So, 19. November 2017

Kriegslüge als Film

03.12.2016 13:34

Soldatenmythos für Russen wichtiger als Wahrheit

Ein russischer Kriegsfilm erzählt die heroische Geschichte von 28 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Sowjet-Soldaten - eine Legende, die so laut Geschichtsforschung nie stattgefunden hat. Die Russen sind empört. Aber nicht etwa über die Lüge hinter dem Film, sondern über die "Zerstörung des Heldenmythos" durch die Kritiker des Streifens, die an den Stützen der nationalen Identität rütteln würden. Nach dem Motto "Unsere Mythen sind uns wichtiger als die Wahrheit" wird "Geschichtsaufklärern" gar mit dem "Höllenfeuer" gedroht.

Die Sowjetunion hat die Soldaten unter Befehl des Generalmajors Iwan Panfilow über Jahrzehnte als Helden verehrt, die für die Verteidigung Moskaus ihr Leben gegeben hätten. Am 16. November 1941 stieß die deutsche Offensive beim Dorf Dubossekowo etwa 100 Kilometer westlich von Moskau auf heftigen Widerstand der sowjetischen Armee.

28 Kämpfer der Infanterie-Division Panfilows sollen 18 deutsche Panzer quasi nur mit Handgranaten und Molotow-Cocktails vernichtet haben. Keiner habe die vierstündige Schlacht überlebt. In mehreren Städten Russlands, Kasachstans und der Ukraine stehen Denkmäler zu Ehren der Panfilow-Helden, Straßen und Plätze sind nach ihnen benannt.

Untersuchungsbericht verschwand in den Akten
Doch laut jüngst veröffentlichten Forschungsergebnissen stimmt diese Episode so nicht: Viele Soldaten überlebten oder kamen in deutsche Gefangenschaft. Als sich - noch während der Kriegsjahre und später in den Nachkriegsjahren - mehrere vermeintlich heroisch gefallene Soldaten der Panfilow-Division bei den Behörden meldeten, um ihre Orden zu fordern, wurde eine offizielle Untersuchung eingeleitet. Deren eher unschönes Ergebnis zu den Kämpfen wurde allerdings stillschweigend zu den Akten gelegt - bis sie das zentrale russische Staatsarchiv im Sommer 2015 öffentlich machte.

In den Unterlagen, um die bereits bei der Veröffentlichung im Vorjahr ein heftiger Streit entbrannte, ist nachzulesen, wie zwei Redakteure der Zeitung "Krasnaja Swesda" ("Roter Stern") aus einer vagen Meldung eines Front-Korrespondenten zuerst eine Titelgeschichte und dann einen ausführlichen Bericht konstruierten. Selbst die Zahl der 28 Kämpfer war dabei aus der Luft gegriffen. Die Geschichte von den Helden der Panfilow-Division verselbständigte sich schnell und fand sich noch während des Kriegs in mehreren Büchern, Gedichten und Liedern wieder.

Die Veröffentlichung der Panfilow-Unterlagen an sich sei keine Sensation, schrieb dazu die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", sensationell sei aber die öffentliche Reaktion. Statt die Dokumente wie bisher üblich als Fälschung abzutun, zweifle der konservative Teil der russischen Gesellschaft diesmal gar nicht an deren Echtheit. Fazit: Wir brauchen keine Wahrheit, wenn sie unser Selbstbild infrage stellt. Untermauert wird dieses Argument auch dadurch, dass der für die Publikation der Unterlagen verantwortliche Chef des zentralen russischen Staatsarchivs kurz nach der Veröffentlichung gefeuert wurde. "Die Bewertung von Geschichte ist nicht die Aufgabe eines Archivars", begründete Kulturminister Wladimir Medinski die Entlassung.

Regisseur: "Entzauberung der Heldentaten sinnlos und unmoralisch"
Gleiches muss wohl auch für Filmemacher gelten. Der nun in russischen Kinos gestartete Film "28 Panfilow-Soldaten" von Regisseur Andrej Schaljopa beruht ganz bewusst auf der Legende und nicht den Fakten. "Das ist der Versuch, die geistigen Stützen des Volkes zu zerstören", holte der Filmemacher bereits während der Dreharbeiten des mit hohen staatlichen Subventionen produzierten Kriegsfilmes zum Rundumschlag gegen etwaige "Nestbeschmutzer" aus. "Diese Demaskierung und Entzauberung der Heldentaten ist sinnlos und unmoralisch", fasst Schaljopa die Empörung vieler Russen in Worte. "Unsere Mythen sind uns wichtiger als die Wahrheit", ärgern sich viele Russen über die Kritik an der Geschichte der heroischen Helden.

Minister: "Geschichtsaufklärer sollen in der Hölle schmoren"
Kulturminister Medinski brachte die Entlarvung jahrzehntealter Legenden über sowjetische Heldentaten im Weltkrieg regelrecht in Rage. Solche Geschichtsaufklärer sollten "in der Hölle schmoren", sagte der Minister und promovierte Historiker laut Medienberichten vor wenigen Tagen. Die werden brennen, "die die Heldentaten unserer Väter in Zweifel ziehen, untergraben und zu leugnen versuchen", zitierte die Agentur Interfax den Minister.

Den Film verteidigt Medinski mit folgenden Worte: "Es ist meine tiefe Überzeugung, dass selbst dann, wenn diese Geschichte vom Anfang bis zum Ende erfunden wurde, auch wenn es Panfilow nie gegeben hat, auch wenn es gar nichts gegeben hat, ist es dennoch eine heilige Legende, die einfach nicht beschmutzt werden darf. Und Menschen, die versuchen, das zu tun, sind Mistkerle." Jene "Mistkerle" will der Minister am liebsten per Zeitmaschine ins Jahr 1941 schicken: "In einen Schützengraben, wo sie, nur mit einer Handgranate bewaffnet, Nazi-Panzern gegenüberstehen!"

Mit den historischen Fakten bei Kriegsfilmen nimmt man es auch in Hollywood nicht immer so genau - allerdings ist Kritik an dieser Vorgangsweise und das Aufdecken von etwaigen historischen Fehlern bzw. Lügen in diesem Zusammenhang völlig normal. Geschichtskundigen Kritikern wird eher nicht von ministerieller Seite mit dem "Höllenfeuer" gedroht ...

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