Sa, 18. November 2017

Integrationsmaßnahme

18.10.2016 17:47

Deutschpflicht in Schulhöfen: Debatte in Berlin

An der Herbert-Hoover-Realschule in Berlin gilt seit Jahren die Vereinbarung, dass auch in der Pause bzw. im Schulhof Deutsch gesprochen werden muss. Nun ist die Debatte über diesen Zwang erneut aufgeflammt. Denn der Türkische Bund Brandenburg fordert, dass die Pflicht wieder gekippt wird. Die Begründung: Die Deutschpflicht sei ein Eingriff in die Freizeit und Freiheit der Kinder.

Safter Cinar, Vorstandsmitglied des Türkischen Bunds Brandenburg (TBB), meinte am Sonntag in einem Interview mit welt.de, dass es ihm hierbei nicht nur um türkische Kinder ginge, sondern um alle Kinder mit Integrationshintergrund, die eine fremde Muttersprache haben. Ihnen das Sprechen der eigenen Sprache zu verbieten, sei eine Respektlosigkeit der deutschen Schulen.

"Respektlosigkeit gegenüber bestimmten Kulturen"
Außerdem gab Cinar auch zu bedenken: "Würden die Kinder in der Pause Englisch oder Französisch reden, würden alle vor Begeisterung in Tränen ausbrechen und 'Ach, wie toll' rufen. Hierzulande gibt es eine erschreckende Respektlosigkeit gegenüber bestimmten Kulturen. Ich meine, dass für die Pause gilt: Solange sie keine Scheiben einschlagen, ist doch alles gut."

Befürworter sehen aber gerade in den Unterrichtspausen die Gefahr, dass sich Kinder, die die fremde Muttersprache der Klassenkameraden nicht verstehen, ausgegrenzt fühlten. Mit anderen Worten: Bereits hier beginnt sich eine Parallelgesellschaft aufzubauen. Dem widerspricht allerdings nicht nur Cinar, sondern auch die Bildungsforscherin Urusla Neumann.

"Schulhof-Deutsch" hat mit korrektem Deutsch wenig zu tun
Gegenüber "Focus Online" meinte sie am Dienstag: "Wenn man möchte, dass die Schüler im Unterricht besseres Deutsch sprechen, bringt es wenig, sie auf dem Schulhof zum Deutschsprechen anzuhalten." Dort lernten sie häufig nur "Schulhof-Deutsch", das wenig mit der korrekten deutschen Sprache zu tun hätte, die im Unterricht vermittelt würde. Gleichzeitig warnte die Expertin vor dem fatalen Signal, wonach die Muttersprache gegenüber Deutsch weniger wert wäre.

Zudem habe sich auch die Lehrmeinung geändert, wonach die Erstsprache zu Hause das Erlernen einer neuen Fremdsprache erschweren würde. Heute gehe man viel eher davon aus, dass Mehrsprachigkeit kein Manko darstellt. Denn, so Neumann, schlechtes Deutsch der Eltern wäre nicht von Vorteil. "Generell sollten die Eltern mit ihren Kindern zu Hause die Sprache sprechen, die sie am besten beherrschen", so die Bildungsforscherin.

Schulleitung versteht Aufregung nicht
Gleichzeitig ist sie aber auch gegen die Forderung des TBB. Wenn eine Vereinbarung an der Herbert-Hoover-Schule zwischen den Lehrern, Schülern und Eltern geschlossen worden sei, sollte sich ein Verein nicht von außen einmischen, sagte Neumann. Die Schulleitung selbst versteht nicht, warum die Debatte neu aufgeflammt ist. "Seit Jahren fahren wir gut damit und unsere Schüler fühlen sich keinesfalls diskriminiert", erklärte der stellvertretender Direktor Michael Peschel am Montag gegenüber der "Berliner Zeitung".

Da es bisher keine Probleme gegeben habe und sich der TBB auch nicht mit der Schulleitung in Verbindung gesetzt habe, hofft Peschel, dass sich die Aufregung genauso rasch wieder legen wird, wie sie entstanden war.

Debatte in Österreich von FPÖ angestoßen
Auch in Österreich ist schon wiederholt über eine Deutschpflicht in der Schule diskutiert worden. Zuletzt hatte die FPÖ in Oberösterreich diese Forderung gestellt. Nachdem der Verfassungsdienst des Bundeskanzleramtes diesem Ansinnen eine Absage erteilt hatte, konterten die Blauen mit einem eigenen Gutachten, wonach der Maßnahme keine grund- und verfassungsrechtlichen Hindernisse entgegenstehen würden.

Der Verfassungsdienst des Bundeskanzleramtes hat die von Schwarz-Blau in Oberösterreich angestrebte Deutschpflicht als "Eingriff in das Privatleben der Schülerinnen und Schüler" eingestuft und unter anderem darauf hingewiesen, dass der Lehrplan in Volksschulen ausdrücklich vorsehe, "jede Abwertung der Herkunftssprachen" der Kinder zu vermeiden. Im eigenen Bundesland kann die Landesregierung die Deutschpflicht nicht anordnen, nur eine freiwillige Aufnahme in die Hausordnungen ist möglich.

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