Mo, 23. Oktober 2017

Neues Album "20"

05.10.2017 13:12

Sofa Surfers: 20 Jahre Elektronik-Pioniergeist

Vor 20 Jahren formierten sich die Sofa Surfers, um die heimische Musiklandschaft mit bis dato nicht gekannten Elektronikklängen und kompositorischen Innovationsgeist zu erwecken. Einen Amadeus-Award, Touren in 25 Ländern, sowie zahlreiche Studio- und Filmsoundtrackalben später feiert das zum Quartett geschrumpfte Kollektiv mit der Jubiläums-Compilation "20" Geburtstag - am 6. Oktober live im Wiener Flex. Wir haben uns mit der Band in aller Ruhe über Nostalgie, Visionen, Teamwork und Spannungsbögen unterhalten.

20 Jahre lang eine Beziehung zu führen, durch alle Höhen und Tiefen zu gehen und sich trotzdem füreinander zu entscheiden, das wird gemeinhin als Liebe bezeichnet. Wie schwierig muss es erst als Band sein, einen solchen Markstein zu erreichen? Die Wiener Institution Sofa Surfers begeht dieser Tage das große Jubiläum mit der brandneuen Compilation "20", aussortierten Live-Terminen und einer Freude am Tun, als wäre man gerade erst frisch in die Welt geplumpst. "Zum 15. Bandjubiläum dachten wir uns eigentlich nur 'warum?'", lacht Michael Holzgruber im Gespräch mit der "Krone", "aber 20 ist doch eine schöne Zahl. Die meisten Bands setzen ohnehin auf Best-Ofs, also haben wir einen anderen Ansatz verfolgt." Die Sofa Surfers spannen auf "20" einen großen Bogen mit vier neuen Songs mit Sänger Mani Obeya, vier sogenannten "Reworks", wo man noch einmal in der eigenen Mottenkiste gegraben hat und zwei neuen Songs, die mit alten Weggefährten aufgenommen wurden.

Alles, nur kein Austropop
Nur so ist es möglich, dass der bereits 2005 verstorbene Reggae-Sänger Junior Delgado Seite an Seite mit den Hip-Hoppern Dälek oder eben Sofa-Surfers-Sänger Mani zu hören ist. "Mani hat sich bei den Reworks-Nummern eingesungen", führt Markus Kienzl aus, "und seine Vocals vermischen sich mit den alten Songs. Das Album soll beleuchten, wo wir uns bewegen und wo wir uns musikalisch zuhause fühlen." Das Zuhause der Sofa Surfers war schon seit jeher mannigfaltig. Dub, Techno, Breakbeat, Downbeat, Trip-Hop - es gab kaum etwas elektronisch Konnotiertes, in dem das einstige Quintett (Wolfgang Schlögl stieg 2014 aus) nicht wilderte. Holzgruber erinnert sich zurück: "In den 90er-Jahren wolltest du alles andere machen als Austropop, aber eine Wiener Seele hörst du in der Melancholie unserer Songs wohl trotzdem heraus. Als wir jung waren, haben wir außer Falco keine deutschsprachige Musik gehört." Die heimischen Electro-Pioniere Kruder & Dorfmeister pushten die Sofa Surfers schon sehr früh, live funktionierten die Amadeus-Gewinner weltweit. "Wir wollten weder britisch, noch amerikanisch klingen. Es war alles sehr groß gedacht, da wir mit internationaler Musik sozialisiert wurden."

Die Sofa Surfers erschufen sich - wenn man so will - ihre ganz eigene Nische in einer Szene, die zumindest in Österreich in den Kinderschuhen steckte. Als Pioniere ihres eigenen Tuns scheute die Band niemals den Kontakt zum Unbekannten. So kreierten sie etwa die Soundtracks zu sämtlichen Wolf-Haas-Verfilmungen und versuchten, auch im visuellen Bereich bahnbrechend zu sein. Zusammenarbeiten mit internationalen Künstlern waren ihnen mindestens genauso wichtig wie das Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Oddatee ("Warped") und der Berliner MC Santana ("Mind-Boggling") sind die beiden alten Weggefährten, mit denen man zum Jubiläum zwei neue Tracks einspielte - zu manch anderen hat man den Kontakt über die Jahre verloren, sodass auf die alten Songs zurückgegriffen wurde, die man überarbeitet präsentiert. "Wir wählten die Nummern, die sich am besten ins heute übersetzen lassen", erzählt Wolfgang Frisch, "das richtige Gefühl musste da sein, dass man noch etwas dazu beisteuern kann."

Treu zu sich selbst
Für Sänger Obeya war es ein schmaler Grat, sich in die alten Tracks einzubringen, ohne ihnen die Magie des Ursprungs zu nehmen. "Ich habe den Songs mit meiner Stimme Tribut gezollt und meine Note eingebracht. Ich bin präsent, stelle mich aber nicht in den Vordergrund. Wir haben neue Songs kreiert und gleichzeitig ein Auge auf 20 Jahre Bandgeschichte geworfen. So haben die Sofa Surfers immer gearbeitet: Stets einen Schritt nach vorne machen und neue Wege ergründen." Das mit der Rückschau und der Nostalgie ist natürlich eine gefährliche Sache, wenn man sich als progressive Band versteht, die niemals die musikalische Überholspur verließ. "Im Grunde sieht man sich alte Fotos an und muss unweigerlich darüber lachen, wie man einmal ausgesehen hat. Nein im Ernst - du denkst darüber nach, ob du immer alle Prioritäten richtig gesetzt hast und ob du dich sorglos im Spiegel anschauen kannst. Ich denke, wir können beides bejahen. Unsere Musik lässt sich nicht genau definieren, aber sie macht immer alle Mitglieder der Band aus."

Zeit für Wehmut bleibt keine, wenn man ständig auf der Suche nach neuen Ufern ist. Kienzl reflektiert: "Im Kern sind wir alle relativ stabil, auch wenn wir uns natürlich mit dem Älterwerden verändert haben. Im Endeffekt besteht mein Tag aber aus Musikmachen und ich kann davon leben. Dass das heute noch so funktioniert, das ist wirklich grandios. Ich mache mir mittlerweile weniger Sorgen und genieße es, mein Leben so bestreiten zu können." Nach 20 Jahren eint die Mitglieder der Sofa Surfers das Teilen einer Vision und die Suche nach Neuem. So wie sie es auf "20" vorexerzieren. Die neuen Songs wie "Rising", "Feel Good" oder "Endangered Speeches" paaren sich geschickt mit den überarbeiteten Klassikern und geben auch Nicht-Fans oder solchen, die es noch werden wollen, ein profundes Gefühl für die zwei Dekaden andauernde Relevanz dieses Lebensprojekts.

Die volle Action
Weil man die Feste feiern soll, wie sie fallen, gibt es am Freitag, 6. Oktober, pünktlich zum Veröffentlichungsdatum des neuen Compilation-Albums, eine exklusive Release-Show im Wiener Flex, bevor man diesen Herbst und im Frühling 2018 den Rest Österreichs und internationale Locations beehrt. "Die Fans bekommen bei der Show jedenfalls das ganze Panorama der Sofa Surfers serviert", garantiert Holzgruber ein audiovisuelles Erlebnis, "nur am Laptop zu stehen und Knöpfchen zu drehen wäre uns selbst zu fad. Wir alle kommen aus einer Welt der klassischen Bandzusammenstellung. Ich will als Konzertbesucher selbst Action erleben." Ein richtiges Studioalbum für die Zukunft ist nicht ausgeschlossen, momentan aber noch nicht spruchreif. Zukunftsgerichtet und innovativ werden die Sofas in jedem Fall bleiben - vielleicht singt ja sogar einmal einer der "neuen" Austropop-Helden über einen ihrer Tracks…

Karten für das Flex-Konzert am 6. Oktober und alle weiteren Events in Österreich (12. Oktober ppc Graz, 13. Oktober Jazzit Salzburg, 16. November Treibhaus Innsbruck und 17. November Spielboden Dornbirn) erhalten Sie unter www.sofasurfers.info.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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