Di, 17. Oktober 2017

Drei Festnahmen

24.12.2016 15:20

Neffe von Berlin-Attentäter gesteht Unterstützung

In Tunesien haben Ermittler drei Menschen festgenommen, die im Verdacht stehen, Kontakt zum Berlin-Attentäter Anis Amri gehabt zu haben. Das gaben die tunesischen Behörden am Samstag bekannt. Einer davon sei ein Neffe des 24-Jährigen, der in der Nacht auf Freitag von der italienischen Polizei bei Mailand erschossen worden war, wie das Innenministerium am Samstag in Tunis erklärte. Ob es einen direkten Zusammenhang der Festgenommenen zu dem Anschlag in Berlin gibt, blieb vorerst offen.

Die drei am Freitag gefassten Verdächtigen im Alter von 18 bis 27 Jahren seien Mitglieder einer Terrorzelle, die in Verbindung zu Amri gestanden habe. Die Terrorzelle, zu der die drei festgenommenen Männer gehört haben sollen, ist nach tunesischen Behördenangaben in der Gegend zwischen Fouchana südlich von Tunis und Oueslatia im Zentrum des Landes aktiv. Aus Oueslatia stammt die Familie Amris.

Der Neffe, es handelt sich um den Sohn von Amris Schwester, habe gestanden, dass er mit Amri über den verschlüsselten Nachrichtendienst Telegram in Kontakt gestanden habe. Amris Neffe habe ausgesagt, sein Onkel habe ihm unter falschem Absender Geld per Post geschickt, damit er ihm nach Deutschland folge, erklärte das Innenministerium.

Der nicht namentlich genannte Neffe habe zudem nach eigenen Angaben in einem Video, das er Amri geschickt habe, dem IS die Treue geschworen. Er habe ferner ausgesagt, dass sein Onkel der "Emir" oder Anführer einer Dschihadistengruppe in Deutschland gewesen sei, die als "Abu al-Walaa"-Brigade bekannt sei.

Spur führt zu deutschem Hassprediger Abi Walaa
Deutschen Medienberichten zufolge soll Amri Kontakt zu dem Hildesheimer Hassprediger Abu Walaa gehabt haben. In dessen Kreis soll Amri nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Focus" wiederholt von seinen Attentatsplänen gesprochen haben. Die Zeitschrift berief sich auf eine Meldung eines V-Mannes an das Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen. Demnach hatte die Gruppe um Abu Walaa zuvor vergeblich versucht, Amri als Kämpfer des IS nach Syrien zu schleusen. Der gebürtige Iraker Abu Walaa war vor Kurzem verhaftet worden.

Eine weitere Spur Amris führt indessen offenbar nach Spanien. Die dortigen Behörden würden Kontakte eines ihrer Staatsangehörigen zum Berlin-Attentäter untersuchen, hieß es am Samstagnachmittag. Ob es zu Festnahmen komme, müssten die weiteren Ermittlungen ergeben, sagte Innenminister Juan Ignacio Zoido dem Radiosender "COPE".

Bruder: "Wir lehnen den Terrorismus ab"
Die Geschwister des Berlin-Attentäters hatten sich kurz vor dessen Erschießung durch einen Polizisten bei Mailand geschockt gezeigt. "Ich kann nicht glauben, dass er das Verbrechen begangen hat", sagte Bruder Abdelkader Amri.

"Wir lehnen den Terrorismus und die Terroristen ab - und wir haben keine Verbindung mit den Terroristen", so Abdelkader Amri. Möglicherweise sei sein Bruder in einem italienischen Gefängnis radikalisiert worden, wo er eingesessen sei, nachdem er Tunesien verlassen hatte.

Bericht: Amri gelangte über Lyon nach Italien
Französische Medien veröffentlichten indes am Samstag neue Details zur Fluchtroute des mutmaßlichen Berlin-Attentäters Anis Amri. Der Tunesier sei demnach über Lyon und Chambery nach Italien gelangt. Der 24-Jährige habe am vergangenen Donnerstag in Lyon das Bahnticket für Italien gekauft, berichtete die Wochenzeitung "Journal de Dimanche" mit Verweis auf eine hochrangige Quelle im Pariser Innenministerium.

Allerdings hatte der französische Innenminister Bruno Le Roux am Freitagabend zur Vorsicht im Hinblick auf Informationen zur möglichen Route Amris aufgerufen. So hatte die italienische Nachrichtenagentur Ansa am Freitag gemeldet, dass der Terrorverdächtige aus dem französischen Chambery nach Turin in der italienischen Region Piemont gekommen war. Von dort habe er einen Zug nach Mailand genommen. Medienberichten zufolge war eine entsprechende Fahrkarte bei seiner Leiche gefunden worden.

Was trieb Amri nach Italien?
Verschiedene Hypothesen werden indessen verbreitet, was Amri nach Italien trieb - einem Land in dem er polizeibekannt war. Hier kam der Tunesier 2011 nach einer Flucht aus seiner Heimat über das Mittelmeer an, soll vier Jahre in italienischen Gefängnissen gesessen und sich radikalisiert haben, bevor er sich 2015 nach Deutschland absetzte.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er aus alter Zeit noch Kontakte in Italien hatte. Eine Theorie lautet, er wollte von Sesto San Giovanni weiter, weg aus Europa, möglicherweise nach Marokko. In der Nähe des Bahnhofs, in dem Amri in der Nacht zu Freitag erschossen wurde, fahren viele Fernbusse ab.

Wollte sich Flüchtiger falsche Papiere besorgen?
Eine weitere Hypothese: Amri wollte sich in dem Ort falsche Papiere besorgen, um weiterzureisen. Angeblich gibt es in der Nähe ein Zentrum, gegen das schon einmal ermittelt wurde, weil falsche Dokumente hergestellt worden sein sollen. Die Ermittler wollen sich zu all den Gerüchten nicht äußern.

Laut italienischer Medien gibt es eine starke Gemeinde von Menschen aus dem Maghreb in Sesto San Giovanni. 17 Prozent der mehr als 80.000 Einwohner sind Ausländer, die meisten kommen aus Ägypten, Rumänien, Peru oder Ecuador. Tunesier wie Amri gebe es wenige, heißt es allerdings bei der Stadt.

Anwohner Ruggero Cassano kann in seiner Stadt kein italienisches Molenbeek erkennen, also den Stadtteil in Brüssel, der als sicherer Hafen für Islamisten bekannt ist. "Unmöglich", sagt er. "Amri hatte vielleicht Freunde hier, aber ich glaube nicht, dass es hier Terrorzellen gibt."

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