Sa, 18. November 2017

„Großer Italiener“

13.10.2016 09:48

Literaturnobelpreisträger Dario Fo ist tot

Der italienische Schriftsteller Dario Fo ist in der Nacht auf Donnerstag im Alter von 90 Jahren in Mailand gestorben. Der politisch engagierte Autor, Satiriker, Komponist, Regisseur und Schauspieler war 1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden.

Laut Medienberichten war Fo bereits seit zwei Wochen mit schweren Atembeschwerden im Krankenhaus gelegen. "Mit Dario Fo verliert Italien einen der größten Protagonisten des Theaters, der Kultur und des zivilen Lebens unseres Landes. Seine Satire und Arbeit bleiben das Erbe eines großen Italieners in der Welt", sagte der italienische Premier Matteo Renzi am Donnerstagvormittag. Der Senat in Rom legte eine Schweigeminute zu Ehren des verstorbenen Autors ein.

Bekennender Atheist mit Interesse am Spirituellen
Der am 24. März 1926 in San Giano in der Nähe des Lago Maggiore geborene Fo hatte seit seinem Meisterwerk "Mistero Buffo" (1969), einer Sammlung von Monologen, in dem er biblische Episoden beschreibt, nie sein Interesse am Spirituellen verloren. "Wir sind Staub, sagt mir der Verstand. Doch die Fantasie, mein Wahnsinn bescheren mir Visionen einer anderen Dimension. Ich hoffe überrascht zu werden", scherzte der bekennende Atheist erst kurz vor seinem 90. Geburtstag.

Viele Stücke gemeinsam mit Ehefrau geschrieben
Der Gedanke, im Jenseits seine vor drei Jahren verstorbene Frau Franca Rame wiederzutreffen, die er 1954 geheiratet hatte, weckte in Fo Enthusiasmus: "Die Aussicht, Franca in einem Garten wiederzufinden, in dem wir beide in Bäume verwandelt sind, sie mit goldenen Blättern in der Farbe ihrer Haare, ist wunderbar. Sollte es im Jenseits wirklich etwas geben, wünsche ich mir, dass es so aussieht." Viele Stücke hatte Fo gemeinsam mit seiner Frau geschrieben, weshalb er stets von "unserem Nobelpreis" sprach.

Seine Karriere hatte Fo in den 1950er-Jahren begonnen. Nach einem abgebrochenen Studium der Kunst und Architektur wandte sich der Sohn eines Eisenbahners und einer Bäuerin seiner Leidenschaft zu - dem Theater. Mit seinen Werken wurde Fo schnell berühmt, schon Ende der 60er-Jahre war der charmante Polit-Clown weit über die Grenzen Italiens hinaus bekannt. Am liebsten unterwegs, trat Fo auch in Fabriken und Gefängnissen auf. Mit seiner Frau gründete er freie Theatergruppen wie das Kollektiv "La Comune", dessen festes Quartier eine Gemüsehalle in Mailand war. In halb Europa machte er als linker Theatermacher in der Zeit der Studentenrevolten Furore.

Nobelpreiskomitee: "Würde der Schwachen wieder aufgerichtet"
Als erster reiner Theaterautor erhielt Fo 1997 den Literaturnobelpreis - eine Überraschung in der Welt der Literatur. Das Nobelpreiskomitee wollte ihn damit vor allem für seine politische und soziale Theaterarbeit würdigen. Er sei ein Schriftsteller, "der in Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder aufrichtet", hieß es damals aus Stockholm. Mehr als 40-mal war Fo wegen Verhöhnung der Mächtigen vor Gericht gestanden und auch mehrmals direkt von der Bühne abgeführt worden. Der Mailänder sah sich als Possenreißer: "Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Absicht, ein Clown zu sein, ein Hanswurst."

Für Fachkritiker in Italien steht vor allem eines fest: Fo schaffte es, die Menschen wieder ins Theater zu locken. Mehr als 30 seiner Werke wurden ins Deutsche übersetzt, darunter "Bezahlt wird nicht!" (1974), "Die offene Zweierbeziehung" (1983), "Sex? - Aber mit Vergnügen!" (1994) und "Der Teufel mit den Titten" (1997). Die Titel verraten, wie schmunzelnd, beißend und obszön es da manchmal zuging. Ob Mafia oder Waffenindustrie, Kirchenstaat oder Umweltsünden - Fo hatte alle und alles im Visier.

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