Mo, 23. Juli 2018

Im Gespräch

08.06.2018 07:00

Madsen: Die Angst bei den Hörnern gepackt

Die deutschen Punkrocker Madsen gehören nicht nur zu den bodenständigsten, sondern auch beliebtesten Bands ihrer Zunft. Seit knapp 15 Jahren ständig zwischen Mainstream und Independent mäandernd, hat sich die Familienbande aus dem niedersächsischen Wendland vor allem auch in die Herzen ihrer österreichischen Fans gespielt. Bis zum brandneuen Album „Lichtjahre“ musste das Quartett aber harte Zeiten durchschreiten. Sänger Sebastian und Drummer Sascha Madsen gaben uns in einem sehr offenen Gespräch detaillierte Einblicke.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihrer Arbeit nachgehen und geraten plötzlich ins Stocken. Herzrasen, Todesangst, Fluchtgedanken, Panikattacken. Nichts geht mehr. Die einfachsten Dinge werden zu scheinbar unüberwindbaren Hindernissen, dazu plagen Sie ständige Zweifel, ob Sie für Ihre Umwelt nicht eine einzige Belastung seien. Durch diese psychische Hölle musste Madsen-Frontmann Sebastian vor nicht allzu langer Zeit, als er während einer gewöhnlichen Promoreise plötzlich an all diesen Symptomen litt und anfangs an einen Herzinfarkt dachte. „Wir haben dann das Allernötigste fertiggemacht und ich wollte die ersten Wochen nicht einmal das Zimmer verlassen. Das passierte mitten in Luxemburg, viel blöder kann es eigentlich gar nicht gehen“, schmunzelnd er im „Krone“-Interview, sichtlich erleichtert, das Schlimmste überstanden zu haben.

Kollegiale Szene
Die Dämonen von damals hat Sebastian besiegt. Verantwortlich dafür war vor allem seine Offenheit gegenüber der Thematik und dass er von Anfang an jede Art von Hilfe annahm. „Der Wendepunkt kam, als ich mich mit Kollegen darüber austauschte. Man hat immer das Gefühl, den anderen zur Last zu fallen und will sich ständig entschuldigen, aber das ist völliger Blödsinn. Da ich wusste, dass es anderen Musikern ähnlich ging, war eine Therapie im klassischen Sinne nicht nötig. Am Schönsten war es aber zu sehen, wie kollegial viele Musiker sind und dass wir in einer Szene leben, wo viel gegenseitige Unterstützung herrscht.“

Die Panikattacken des Frontmannes waren dann auch ausschlaggebend für das neue Madsen-Album „Lichtjahre“, auf dem das Thema Angst in den unterschiedlichsten Facetten beleuchtet wird. Als Sebastian sich auf Urlaub befand, um seine Akkus aufzuladen und mit dem Problem klarzukommen, schrieb er den ersten Song „Wenn es einfach passiert“, der thematisch genau in die Kerbe seines damaligen Leidens schlägt. Auch „Wenn alles zerbricht“ oder „Athlet“ sind Nummern, die sich lose um Angstzustände drehen. „Die Erfahrungen der letzten Jahre warfen bei mir auch die Frage auf, ob ich in gewissen Lebenssituationen lieber in einer dunklen Ecke bleibe, oder vorangehe und etwas riskiere. In dem Song geht es aber auch um den Moment, in dem man sich wieder aufrafft, um loszurennen und weiterzumachen. In einem Madsen-Text war ein positiver Ausgang immer wichtig. Wir sind eine Band, die Optimismus versprüht und damit offenbar Menschen aus Lebenskrisen holen konnte.“

Riesengroße Seifenblase
Die Panikattacken haben Sebastian Madsen mitunter auch gelehrt, auf sich und seinen Körper zu hören, sich selbst nicht mehr zu viel zuzumuten. „Zu viel Promo, dauernd Konzerte, dazwischen die ganzen Partys, bei denen man natürlich auch mal über den Durst trinkt - irgendwann geht das alles einfach nicht mehr. Ich habe heute ein sehr entspanntes Verhältnis zu vielen Dingen. Unter anderem auch zu unserer eigenen Musik. Wer uns hören will, der hört uns. Wer nicht, der eben nicht.“ Vergangenheit und Partyleben haben auf „Lichtjahre“ ebenso Einzug gehalten, wie Tücken und Oberflächlichkeiten des Musikbusiness. Alles Dinge, die Madsen in knapp 15 Jahren Bandkarriere bestens kennenlernen durften. „Der ECHO ist ein gutes Beispiel dafür“, erinnert sich Drummer und Wahl-Österreicher Sascha Madsen zurück, „wir waren für unser zweites Album nominiert. Alles war schön und aufregend, aber wir merkten relativ schnell, dass das alles eine riesengroße Seifenblase voller Selbstdarsteller ist. Nach der Aftershowparty waren wir auch schnell wieder weg.“

Madsen haben sich über die Jahre den Ruf erarbeitet, nicht kategorisierbar zu sein. So spielten sie auch schon mal bei „The Dome“ und schreiten über rote Teppiche, fühlen sich aber genauso auf staubigen Festivalbühnen oder drittklassigen Kellerclubs wohl. „Die Plattenverkäufe sind heutzutage natürlich eine Katastrophe“, lacht Sascha, „aber dann gibt es Konzerte wie unlängst in Hamburg, wo 4000 Leute jedes Wort mitsingen, was ein unglaublich geiles Gefühl ist. Uns gibt es jetzt schon eine Weile und wir haben viele Bands an uns vorbeirauschen und in der Versenkung verschwinden sehen. Viele zerbrechen schlussendlich an ihrem einen großen Hit, den wir glücklicherweise nie hatten.“

Spontane Heiratsanträge
Die Entschleunigung hat sich auch auf die Aufnahme der Platte übertragen. Produziert wurde ohne Stress mit einem ehemaligen Schulfreund. Auf große Namen wurde gänzlich verzichtet und wenn die Lust gerade nicht da war, machten die Madsen-Jungs auch einmal drei Monate Pause. „Wir bewegen uns dauerhaft zwischen Independent und Popmusik, was eigentlich ein entspanntes Dasein mit sich bringt“, erzählt Sebastian, „den großen Hit gab es nie und den brauchen wir auch nicht. Wofür? Damit all die Idioten, die den ganzen Tag nur Radio hören für eine Saison auf unsere Konzerte kommen und dann wieder weg sind? Das ist gar nicht unser Anspruch.“ Madsen gehen lieber weiter den Weg mit ihren Fans, die mittlerweile längst aus allen Generationen stammen. „Uns wird oft erzählt, dass wir die Menschen mit unserer Musik begleiten. Unlängst habe ich sogar eine Nachricht bekommen, dass jemand nach einem Konzertbesuch von uns seiner Freundin aus einem dringlichen Gefühl heraus einen Antrag machte“, lacht Sascha.

Sebastian hat die Durchmischung in letzter Zeit genauer analysiert. „Schon auf der letzten Tour gab es vorne die Zahnspangen und hinten die Älteren, die gemütlich mit dem Kopf nicken. Ich finde das Älterwerden aber schön - auf Berufsjugendlicher sollen andere machen.“ Nach einem vielumjubelten Konzert in der restlos ausverkauften Wiener Arena, dem ersten von Madsen nach gut acht Monaten, wird es wohl 2019 zu einem Österreich-Comeback kommen. Bleibt nur die bange Frage, ob die sehr persönlichen und tiefgehenden Songs von Sebastian ihm nicht immer wieder die dunkelste Zeit seines Lebens in Erinnerung rufen? „Ein Song wie ,Wenn es einfach passiert‘ ist wie Medizin für mich, falls ich jemals wieder Angst vor einem Auftritt kriege. Ich kann mir damit selbst helfen und wenn es einfach wieder passiert, dann wird mir gar nichts mehr passieren.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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