Mo, 11. Dezember 2017

"Krone"-Interview

30.10.2017 22:00

Converge: "Wut ist keine Frage des Alters"

Converge rütteln mit ihrer Mischung aus Hardcore, Punk, Metal, Grindcore und Mathcore seit 1990 am Gleichgewicht der US-amerikanischen Musikszene. Ganze fünf Jahre ließ sich das Quartett Zeit, um mit "The Dusk In Us" ein neues Studioalbum zu veröffentlichen. Wie immer jagt Sänger Jacob Bannon darauf seine inneren Dämonen und spart nicht mit Gesellschaftskritik. Schmerzgeplagte, intensive Vocals paaren sich mit einem Instrumentalgewitter - gewohnt gewaltig von Gitarrist Kurt Ballou in seinen Godcity Studios produziert. Im Zuge des Converge-Auftritts in der Wiener Arena stand uns Bannon Rede und Antwort.

"Krone": Jacob, in Kürze erscheint das neue Converge-Album "The Dusk In Us". Du hast inzwischen ein Soloalbum gemacht und ihr alle in der Band seid in unterschiedlichsten Projekten involviert. Wie war es, wieder für ein neues Converge-Album zusammenzufinden?
Jacob Bannon: Wir waren als Band seit dem letzten Album sehr beschäftigt, weil wir irrsinnig viel getourt haben und live spielten. Wir haben auch während der anderen Projekte immer darauf geachtet, Dinge für Converge zu machen oder im Studio an Songs zu feilen. Wir haben immer wieder mal geprobt, um uns für eine weitere Tour fit zu machen. Die Zeit verging verdammt schnell, während uns also nie fad war. Dass wir uns für ein neues Album zusammenfanden, passierte ziemlich schnell. Im Endeffekt brauchten wir schon ein paar Jahre, bis alles fix und fertig war und manche Songideen sind noch vom letzten Album übriggeblieben.

Wenn so viele Ideen im Raum herumschwirren ist es doch immer ziemlich schwierig, die richtigen Teile zusammenzusetzen, die zusammenpassen?
Das ist immer die größte Herausforderung für eine Band, wenn es um ein neues Album geht. Für mich ist der Veröffentlichungsprozess noch nicht fertig, denn ich kümmere mich auch um alle Dinge drumherum. Wenn Kurt (Ballou - Anm. d. Verf.) alles gemixt und gemastert hat, dann steht der Song für die Ewigkeit. Am Schwierigsten ist es also, dass wir uns zusammenfinden und all unsere Ideen zu einem Ergebnis komprimieren können. Wir müssen einen Weg finden, um das Album fertig zu formen. Das dauert am Längsten, aber ist das mal geschafft, dann fühlen wir uns gut.

Was waren denn textlich die wichtigsten Einflüsse für "The Dusk In Us"?
Ich schreibe immer über mein Leben, etwas anderes kann ich gar nicht. Die Songs sind mehr oder weniger persönlich, manchmal geht es auch um Erlebnisse, die ich im sozialen Geschehen so mitbekomme. Es geht immer um meine Vision der Dinge.

Hatte dein Soloalbum einen Einfluss darauf, wie du die Converge-Songs zusammengesetzt hast?
Nicht wirklich. Ich habe die Solosachen über Jahre hinweg gesammelt und da ist die Dynamik nicht so intensiv, wie wenn wir als ganze Band daran arbeiten. Ich bin in der Band nicht der einzige, der daran arbeitet. All unsere Alben haben eine gewisse Art von Dynamik, die uns ausmacht.

Das Bandgefüge bei Converge ist seit mehr als 20 Jahren dasselbe. Ist es einerseits nach so langer Zeit leichter, zusammenzuarbeiten, oder wird es andererseits schwieriger, dass ihr euch untereinander zu neuen Songs und Ideen herausfordert?
Wir kommunizieren alle zusammen viel besser, weil wir über die Jahre einfach gelernt haben, einen Song aus Ideen zu formen. Der Respekt gegenüber uns selbst innerhalb der Band ist über die Jahre immer gestiegen und wir wissen, dass wir viel leisten müssen, um ein gutes Ergebnis zu liefern. Ich kenne viele Bands, die über völlig unnötige Dinge diskutieren oder regelrecht kämpfen - da gibt es ganz viele unsinnige Gespräche, die oft bis zum Ende einer Band führen. Wir sind mittlerweile so weit, dass wir wissen, wie weit wir gehen können und unseren Visionen auch vertrauen.

Ihr nützt dann diese Energie, die von euch allen kommt?
Natürlich, denn im Endeffekt arbeiten wir alle auf das gleiche Ziel hin. Keiner in dieser Band will persönlich dominieren, sondern für Converge das Beste herausholen. Ich würde nicht sagen, wir sind kontrolliert, wissen aber ziemlich genau, wo wir hinwollen und was wir gut können oder auch nicht.

Ihr seid mit eurer Musik und auch den Texten zu einem Sprachrohr für unterschiedlichste Menschen gereift. Ist das mehr Fluch oder Segen?
Ich denke nicht in diesen Schienen, weil ich mich niemals in so eine Position stelle. Sobald du Songs schreibst und sie veröffentlichst, verlierst du ohnehin die Kontrolle über sie. Die Leute können sie akzeptieren oder nicht und auch für sich und ihr eigenes Leben interpretieren. Ich habe darin einen Wert gefunden, denn das ist eine großartige, sehr positive Sache. Es gibt aber ein paar Aspekte, die manchmal sehr schwierig sind. Wenn dir jemand eine sehr intensive Geschichte erzählt, die von seinem Leben handelt und mit meinen Songs verbunden ist, dann kann dieser Schmerz gut auf mich übertragen werden. Unsere Songs helfen offenbar auch vielen Menschen, was schön und einzigartig ist, aber auch sehr komplex sein kann, weil es eine gewisse Art von Druck bringt. Wenn du das Positive mitnimmst, das du den Menschen lieferst, dann musst du auch das Negative auffassen. Entweder lässt du dich davon runterziehen, oder du suchst aktiv nach dem Guten. Das ist aber eben nicht immer einfach.

Gerade wenn deine Songs sehr persönlich sind, ist es wohl noch viel schwieriger, sie gehen zu lassen?
Natürlich, das ist immer hart. Wir reden in der Band sehr oft darüber, aber du kannst das einfach nicht mehr kontrollieren. Du musst es schätzen, dass deine Songs den Menschen so viel bedeuten und auch wir Musiker haben genauso Bands, die uns in dieser Art und Weise beschäftigen oder helfen. Manchmal realisieren wir nicht genau, welche Kraft unsere Songs haben. Das ist das Coole an Musik, auch wenn es nicht immer einfach ist.

Muss man eine persönliche Distanz zu den Songs aufbauen, um diese Arbeitsweise über all die Jahre aufrechterhalten zu können?
Als Künstler hast du schon eine gewisse professionelle Distanz dazu. Du gibst zwar viel in diese Songs, aber speziell wenn du textest musst du damit rechnen, dass der Song dann nicht mehr dir gehört, sondern deinen Fans. Du kannst all diese Aspekte nicht mehr kontrollieren. Wir selbst kennen viele Musiker, die ein Problem damit haben und völlig frustriert sind, sobald sie von außen ein Feedback bekommen, das anders ist, als die Intention ihres Songs. So läuft aber das aber eben nicht.

Wenn in Tagen wie diesen deine Songs vor dem Album-Release schon mal online gehen, können die Leute direkt darauf reagieren. Verfolgst du das, oder versuchst du hier eine Distanz zu erhalten?
Ich versuche das nicht zu verfolgen, aber es ist eigentlich unmöglich, daran vorbeizuschauen. Manchmal wollen Hörer tiefergehende Diskussionen, was ich auch interessant finde, aber oft sind es nur so 140 Zeichen im Twitter-Format, die jemand als Meinung rausprustet. Ich glaube aber, dass unsere Fans sehr gut wissen, wie wir als Band ticken und was uns ausmacht. Da gibt es dann nicht immer ein "das ist großartig" als Feedback, sondern sie nehmen sich wirklich Zeit für die Nummern.

Unterscheidet sich dieses Feedback von dem, das ihr bei euren Live-Shows kriegt?
Ich widme dem ehrlich gesagt nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Live versuche ich mit dem jeweiligen Song einfach Spaß zu haben und mich in ihm zu verlieren. Manchmal funktioniert das gut, manchmal weniger gut. Es kommt auch immer um die Umgebung an, aber man ist sehr fokussiert und denkt nicht viel über den Rest nach, der abseits der Bühne passiert. Ich kriege das auch gar nicht so mit, ob die Fans einen neuen Song gut annehmen - zumindest nicht während einer Show.

Im Musikbusiness gibt es heute sehr viele Diskussionen darüber, ob Studioalben überhaupt noch Sinn machen, nachdem viele Leute nur mehr einzelne Songs hören und Playlists zusammenstellen. Geistert dir dieses Thema auch im Kopf herum?
Alben zu veröffentlichen ist in den Wurzeln des Punk und Hardcore verankert, daran ändern wir auch nichts. Wir haben aber auch viele EPs veröffentlicht, aber die Idee einer 7-Inch oder des Single-Konzept ist gar nicht so weit weg vom Punkrock-Gedanken. Viele meiner Lieblingsbands haben in meiner Kindheit Singles rausgebracht und wir machen das auch immer wieder. Es gibt keinen bewussten Grund dafür, warum wir das machen, wir tun es einfach. Der Ursprung des Rock'n'Roll war in Singles begründet, es ging doch schon früher um den jeweiligen Song, der Erfolg hat. Es gab diese Kassetten und Pappschuber, wo die Singles mit A- und B-Seiten verkauft wurden und ich habe die als Kind alle gesammelt.

Die Diskussion geht auch oft weiter in Richtung digital oder analog. Aber gerade in einer Musikszene wie der euren werden physische Produkte immer noch verlangt.
Das ist richtig, die Leute feiern diese Veröffentlichungen, aber natürlich nicht alle. Sie sind aber selektiver geworden. Ich beobachte das sehr gut bei mir selbst, denn manchmal gibt es Produkte und Bands, die mir so zusagen, dass ich nach einem Anchecken im digitalen Bereich unbedingt das physische Produkt besitzen möchte. Man will einfach das Gesamtpaket. Manchmal reicht es aber auch, wenn ich mir etwas digital über Spotify oder iTunes kaufe. Ich glaube nicht, dass eine Version stärker oder wertvoller ist als die andere. Ich persönlich mag es schon, das physische Produkt in der Hand zu halten und darin versinken zu können, aber das bedeutet nicht, dass ein Album, das ich nur online konsumiere, dadurch automatisch schlechter ist. Wir haben einfach verschiedene Wege, wie wir unsere Musik heute konsumieren können.

Hat sich dein Zugang zu Converge und der Musik an sich über die letzten Jahre verändert?
Ehrlich gesagt nicht wirklich, ich denke darüber immer noch gleich. Die Medienkanäle haben sich verändert und die Art, wie Menschen die Musik konsumieren. Ich sehe aber meine Rolle in der Band unverändert zu früher. Wir sind natürlich älter, weiser, bessere Musiker und Songwriter, aber als Typen sind wir noch ähnlich wie damals. Viele Punkrock-orientierte Independent-Bands wie wir bewegen sich immer noch in den gleichen künstlerischen Zirkeln.

Könntest du ein bisschen über die Themen reden, die du mit den neuen Songs beleuchten möchtest?
Jeder von uns wollte auf jeden Fall ein sehr vielfältiges Album erschaffen. Als wir unsere Riff-Ideen und alten Demos hörten, war uns klar, dass wir unsere Musik aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Das ist nicht so anders als früher, aber wenn ich mir alte Sachen anhöre ist das manchmal schwierig, weil ich dann immer zum Zeitpunkt des Entstehens zurückblicke. All diese neuen Songs sind extrem starke Beispiele davon, wer und wie wir sind. Musikalisch ist das Converge pur. Wir sind einfach wir selbst und pushen uns noch mehr in die Richtung, die wir gehen wollen. Die harten Sachen sind noch härter, die noisigen noch verschrobener. Es ist ein neues Kapitel für unsere Band und ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Am Härtesten für uns ist immer Songs zu finden, mit denen wir alle in der Band glücklich sein können. Wir haben ein ziemlich kompaktes Album erschaffen.

Gibt es eine Art von Erzählstrang, der sich durch das Album zieht?
Es ist schwierig, weil du nie genau weißt, wohin du gehst und welche Songs zusammenpassen. Die Songs auf "The Dusk In Us" sind vielmehr Einzelpakete, die für sich stehen, aber am Ende ein Gesamtergebnis präsentieren sollen. Ich bin ziemlich glücklich mit ihnen.

Ihr seid mittlerweile auch alle Familienmenschen und teilweise sogar Familienväter. Ist es einem privat ausbalancierten, guten Leben schwieriger, Wut und Aggression für Converge aufrecht zu erhalten?
Nein, denn das Leben ist mehr als nur die Balance zwischen Band und Privatleben. Man hat genauso glückliche Momente als 20-Jähriger wie als 40-Jähriger, aber mit steigendem Alter wird das Leben einfach komplexer. Darüber schreibe ich mitunter auch. Es gibt noch immer Themen, die mich als Kind verärgert haben und die mich heute noch so beschäftigen, dass ich sie in Songs verarbeiten kann. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber zumindest habe ich einen gesunden Weg gefunden, das richtig zu kanalisieren. Es gibt aber auch aktuelle Dinge in meinem täglichen Leben, die mich aufreiben und die ich verarbeiten kann. Nur weil ich keine 20 mehr bin, heißt das nicht, dass ich total altersmilde geworden bin. Jeder braucht ein Ventil, um seine Sorgen und Probleme rauszulassen und bei mir ist das die Musik. Die meisten kreativen Menschen können das nachvollziehen und insofern haben Wut und Aggression auch kein Ende.

Das kommt euren Fans bestimmt gelegen.
Dieses Thema höre ich auch bei anderen Bands oft, aber nur weil du älter bist, geht deine Wut ja nicht automatisch weg. Auch harte Musik und Heavy Metal können sich entwickeln, genauso wie jeder Mensch sich selbst entwickelt. Es gibt immer noch viele komplexe Themen, über die man gerne schreibt und die man rausschreit und diese Möglichkeit habe ich zum Glück. Ich würde niemals einen anderen Menschen als so simpel einstufen, dass er durch das bloße Erreichen eines gewissen Alters plötzlich keine Ängste und Sorgen mehr hat. Die Frustration auf die Welt oder Teile der Gesellschaft bleiben, das ist die Realität. Ich höre jetzt auch nicht jeden Tag Technical Death Metal, aber es gibt immer Phasen, in denen ich ihn gerne höre. Das können eben auch 50-Jährige noch immer machen.

Das ist doch wie zu den Zeiten, als man selbst Kind war. Man rebelliert gegen die Eltern und wundert sich, worum sie sich sorgen bist du dann als Erwachsener selbst draufkommst, dass nicht alles so einfach ist, wie du als Kind immer dachtest.
Exakt so ist es. Die Leute, die diese Welt politisch prägen sind entweder in meiner Generation oder eine bis zwei über mir. Die wissen doch genausowenig, was sie in gewissen Situationen machen sollen. Sie sind genauso unsicher und gebrochen wie jeder andere, nur stehen sie im Rampenlicht und müssen funktionieren. Das zu realisieren erschreckt viele Menschen. Es ist etwas naiv wenn Leute glauben, dass harte und aggressive Musik etwas ist, das mit einem gewissen Alter enden sollte. Das ist Blödsinn. Natürlich entwickelt man sich und manche Bands wirken etwas traurig, weil es nicht authentisch ist, aber es gibt Tausende Bands, die das mit Herzblut machen und auf unterschiedlichsten Ebenen täglich die Ketten sprengen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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