Fr, 19. Oktober 2018

An Überdosis gestorben

11.03.2018 06:00

Tot neben Müll gefunden: Das Leben von Amelie (15)

Sie war zwölf, als sie ihre erste Haschzigarette rauchte. Mit 14 begann sie, harte Drogen zu nehmen. Jetzt wurde sie tot neben Müll gefunden. Die Geschichte eines Mädchens, das niemals glücklich sein durfte.

Vergangener Donnerstag in Niederösterreich, am Friedhof von Wiener Neustadt: Kränze mit Rosen, Margeriten und Nelken werden von Bestattern in die Aufbahrungshalle getragen und dann um einen schlichten Holzsarg gelegt. Dem toten Mädchen, das darin liegt, wurde ein weißes Spitzenkleid angezogen. Sein Gesicht ist geschminkt, die Fingernägel sind rosafarben lackiert. Amelie soll schön sein, wenn sie begraben wird - das war der Wunsch ihrer Mutter.

Sie war ein verlorenes Kind
Die letzten Minuten im Leben der 15-Jährigen müssen grauenhaft gewesen sein. Wahrscheinlich hatte sie starke Schmerzen, wahrscheinlich empfand sie peinigende Angst, wahrscheinlich fühlte sie sich völlig hilflos - als sie, neben Sperrmüll, auf einem Wiesenstück vor einem Gemeindebau lag und von Sekunde zu Sekunde schwächer wurde. Amelie starb in den frühen Morgenstunden des 27. Februar an einer Überdosis Drogen. Eine Passantin entdeckte die Leiche zufällig, gegen 9.30 Uhr. In der rechten Hand des Mädchens - ein Handy. Wen wollte es anrufen in seinem Todeskampf?

200 Meter Luftlinie vom Auffindungsort entfernt hat die Schülerin gewohnt. Zusammen mit ihrer Mutter und deren Freund. Auf 50 Quadratmetern im ersten Stock, Toilette am Gang. In einer heruntergekommenen Mietskaserne, in der die Sprechanlage nicht funktioniert und das Schloss zur Eingangstüre kaputt ist. Das Zimmer des Mädchens: klein, bescheiden. Ein Bett mit roten Decken darauf, ein schmaler Kasten, auf einem Regal liegen verstreut Lipgloss-Tuben und Haarspangen.

„Ich wollte immer nur das Beste für sie
„Viele Menschen geben jetzt mir die Schuld an Amelies Tod“, schluchzt ihre Mutter, „aber ich habe sie doch geliebt, so sehr geliebt. Und ich wollte immer nur das Beste für sie.“ Die Frau, eine serbisch-stämmige Kroatin, kam früh nach Österreich. Die Beziehung mit einem Landsmann scheiterte schnell, sie zog den gemeinsamen Sohn alleine auf. Sie schlug sich mit Hilfsarbeiterjobs durch, irgendwann bekam sie eine Anstellung in einem Supermarkt – die sie rasch verlor. Denn sie litt schon immer an starken Stimmungsschwankungen. In schlechten Phasen versuchte sie, ihre innere Leere mit Alkohol auszugleichen. Noch mehr, nachdem ihr Bub an einer Überdosis Drogen gestorben war.

In diesem Zustand hatte sie eine kurze Liaison und wurde schwanger. Den Mann sah sie danach nie wieder: „Amelie hat ihren Papa nie kennengelernt.“ Das Mädchen wuchs also alleine mit einer Mutter auf, die zwar abgöttisch an ihrem Kind hing, ihm aber nicht die Sicherheit geben konnte, die es gebraucht hätte. Trotzdem entwickelte sich die Kleine zunächst halbwegs gut, lernte brav in der Volksschule.

Und dann begann sie abzustürzen
Aber je älter sie wurde, desto mehr begriff sie, dass bei ihr einiges „anders“ lief. Die Mama, häufig auf Lokaltouren. Der Bruder, gestorben vor ihrer Geburt. Ein Vater, dem sie egal war. Nach ihrem Übertritt in eine NMS galt Amelie bald als „Problemfall“. Sie schwänzte oft den Unterricht, verkehrte mit Jugendlichen, die aus ähnlich desolaten Familienverhältnissen stammten wie sie. Mit zwölf rauchte sie ihre erste Haschzigarette.

„Ständig redete ich auf sie ein, die Finger von dem Zeug zu lassen“, sagt ihre Mutter, und: „Bis vor Kurzem hatte ich keine Ahnung davon, dass sie auch härtere Drogen nahm.“ Seit über einem Jahr konsumierte das Mädchen regelmäßig Heroin und Kokain, im vergangenen Dezember musste es wegen Vergiftungserscheinungen in einem Spital behandelt werden. Und danach? „Entglitt mir meine Tochter vollends.“ Sie kam tagelang nicht heim, war telefonisch nicht erreichbar: „Das ist auch in den 48 Stunden vor ihrem Tod so gewesen.“

Dealern drohen Haftstrafen
Den Abend des 26. Februar soll die 15-Jährige – behaupten Mitglieder ihrer Clique – am Bahnhof von Wiener Neustadt verbracht haben, mit zwei Freundinnen. Wo sich die Mädchen „Stoff“ beschafft und ihn einander mit Injektionsnadeln in die Venen gejagt hätten, auf einer Toilette. Daraufhin sei Amelie übel geworden und sie sei – angeblich alleine – „in Richtung nach Hause“ gegangen. Die Kriminalpolizei ist nun dabei zu überprüfen, von wem die Schülerin die Drogen bezogen hat, wie sie ihre Sucht finanzieren konnte – und ob möglicherweise doch irgendjemand dabei war, bei ihrem Zusammenbruch. Etwaigen Zeugen und ihren Dealern drohen Haftstrafen.

2017 postete Amelie auf Facebook: „Menschen sind die einzigen Kreaturen auf dieser Welt, die Bäume fällen, Papier daraus machen und dann darauf schreiben: ,Rettet die Bäume.‘“ Meinte sie mit den Bäumen sich selbst?

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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