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11.12.2016 - 10:12
Foto: Andreas Graf

Lou Reeds "Berlin" im Wiener Gasometer

05.07.2008, 11:27
Rock 'n' Roll mit Hirn zu versetzen, ein riskantes Unternehmen. Bei Lou Reed war das immer anders. Warum sein Konzeptalbum "Berlin" (1973) aber nicht den Status von etwa Pink Floyds "The Wall" erreicht hat, wird man sich noch in Jahrzehnten fragen. Und wer dessen Verwirklichung auf der Bühne Freitagabend in der Bank-Austria-Halle im Wiener Gasometer im Rahmen des Jazz Fests Wien erlebte, wird sich auch wundern, warum der Publikumsandrang nicht der erhoffte war. Trotzdem feierten knapp über 1.000 Besucher Reeds perfekt ausbalancierte Show.

Es könnte das schon zuvor durchgesickerte Fehlen seines Hits "Walk on the Wild Side" gewesen sein, was ein Bersten der Halle verhindert hatte. "Berlin" ist Reeds düsterstes Opus, eine Verweigerung des Rock 'n' Roll mit Mitteln des Rock 'n' Roll. Freilich, szenisch wurde das Stück über allzu Menschliches in der einst geteilten Stadt nie wirklich umgesetzt, für den optischen roten Faden sorgt bei dieser Tour aber die Bühne des Regisseurs Julian Schnabel: Im Wohnzimmerstil samt Tapete und darüber projiziertem Film von Töchterchen Lola. Family Business à la New York eben.

Bilder von der "Berlin"- Show in der Infobox!

Streicher, Bläsersatz und ein Mädchenchor

Übertönen konnte die Bühne das Geschehen darauf allerdings nicht. Reeds minimalistische Anwesenheit reichte, seine Band besorgte den Rest: Gediegenes Rock- Handwerk demonstrierte die eingespielte Band, die um drei Streicher, einen vierköpfigen Bläsersatz sowie einen 12- köpfigen Mädchenchor erweitert wurde. Man merkt: Hier kommt nichts aus der Konserve, das künstlerische Anliegen wird allein aufgrund des Aufwands spürbar. Und wenn Gitarrist Steve Hunter während der Zugabe eine Saite reißt, wird sogar die Roadcrew gleichberechtigter Teil des Geschehens. Am Ende des Sets galt Reeds namentlicher Dank so ziemlich jedem, der irgendwie am Gelingen des Abends beteiligt war. Sympathisch.

Nach drei Zugaben war Schluss

Der Sound: Hauptsächlich Gitarrenwände, ob akustisch oder elektrifiziert. Intensität statt Komplexität der Songs lautet die Devise auf "Berlin": Wenn sich etwa der "Sad Song" auch nach etlichen Minuten noch zu steigern vermag. Ebenso beim Titelsong oder "Men of Good Fortune". Spannung wurde aber auch bei weniger Brachialem aufgebaut, etwa bei "Oh Jim", wo lediglich Reed und seine E- Gitarre für verfremdeten Rock'n'Roll sorgten. "Rock And Roll" gab es schließlich auch noch - als zweiten Song der Zugabe. Ebenso wie "Satellite of Love" und den Charity- Song "The Power of the Heart". Gehen lassen wollte Reed niemand wirklich, zum Schluss half aber auch der andauernde Jubel nicht mehr.

Bilder: (c) Andi Graf

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