unter dessen Ensemble Sie 15 Jahre an der Volksbühne Berlin engagiert waren. Wie legt er das Stück an?

Da kann ich Ihnen nichts zu sagen, ich weiß es selbst bis zur letzten Sekunde meines Auftritts nicht. Nicht das es willkürlich wäre, das Stück ist, wie es von Castorf gedacht ist, vollkommen schlüssig. Wie dies allerdings zu erfüllen ist, und wie man auch dieser Literatur gerecht wird, ergibt sich erst beim Auftritt. Du kannst nur springen und so weit schwimmen, wie du kannst - genau so ist für mich auch dieser Roman. Ich versuche allerdings meine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen.

Wie ist generell die Zusammenarbeit mit Castorf, mit dem Sie u.a. auch 2004 mit dem Stück „Kokain“ in Salzburg ihr Festspieldebüt feierten?

Er legt eine Geschwindigkeit des Denkens an den Tag, die schon fast etwas Mathematisches hat, aber dramaturgisch immer umsetzbar ist. Es ist in jedem Sinne eine Überforderung, der man sich stellen muss, indem man einfach behauptet, dass man das kann. Es geht auf keinen Fall darum die Leute zu langweilen und man muss auch nicht alles verstehen, wenn man einen sinnlichen Zugang zu dem Abend hat. Dann entsteht etwas, was vielleicht das Einzige ist, was Theater dem Film voraus hat, nämlich das es live ist und in dem Moment passiert und genau so auch nicht wiederholbar ist. Das entsteht aber nur aus der Überforderung. Dann kann man nicht mehr so tun als ob.

Sie arbeiten mit Castorf nicht nur hier auf der Perner Insel, sondern auch am deutschen Theater Hamburg in O’Neills Stück „Der haarige Affe“ zusammen. Ihre gemeinsame Zeit geht also auch nach dem Ende der Volksbühne weiter. Aber sind Sie über dieses, für viele unbegreifliche Ende nicht trotzdem erbost?

Natürlich war die Zeit an der Volksbühne eine ganz besondere, und dieses Theater war bis zum Schluss ein magischer Ort. Dass man diesem Walfisch Volksbühne völlig willkürlich den Kopf abschlägt und somit einem der lebendigsten Teile, die es im deutschsprachigen Theaterraum gab, verenden lässt, ist einfach absurd. Jetzt liegt da einfach ein Gerippe am Straßenrand. Wofür?

Ist Castorf für Sie eine Art Mentor?

Als ich das erste Mal im Jahr 2000 in Zürich in dem Stück „Berlin Alexanderplatz“ mit ihm arbeitete, war das eine Offenbarung. Ich konnte auf einmal Sachen, die ich gerne im Film gespielt hätte, auf der Bühne spielen. Wir hatten eine gigantische Bühne von 50 Metern, die aus Containern gebaut war, es gab Wohnungen, eine Straße und einen Opel Omega, mit dem man durch eine Bretterwand fahren konnte - Theater in Cinemascope- Format. Auch das Bühnenbild von Bert Neumann spielte immer eine wichtige Rolle. Ich habe sehr viel von Castorf gelernt, von Slapstick über die Akrobatik des Scheiterns bis hin zur Dramatik des Hasses (lacht).

Dabei wollten Sie eigentlich gar nicht Schauspieler werden, haben die Ausbildung in Hamburg und Paris an der l‘école internationale de théâtre de Jacques Lecoq hingeschmissen. In einem Interview haben Sie einmal gesagt, Sie hätten am liebsten eine Zirkusschule besucht. Warum?

Am Zirkus hat mich immer fasziniert, das jemand etwas macht, was vielleicht kein anderer kann. Einmal habe ich in einem kleinen Zirkus in Portugal eine unglaubliche Löwen-Dressurnummer gesehen. Die Löwen konnten keinen einzigen Trick. Und die Kunst bestand darin sich die Löwen vom Hals zu halten, um nicht aufgefressen zu werden. Und das waren eine der spannendsten drei Minuten meines Lebens.

Was können Sie denn, was sonst niemand kann?

Ich bin ja kein Zirkusartist, deshalb bewundere ich Sie ja so (lacht). Keine Ahnung, vielleicht ist es der Versuch größer zu sein als das Leben, aber das geht auch meistens in die Hose.

Sie sind auch in der Film und TV-Branche sehr erfolgreich. Ab Herbst sind Sie im ZDF-Sechsteiler „Parfum“ zu sehen, angelehnt an den gleichnamigen Roman von Patrick Süskind. Allerdings spielt die Geschichte des Frauenmörders, der auf der Suche nach der Essenz der Liebe ist, in der Gegenwart. Welche Rolle spielen Sie?

Ich spiele einen Kommissar vom Niederrhein, mit sagen wir mal, merkwürdigen Eigenarten.

Sie haben auch schon selbst inszeniert, den Stummfilm „Koks Jedentag geht zur Arbeit“. Worum geht„s?

Es ist eine Hommage an einen Film mit Douglas Fairbanks aus dem Jahr 1916, in dem Sherlock Holmes, als der weltgrößte wissenschaftliche Detektiv, der wie in den Romanen kokain- und morphiumsüchtig ist, alle seine Fälle mit Drogen löst. Ich hab diese Geschichte 102 Jahre später ebenfalls als Stummfilm in meiner Version gedreht und den Kriminalfall in die Volksbühne verlegt, weil der Stummfilm eigentlich auch aus dem Kabarett, Theater und Zirkus kommt. Man denke nur an Buster Keaton oder eben Douglas Fairbanks, sie waren nicht nur Schauspieler, sondern auch Artisten.

Auf der Perner Insel trifft sich nahezu das komplette ehemalige Ensemble der Volksbühne, demnach ein eingespieltes Team.

Ja, so wie die Adamsfamily.

Wie ist die Arbeit hier auf der Insel in Hallein?

Einzigartig, eine ganz tolle Bühne. Salzburg kenne ich fast gar nicht. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich 2004, als ich hier in “Kokain„ gespielt habe, mit der damaligen Buhlschaft, Veronica Ferres durch die Bars gezogen bin.

Jetzt steht Ihnen mit Sophie Rois (1998) auch eine ehemalige Buhle zur Seite.

(Lacht herzhaft) Ja stimmt, aber ich muss gestehen, ich habe den ,Jedermann" noch nie gesehen, aber vielleicht klappt es ja dieses Mal.

Tina Laske
Tina Laske

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