Sa, 26. Mai 2018

"Krone"-Interview

26.11.2017 18:20

Zola Jesus: Kampf gegen innere Dämonen

Vor einem prall gefüllten Fluc in Wien begeisterte Nika Roza Danilova alias Zola Jesus unlängst mit einer intensiven Performance, die zwischen dunklem Goth-Pop, Electronic und Dark-Wave-Elementen mäanderte. Für ihr aktuelles Album "Okovi" fand die 28-Jährige nicht nur zu ihren Wurzeln zurück, sondern auch aus einer schwierigen Depression heraus. Im "Krone"-Interview reflektiert sie noch einmal die dunklen Jahre des inneren Schmerzes.

Irgendwann wuchs ihr alles über den Kopf. Die Oberflächlichkeit der amerikanischen Metropolen war ihr zu viel. Der ewige Stress, die Hektik der Stadt und die immerwährende, innere Dunkelheit, die sich wie ein Mantel der Melancholie im Körper breitmachte und ihr metaphorisch gesehen den Hals zuschnürte. Es war Zeit, um die Flucht nach hinten anzutreten. Zurückgehen zu den Wurzeln des eigenen Seins, um die nötige Ruhe für den Aufbau neuer Kräfte zu finden. Die eigenen Depressionen, Selbstmordversuche im Freundeskreis und der Fokus auf die finsteren Täler des Daseins dienten in den Wäldern Wisconsins als Leitmotive für das neue Album "Okovi". Nika Roza Danilova, besser bekannt als Zola Jesus, hatte nach dem überraschend fröhlichen "Taiga" (2014) die lockere Unbeschwertheit verloren und musste sich die letzten Jahre über erst mühsam in die Realität zurückkämpfen.

Erdung in der Heimat
Nach einigen Jahren im sonnigen Los Angeles und der raueren Musikmetropole Seattle war es für die 28-Jährige an der Zeit, wieder heimzukehren, um sich den inneren Dämonen zu stellen und sie schlussendlich zu bekämpfen. "Eigentlich erinnert mich Wisconsin ziemlich gut an Österreich", erzählt Michael-Haneke-Fan Danilova lachend im "Krone"-Interview, "unzählige Bäume, viele Landflächen und Farmen und überdurchschnittlich viele Einfamilienhäuser, die komplett zersiedelt überall hin gebaut wurden. Hier herrscht so viel Ruhe, dass es die einzig richtige Entscheidung für mich war, wieder zurückzukehren. Ich konnte meinen inneren Frieden finden und schöpfte neuen Lebensmut". Mit ihrer Familie, sämtliche Mitglieder sind kundig in der Baubranche, als Elektriker oder beim Tischlern, begann sie in ihrer Heimat ein Haus zu bauen. "Ich war für das Ausmalen und die Konzeption zuständig, sozusagen die Projektmanagerin des Ganzen."

Die Erdung bei ihren Wurzeln löste ungeahnte, kreative Kräfte frei. Quasi mit jedem Baustein und jeder Schraube, die das Haus immer stärker zu einem heimeligen Ganzen formte, kamen ihr Ideen oder Gedankengänge, die sie niederschrieb und langsam aber sicher in elegisch-kathartische Songs goss. Selbstmord, Tod, Depression, Verlust, Knebel. Derart offen und tiefgründig ging die ohnehin schon authentische Künstlerin nie zuvor ans Werk. "Ich durchtauchte sehr viele innere und zwischenmenschliche Probleme und mir wurde schnell klar, dass die Dunkelheit wieder in meine Songs zurückkehren würde. Hausbauen und Songs schreiben haben viele Gemeinsamkeiten. Du brauchst für beides eine zusammenhängende Grundidee und Leute, die dir nicht nur bei der Planung helfen, sondern dich auch in der richtigen Art und Weise unterstützen, um all das Geplante passend umzusetzen."

Dunkler Anspruch
Tiefgehende, brutale Texte paaren sich mit Danilovas durchdringender Opernstimme und einem elektronisch-kühlen Drumming, das die selbstzerstörerische Note der einzelnen Kompositionen gewichtig unterstützt. Auf "Okovi", das slawische Wort für "Fesseln", versucht sich Danilova aus ebenjenen zu befreien und hat weder Platz, noch Zeit, um aufhellende Momente zu integrieren. "Auch wenn 'Taiga' vielleicht danach klang, weiß ich mittlerweile, dass ich nicht zur Partymusikerin tauge. Ich habe einen ganz anderen Anspruch an meine Kunst und bin froh, dass meine Fans diesem Weg folgen und das verstehen." Vor allem das aus von Danilovas eigenem Umfeld inspirierte Selbstmord-Songdoppel "Siphon" und "Witness" schmerzt dem unbedarften Hörer und fährt durch Mark und Bein. Dementsprechend quälend kann daher die Live-Umsetzung solcher Songs sein. "Es ist gut, dass ich die Lieder nicht 1:1 vom Album reproduziere. Das würde mich wohl zu sehr mitnehmen."

Der kahl-düsteren Umgebung Wisconsins entsprechend, tauchte Danilova für ihre neuen Songs auch in den dunklen Welten des skandinavischen Black Metal ein. Die unverfälschte Rohheit und der vertonte Nihilismus von Bands wie Darkthrone oder Ildjarn hat den Sound auf "Okovi" - wenn auch unbewusst - nachhaltig geprägt. "Als Musikerin habe ich immer das Gefühl, dass es nicht reicht, was ich tue. Ich suche nach mehr und will das auch meinen Hörern bieten. Wenn ich es schaffe, dass die Menschen mithilfe meiner Songs ihre eigenen Dämonen bekämpfen können, besser mit ihren Problemen klarkommen, dann ist das mehr, als ich mir jemals zu erträumen wagte." Wer sich mit dem Wesen und Schaffen von Zola Jesus schon einmal näher beschäftigte weiß, dass die Künstlerin hinter all der dunklen und zerbrechlichen Fassade eine Botschafterin der Hoffnung und Gemeinschaftlichkeit ist.

Wege aus der Wut
"Es ist mir unheimlich wichtig, anderen helfen zu können. Ich habe auf die Songs viel Feedback bekommen und führte vor allem zum Thema Selbstmord sehr viele interessante und lehrreiche Gespräche. Das ist eine menschliche Sache, die man niemals verschweigen sollte und ich stehe da auf einer Stufe mit den Hörern. Wenn ich durch Musik mit Leuten, denen Ähnliches wie mir widerfuhr, kommunizieren kann, dann geschieht das stets auf einer synchronistischen Ebene." Für "Okovi" musste und konnte sich Danilova von all ihren Musiken der Vergangenheit lösen, benötigte einen völligen Neustart, um zu einer zufriedenstellenden Lösung zu finden. "Es war gleichermaßen kathartisch wie aufregend. Anfangs verspürte ich sehr viel Zorn, Wut und allgemein negative Gefühle, doch je länger ich an den Songs schraubte, umso besser ging es mir. Ich fand endlich einen Weg, all meine hasserfüllten, negativen Gedanken in einem guten Weg zu kanalisieren."

Nach einem derart intensiven Seelenstriptease bleibt natürlich die Frage, was denn danach kommen soll? Wie kann eine Künstlerin, die ihr Innerstes in einem leidvollen Weg für jedermann sichtbar nach außen kehrte, nun ihre Karriere fortsetzen? "Grundsätzlich bin ich auf der Suche nach dem Abstrakten. Meine Musik kann ruhig noch roher und unverfälschter klingen. Ich fühle mich derzeit an einem Wendepunkt in meiner Karriere als Songschreiberin angekommen und was mir als nächstes in den Sinn kommt, das wird definitiv die nähere musikalische Zukunft prägen." Ob das in ihrer wiedergefundenen, alten Heimat passiert, oder doch woanders, das ist noch nicht ausdefiniert. "Es kann gut sein, dass ich weiterziehe und mir andere Plätze suche, aber zumindest habe ich jetzt einen Rückzugsort, wo ich mein Hab und Gut lagere und immer wieder zurückkehren kann." Freiheit geht eben nicht immer ganz ohne Pein einher.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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