Do, 16. August 2018

Ständig neue Methoden

04.07.2018 09:13

Alte Fälle aufrollen: DNA als Waffe gegen Mörder

Tirol war in der Vergangenheit häufig Schauplatz kapitaler Gewaltverbrechen und rätselhafter Todesfälle. Vieles wurde geklärt, einiges liegt aber auch noch nach Jahrzehnten im Dunkeln. Mit Hilfe modernster Technik und speziell geschulter „Cold-Case“-Ermittler des Bundeskriminalamts werden Fälle neu aufgerollt.

Akribische Ermittlungsarbeit führte die Polizei jüngst im Mordfall Fritzens zum Erfolg. 500 Hinweise bzw. Spuren wurden ausgewertet, letztlich war es ein DNA-Treffer, der zur Verhaftung eines Verdächtigen führte. „Heute genügen allerkleinste Mengen an DNA-Spuren für die Analyse“, berichtet LKA-Vizechef Christoph Hundertpfund von großen technischen Fortschritten auf diesem Gebiet.

Mit Hilfe neuer Technik alte Fälle neu aufrollen: „Das ist eine Möglichkeit, wenn alte DNA-Spuren vorhanden sind. Es gibt einige Fälle in Österreich, die dadurch aufgegangen sind. Man braucht allerdings alte Spurenträger, und die sind nicht immer vorhanden“, sagt Hundertpfund. „Aber: Mord verjährt nicht, und sämtliche Spurenträger werden archiviert.“

Das Bundeskriminalamt habe bereits alte Fälle der Reihe nach durchforstet. Im Mordfall Kammerer sei die Leiche exhumiert worden, ebenso im Fall Raven Vollrath (siehe weiter unten).

Ermittlungspannen und Verschwörungstheorien
Im Fall Daniela Kammerer seien spezielle „Cold-Case“-Ermittler des Bundeskriminalamtes im Einsatz gewesen, die jedem Ermittlungsansatz noch einmal nachgegangen sind, letztlich leider ohne Erfolg.

Immer wieder sind die Ermittler mit Vorwürfen konfrontiert, Fehler gemacht zu haben: „Daraus entstehen dann Verschwörungstheorien und das ist für uns Ermittler nicht hilfreich“, so der Kriminalexperte. Wobei er Ermittlungspannen nicht kategorisch ausschließt: „Im Fall des Eishockeyspielers, der am Gletscher ums Leben kam, hätte man früher zu einem Ergebnis kommen können. Hier hat es ein paar eigenartige Dinge gegeben, die mit dem Snowboard-Verleih zu tun hatten. Aber letztlich erkannte ich keine Anhaltspunkte auf Fremdverschulden.“

Schlüsse gezogen aus umstrittenen Fällen
Beim Saisonarbeiter Raven Vollrath sei es der Hartnäckigkeit der Eltern zu verdanken gewesen und der Staatsanwaltschaft, dass der Fall neu aufgerollt und der Täter geschnappt werden konnte. Bei Abgängigkeit könne man nicht sofort von Mord ausgehen. Eine Konsequenz habe man gezogen: „Wenn irgendwo ein Auto zurückbleibt, muss es auf Spuren untersucht werden.“

Rätselhafte Kriminalfälle: 1. Der mysteriöse "Telefonzellen-Mord
Blutüberströmt lag Daniela Kammerer (19) am frühen Morgen des 23. Juni 2005 in einer Telefonzelle beim Innsbrucker Rapoldipark. Ein Unbekannter hatte der Studentin ein Messer in die Brust und den Rücken gerammt. Offenbar war die junge Frau ein Zufallsopfer. Bis heute sind jedoch die Hintergründe völlig unklar.

Akribisch wurde damals das gesamte Umfeld des Opfers unter die Lupe genommen - ohne Erfolg. Verwertbare DNA lag zunächst auch keine vor, und von der Tatwaffe fehlte jede Spur. Zwischenzeitlich geriet Sanel A. - ein bosnischer Asylwerber, der angeblich Kontakte zur nordafrikanischen Drogenszene hatte - ins Visier der Ermittler. Doch „die Suppe war zu dünn“, der Mann musste wieder freigelassen werden. 2013 klickten dann am Flughafen Wien-Schwechat bei einem früheren Studienkollegen die Handschellen. Weil letztendlich doch noch fremde DNA auf Kammerers Rock gefunden worden war - die vom 29-Jährigen stammte. Diese Spur verlief dann aber auch im Sand...

Fall 2:  Susi Greiner stieg nackt auf den Gipfel und starb
Die ostdeutsche Saisonarbeiterin Susi Greiner (28) wird im August 2006 zunächst als vermisst gemeldet. Zwei Wochen später wird ihre nackte Leiche unterhalb der Gumpenspitze (2178 Meter) im Rofan entdeckt. Außer einer Platzwunde am Kopf wies die Leiche keine Verletzungen auf.

Ihre Kleidungsstücke waren kilometerweit verstreut. Barfuß soll sie einen Höhenunterschied von 800 Metern überwunden haben - ohne Verletzungen. Als Todesursache wurde Erfrieren aufgrund eines gestörten Wärme-Kälte-Empfindens festgestellt. Die Mutter bezweifelte das!

Fall 3: Raven Vollrath - Tot auf einer Matratze unter der Brücke
Der Tod des deutschen Saisonarbeiters Raven Vollrath (25) war 2006 schon als „Unglücksfall“ zu den Akten gelegt worden, als es zur dramatischen Wende kam: Die Mutter des Freundes, mit dem er kurz vor Weihnachten 2005 auf Arbeitssuche im Tannheimertal und Sölden war, packte aus. Ihr Sohn habe Raven im Streit erstochen. Der Mann war im Dezember 2005 aus seiner Unterkunft im Tannheimertal verschwunden, erst ein halbes Jahr später wurde zwei Kilometer entfernt in Zöblen seine verweste Leiche gefunden. Gerichtsmediziner konnten keine Zeichen von Gewalteinwirkung erkennen. Doch die Eltern glaubten das nicht.

Fall 4: Tod am Gletscher - Drama um kanadischen Sportstar
1989 wurde der kanadische Eishockeystar Duncan MacPherson als vermisst gemeldet. 14 Jahre später gab der Stubaier Gletscher die Leiche des Mannes frei. Was folgte, war ein eiskalter Thriller. Während die Polizei von einem Snowboard-Unfall ausging, tauchten von anderen Seiten verschiedenste (Verschwörungs-) Theorien auf. Etwa, dass der Kanadier von einem Ratrac überrollt worden sei. Auch die Eltern wollten nie an einen Unfall glauben („Unser Bub wurde ermordet“). Ein Polizeiermittler von damals erinnert sich: „Es bestand kein Verdacht auf Fremdverschulden!“

Philipp Neuner
Philipp Neuner
Hubert Rauth
Hubert Rauth

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