Mi, 18. Juli 2018

Nach Strom-Drama:

17.03.2018 16:25

„Es erfordert sehr viel Mut, Nein zu sagen“

Sie beißen in Waschmittel-Tabs als Teil von „Internet-Challenges“, laufen über Bahngleise oder klettern auf Güterzüge – dabei enden jugendliche Mutproben immer wieder tödlich. Erst am Donnerstag verstarb ein 14-jähriger Schüler in Münster, weil er auf einen Stromkasten kletterte und in die 25.000 Volt-Leitung geriet. Aber was steckt hinter der hohen Risikobereitschaft und wie können derartige Unfälle vermieden werden?

Der Schock und die Betroffenheit nach dem Tod eines 14-jährigen Berliner Schülers in Münster sitzt tief – trotzdem sei es gerade jetzt wichtig, über die zum Teil tödlichen Gefahren von Mutproben zu sprechen. Denn während viele Einzelfaktoren zur hohen Risikobereitschaft von Jugendlichen führen, gibt es eigentlich nur eine Maßnahme, mit der dagegen gesteuert werden kann: Aufklärung.

Offene Kommunikation als wichtige Maßnahme
„Es ist wichtig, solche Geschehnisse nicht von den Jugendlichen fernzuhalten, sondern sie zu besprechen. Zuhause, in der Schule und in der Gesellschaft“, erklärt Miriam MacGowan, Klinische und Gesundheitspsychologin aus Tirol. Jugendliche seien sich zwar durchaus über Gefahren bewusst, dass es aber wirklich tödlich enden kann, sei für die meisten nicht greifbar. „Viele haben sich in dem Alter noch nie schwer verletzt“, erklärt MacGowan, „Gefahren werden falsch eingeschätzt.“

Identität, Grenzen und viel Druck von Außen
Grundsätzlich aber sind es viele individuelle Einzelfaktoren, die auf die Teenager einwirken: „Gerade im Jugendalter werden Grenzen ausgetestet und die eigene Identität gesucht“, erklärt die Psychologin. Eine große Rolle spiele das soziale Gefüge, denn „eine Mutprobe ist keine Mutprobe, ohne Zuschauer. Jugendliche wollen dazu gehören, mutig sein, sich beweisen, Bewunderung erlangen. Dabei sind sie oft großem sozialen Druck ausgesetzt und denken so die Szenarien nicht bis zum Ende durch,“ schildert die Psychologin ihre Erfahrung. Deshalb sei es wichtig, den Kindern und Jugendlichen mitzugeben, dass sie toll sind, so wie sie sind. „Wertschätzung ist wichtig, um die Jugendlichen zu stärken, so dass sie in einer Situation, in der es darum geht, sich zu beweisen, auch den Mut besitzen, Nein zu sagen“, erklärt die Psychologin.

Überlebender: „Jeder Unfall ist einer zu viel“
Auch Simon (Name geändert) stimmen derartige Unfälle nachdenklich. Der 19-jährige Tiroler geriet im März 2016 selbst in eine Hochspannungsleitung eines Bahnhofs – damals war er gerade 17 Jahre alt. Er ist einer der wenigen Menschen, die einen solchen Stromunfall überlebten. Heute sagt er: „Jeder, der da rauf steigt, ist für mich einer zu viel.“ Etliche Operationen dauerte sein Kampf zurück: „60 Prozent meiner Haut sind betroffen. Klingt schlimmer als es ist, ich könnte auch tot sein“, schilderte der junge Mann kürzlich im im "Krone"-Gespräch.

„Aufklärung und Sensibilisierung“
Damit hat er Recht, denn: „Stromunfälle bei Bahnanlagen enden in 99,9 Prozent der Fälle tödlich! Das klettern auf Eisenbahnwagons ähnelt sich nicht mit dem russischen Roulette, weil 15.000 Volt sind immer tödlich,“, sagt Herbert Hofer Pressesprecher der ÖBB. Vielen sei die große Gefahr im Bereich von Bahnanlagen oft nicht bewusst, so der Sprecher. Die ÖBB setzt deshalb auf Sicherheitskampagnen, um solchen Unfällen so gut wie möglich vorzubeugen.

Anna-Katharina Haselwanter
Anna-Katharina Haselwanter

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen

Newsletter

Melden Sie sich hier mit Ihrer E-Mail-Adresse an, um täglich den "Krone"-Newsletter zu erhalten.