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10.12.2016 - 23:51
Foto: Universal Music

Marilyn Manson findet wieder in die Spur zurück

18.01.2015, 17:00
Man wollte ihm aufgrund der durchschnittlichen letzten Alben schon die künstlerische Bedeutungslosigkeit attestieren, doch Marilyn Manson zeigt sich auf seinem Werk "The Pale Emperor" so stark wie noch nie in diesem Jahrtausend. Auch wenn der einstige Bürgerschreck mittlerweile zum dunkel-eleganten Gothic-Dandy mutiert ist.

Marilyn Manson – Provokateur, Sünder, Kunstfigur, Dandy. Es gibt wenig, das noch nicht über den 46- jährigen Amerikaner geschrieben wurde, der es vor allem in den 90er- Jahren wie kein Zweiter schaffte, den Finger auf die Wunden der amerikanischen Gesellschaft zu legen. Mit der horrösen Eurythmics- Coverversion von "Sweet Dreams" setzte er 1995 ein erstes markantes Zeichen im Musikgeschäft. Vom Sonderling aus der näheren Nachbarschaft zum Staatsschreck Nummer eins mutierte Manson ein Jahr darauf mit seinem zweiten Album "Antichrist Superstar". Die klare, aus seiner christlichen Kindheit geprägte Abneigung gegen Religion, verstörende Videos und das an Reichsparteitage erinnernde Predigen von der Kanzel bei Liveshows war bewusst eingesetztes Kalkül.

Zahlreiche Wandlungen

Knapp zehn Jahre vor dem endgültigen Durchbruch der sozialen Medien gab es hier plötzlich ein Schreckgespenst, das mit seiner morbiden Auffassung von Gothic- Industrial- Metal die längst verblichene Hemdsärmeligkeit des kurzlebigen Grunge ad absurdum führte. Schmuddelige Gitarrenriffs waren so out wie heute das Studi- VZ, Manson brachte in einer verstörend- militarisierten Art und Weise Zucht und Ordnung in die Branche. Weder künstlerisch und kommerziell war damit der Plafond erreicht. Auf "Mechanical Animals", seinem ersten Nummer- eins- Album, huldigte er 1998 der Androgynität seines Idols David Bowie und entdeckte den Glam Metal, "Holy Wood" zeigte Manson 2000 wieder introvertierter und düster wie nie, und mit "The Golden Age Of Grotesque" erreichte er 2003 die Spitzenposition in fast allen relevanten Charts des Globus. Dass das offensichtliche Kokettieren mit Nazi- Symbolik den Erfolg zusätzlich förderte, ist anzunehmen.

Ausgepowert von den vielen Touren, Erfolgen und Skandalen (1999 setzte man ihn direkt mit dem Columbine- Schulmassaker in Verbindung, 2002 musste er einen Gerichtsprozess durchstehen, nachdem eine Frau nach einer Party in der Manson- Villa bei einem Autounfall ihr Leben verlor – angeblich wurde sie von Manson mit Drogen vollgepumpt) ließ den "Fürst der Finsternis" dann auch die musikalische Kreativität im Stich. Während er sich auf anderen Ebenen – er kreierte einen Absinth, überzeugte mit Kunstausstellungen auch den Wiener Gottfried Helnwein und schnupperte verstärkt in die Schauspielerei – zusehends profilierte, war er weder auf den darauffolgenden Alben noch bei seinen Liveshows in alter Form. "Born Villain" wurde 2012 von so manchem Kritiker und Fan gar als Grabgesang des Künstlers angesehen – dass er noch einmal zu alter Stärke findet, war zu diesem Zeitpunkt nicht zu ahnen.

Charmanter Rotwein- Dandy

Dementsprechend skeptisch reagierte die Welt auf die Ankündigung seines neunten Studioalbums "The Pale Emperor". Was wie eine exakt treffende Selbstreflektion klingt, spricht aber auf den eher unbekannten römischen Kaiser Elgabal an, der angeblich als Erster in seiner Position Gott ablehnte. Da ist sie also wieder, die Verdammung von allem Religiösen, das ständige Wadlbeißen in vorgefertigte Dogmen, für das Brian Warner (so sein Geburtsname) zum Kultobjekt aufstieg. Doch Manson lässt sich nicht auf dünnes Glatteis führen. Im Zeitalter des Internets und der Unmöglichkeit, außerhalb von Rechtsradikalismus und Pädophilie ernsthaft provozieren zu können, gibt er sich lieber als charmanter Rotwein- Dandy mit Gothic- Chic. Ein verharmlostes oder, wenn man so will, erwachsenes Abbild seiner Selbst.

Da Schock- Rock an der Unmöglichkeit der Gegenwart scheitert, versucht sich Manson über weite Strecke am Blues. Wer jetzt befürchtet, er würde das Vermächtnis von Robert Johnson entweihen, kann sich beruhigt zurücklehnen – die Manson- Auffassung von Blues ist natürlich weitaus weitreichender zu sehen. "The Mephistopheles Of Los Angeles" oder "Slave Only Dreams To Be King" überraschen mit simplen Riffkaskaden und der gewohnt schief liegenden, aber eindrucksvollen Stimme des Frontmannes. Zu Beginn von "The Devil Beneath My Feet" rocken sogar Royal Blood oder die Black Keys am geistigen Auge vorbei und man wird das Gefühl nicht los, dass der mitten im zweiten Lebensdrittel stehende Amerikaner versucht, sich zu demaskieren, seine musikalischen Wurzeln offenzulegen und sein Innerstes hervorzukehren.

Hingebungsvolles Leiden

Wirklich essenziell wird das Dargebotene dann, wenn Manson seine markant schmerzverzerrten Vocals in einen musikalischen Fluss aus theatralischer Mystik bettet. "Third Day Of A Seven Binge" ist so ein Beispiel für hingebungsvolles Leiden, oder der aufwühlende Album- Closer "Odds Of Even", auf dem Manson den Hörer noch einmal zu seiner Tour de Force lädt, um ihn die Sogkraft des Dunklen spüren zu lassen. Das es mit "Warship My Wreck" oder dem aus der TV- Serie "Salem" bekannten "Cupid Carries A Gun" auch ein paar durchschnittliche "Stinker" aufs fertige Album geschafft haben, trübt das Hörvergnügen nur marginal. Zu intensiv und gut verwoben klingt das mit schicker Schwarz- Weiß- Ästhetik unterstützte Treiben auf den insgesamt zehn Songs.

An die Sonderklasse der frühen Tage kommt Mr. Manson freilich nicht ran, aber künstlerisch ist "The Pale Emperor" ein deutliches Ausrufezeichen und das beste Werk seit der düsteren "Holy Wood". Zudem widmet er das Album im Booklet seiner verstorbenen Mutter – ein weiteres Zeichen für die natürliche Menschlichkeit des einstigen Bürgerschrecks, dessen Schockwirkung heute nur mehr die Intensität eines Alice Cooper teilt. Das Erwachsenwerden ist auch im künstlerischen Bereich schwierig, doch der "Sons Of Anarchy"- Darsteller donnert auf dem neuen Werk mit Vollgas an der Kurve der musikalischen Bedeutungslosigkeit vorbei. Das ist die eigentliche Sensation.

18.01.2015, 17:00
Robert Fröwein, Kronen Zeitung
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