Mo, 23. April 2018

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29.11.2016 14:37

"Tyranny": Hier schreibt man seine eigene Story

Obsidian Entertainment lässt nach dem gefeierten "Pillars of Eternity" sein nächstes Old-School-Rollenspiel vom Stapel. Und diesmal gehts besonders düster zu: In "Tyranny" dient der Spieler als Vasall des Bösen dem dunklen Überherrscher Kyros am Weg zur totalen Weltherrschaft. Es sei denn, er entscheidet sich anders. In "Tyranny" hat man nämlich so viele Möglichkeiten, die Geschichte zu verändern, wie in wenigen anderen Spielen. krone.at hat sich das Fantasy-Epos angesehen.

"Tyranny" entführt den Spieler in die düstere Fantasy-Welt Terratus, in der der Kampf zwischen Gut und Böse längst entschieden ist - zugunsten des Bösen. Unter Befehl der ebenso mächtigen wie intriganten Archonten haben die Armeen des fiesen Oberherrn Kyros fast die gesamte Welt unterjocht.

Zu Spielbeginn sind sie gerade dabei, die letzten Widerstandsnester zu beseitigen und die Schreckensherrschaft zu besiegeln. Dass der Oberherr dabei zwei konkurrierende Armeen mit intriganten Führern auf die Welt loslässt, verkompliziert die Sache etwas.

Mittendrin: Der Spieler, der sich als Vasall des Oberherrn einen Namen gemacht hat. Ihm fällt die Aufgabe zu, die Auslöschung der letzten Widerstandsnester voranzutreiben und die Welt endgültig unter Kyros' Herrschaft zu vereinen.

Er ist allerdings nicht dazu gezwungen, hat im Verlauf der Handlung eine enorme Entscheidungsfreiheit und kann die Geschichte auch in eine andere Richtung drehen. Ständig wird er vor Entscheidungen gestellt, die den Handlungsverlauf drastisch beeinflussen. So entfaltet "Tyranny" bei jedem Durchspielen eine etwas andere Geschichte.

Spartanische Inszenierung, viel spielerische Freiheit
Ob man "Tyranny" mehrmals erleben will, hängt dabei in hohem Maße davon ab, wie gern man liest. Die gut geschriebene Handlung wird nämlich primär in Textform erzählt. Zwischensequenzen gibt es nur in Form künstlerisch durchaus ansprechender Dia-Shows, viele Dialoge sind nur teilweise vertont. Und wenn sie vertont sind, dann auf Englisch mit deutschen Untertiteln. Die eher spartanische Inszenierung fordert vom Spieler Fantasie und könnte Freunde des Actionkinos etwas abschrecken.

Lässt man sich aber auf die Handlung ein, entfaltet "Tyranny" ein erstaunliches Gefühl spielerischer Freiheit. Klar steht die Welt erstmal unter der Herrschaft von Oberfiesling Kyros und natürlich ist man zu Spielbeginn erst einmal des Oberherrn Vasall. Doch das muss nicht so bleiben: In unzähligen Dialogen lenkt der Spieler das Game mit seinen Entscheidungen in jene Richtung, die ihm zusagt. Und so konsequent wie bei "Tyranny" haben wir das bislang bei kaum einem Spiel gesehen.

Folgenschwere Entscheidungen ändern Spielverlauf
Das fängt schon bei der Charaktererstellung an. Wie in anderen Genrevertretern darf der Spieler hier seinen eigenen Helden kreieren und ihm allerlei Fähigkeiten und Attribute spendieren. Dabei sind auch Mischklassen machbar - etwa Krieger mit einem Hang zur Zauberei.

Dass man es mit der spielerischen Freiheit ernst meint, wird erstmals klar, als das Spiel noch während der Charaktererstellung dazu einlädt, die Vorgeschichte der Welt festzulegen, in der das Game später startet. Noch in der Charaktererstellung entführt "Tyranny" den Spieler in den vierjährigen Feldzug, in dem Kyros' Armeen die Welt unterjochen und lässt ihn entscheiden, welche Rolle er darin gespielt hat.

Die Folge: Im Spielverlauf stößt der Spieler immer wieder auf Situationen, die direkt durch seine früheren Entscheidungen beeinflusst wurden. Wer Kyros' elitäre Armee der Geschmähten immer wieder der mit ihr rivalisierenden Horde des scharlachroten Chors vorzieht, braucht sich nicht wundern, wenn er beim Chor irgendwann auf der Abschussliste steht. Wer mit Rebellen sympathisiert, verscherzt es sich mit Vertretern beider Armeen.

Wer in der "Tyranny"-Vorgeschichte ein Kriegsverbrechen begeht, findet sich im Verlauf der Handlung mitunter in der Situation wieder, dass ihm ein Fremder wegen dieser alten Entscheidungen ans Leder will. Das Spiel protokolliert in einem Ruf-System penibel, wie die einzelnen Fraktionen zum Spieler stehen und bietet dem entsprechend bestimmte Dialog- und Handlungsoptionen.

Beziehungen zu Begleitern ändern sich stetig
Der Zwang zu kontroversen Entscheidungen endet aber nicht bei den Dialogen. Mit jeder Entscheidung verändert man auch die Beziehung zu seinen Begleitern. Wer sich einen Geschmähten-Soldaten oder eine Vertreterin des Chors als Begleiter anlacht, braucht sich nicht zu wundern, wenn diese allzu diplomatischen Umgang mit Rebellen verteufeln und nicht loyal zum Spieler sind. Schürt der wiederum Angst unter den Begleitern, braucht es nicht zwangsläufig allzu große Loyalität, damit er ans Ziel kommt. Auch hier gilt: Der Spieler verändert die Beziehungen zu seinen Mitstreitern selbst.

Apropos Mitstreiter: Sie haben einen großen Anteil daran, dass die Welt von "Tyranny" fasziniert und haben allesamt interessante Geschichten zu erzählen.

Da gibt es Gelehrte, die das Bewahren von Wissen über ihr eigenes Wohlergehen stellen, wilde Tierwesen mit ganz eigenem Kampfstil und interessanter Weltanschauung, Schurkinnen mit rauer Fassade und weichem Kern: Es lohnt sich, das Gespräch mit seinen Begleitern zu suchen, etwas über ihre eigenen kleinen und großen Dramen zu erfahren und sich an ihren sehr gut und hie und da sogar etwas derb geschriebenen Sagern zu erfreuen.

Taktisches Gameplay mit viel Gestaltungsspielraum
Spielerisch bietet "Tyranny" natürlich mehr als nur Dialoge. Die auf Knopfdruck pausierbaren Echtzeit-Kämpfe sind durchaus interessant für Taktiker. Hier schöpft genretypisch jeder Charakter aus einem nach und nach wachsenden Pool unterschiedlicher Talente. Angesichts der mit der Zeit steigenden Fülle von Fähigkeiten ist es praktisch, dass das Spielgeschehen jederzeit pausiert werden kann, um den Recken Befehle zu erteilen.

Für Finesse sorgen nur einmal pro Kampf nutzbare ultimative Fähigkeiten und der Umstand, dass man sich nicht starr in ein Klassen-Korsett pferchen muss, sondern verschiedene Klassen kombinieren und so beispielsweise Kampfmagier oder bisweilen Dolche schwingende Fernkämpfer erschaffen kann. Sogar ein Zauber-Baukasten ist vorhanden: Mit ihm kann man allerlei Sprüche mit besonderen Nebeneffekten kreieren, zudem lassen sich die Fähigkeiten unterschiedlicher Klassen kombinieren.

Unspektakuläre Grafik, stimmungsvoller Soundtrack
Allerdings gilt auch hier: Hollywoodreif sind die Kämpfe nicht inszeniert. Die isometrischen Umgebungen und die einzelnen Charaktere sind zwar im Rahmen ihrer Möglichkeiten hübsch gestaltet und detailliert, das Mittendrin-Gefühl eines "Dragon Age: Origins" kommt durch die Draufsicht aber nie auf. Hübsche Licht- und Zaubereffekte gibt es zwar ebenso wie lebensechte Animationen, wegen seiner Grafik spielt "Tyranny" aber wohl niemand.

Deutlich besser gefiel im Test die Vertonung. Der pathetisch-klassische Soundtrack untermalt die Geschichte von "Tyranny" sehr gut und passt exzellent ins Spiel, die Sprecher machen ihren Job ebenfalls gut - allerdings nur auf Englisch und ohne Anspruch auf Vollvertonung. Allzu oft grüßt ein Charakter im Dialog vertont, während die eigentliche Unterhaltung dann in Textfenstern stattfindet. Angesichts der Fülle an Text im Spiel verständlich, aber nicht unbedingt komfortabel.

Fazit: Auch, wenn es spartanisch inszeniert ist und stellenweise als Textwüste daherkommt: Die große Entscheidungsfreiheit in "Tyranny" fasziniert ebenso wie die düstere Spielwelt mit ihren verfeindeten Fraktionen und dem Mysterium um Oberboss Kyros. Die Kämpfe sind taktisch fordernd und bieten viel Gestaltungsspielraum, die Mitstreiter des Helden haben alle ihre eigene interessante Geschichte. Wir meinen: Wer klassische Rollenspiele mag und gern Einfluss auf die Handlung nimmt, die er erlebt, wird mit "Tyranny" sehr viel Freude haben.

Pox Interactive
krone.at-Wertung: 9/10

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