Sa, 18. November 2017

Autor zu Brexit

12.07.2016 07:15

Sarrazin: „Chaos und Perspektivlosigkeit der EU“

Für den früheren Vorstand der deutschen Bundesbank, den Ex-SPD-Politiker Thilo Sarrazin, vermittelt die Europäische Union den Eindruck von Chaos und Perspektivlosigkeit. Nicht ganz unschuldig daran sei die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die seiner Meinung nach zu viele Flüchtlinge ins Land gelassen und damit wesentlich das Misstrauen der Briten gegenüber europäischen Lösungen geschürt habe, sagte er in einem Interview mit dem "Focus".

Dass weder Deutschland, das von der EU keine Hilfe erhielt, noch Europa die Flüchtlingskrise im Griff haben, vermittle den Eindruck von Perspektivlosigkeit und habe beim Ausgang des Brexit-Votums eine wohl nicht unerhebliche Rolle gespielt, so der bekannte Buchautor ("Deutschland schafft sich ab", "Der neue Tugendterror"). "Da sagt sich der normale Brite: Was haben wir mit dieser chaotischen Veranstaltung zu schaffen?"

Vor allem beim Umgang mit dem Euro und beim Thema Einwanderung habe die EU in der Vergangenheit kein gutes Bild abgegeben. Die Briten hätten also im Fernsehen gesehen, "dass die Deutschen für die Griechen zahlen, demnächst wahrscheinlich auch noch für andere. Nirgends läuft es wirtschaftlich vernünftig, weder in Griechenland, noch in Italien, in Spanien oder Frankreich", so Sarrazin.

Bei der gemeinsamen Währung und dem Wegfall der Binnengrenzen - beides Punkte, die die Briten nicht betrafen - habe es Fehlentwicklungen gegeben. Damit sei der Rest der EU negativ eingefärbt worden, so Sarrazin. "Das ist wie mit einem Korb Süßkirschen auf dem Markt, in dem drei oder vier angeschimmelte liegen. Den kaufen sie nicht. Der ganze Korb hat einen Imageschaden." Ähnlich verhalte es bei den Briten mit Blick auf die europäische Idee - sie ist aus deren Sicht fundamental beschädigt, so der frühere Banken-Chef.

EU-Ausstieg auch für andere Staaten eine Option?
Befragt, welche Folgen er durch den Brexit auf Europa zukommen sehe, sagte Sarrazin, es werde wohl zu fallenden Aktienkursen und weniger Wachstum in Großbritannien kommen. Auf die Dauer werde dem Land der Austritt aus der EU aber wirtschaftlich nicht schaden. Darin bestehe auch eine Gefahr: Wenn die Perspektiven für die Briten nicht schlechter sind, dann werde ein ähnliches Verhalten - also ein Ausstieg - auch für andere EU-Mitglieder zu einer attraktiven Option.

Das Problem lasse sich laut Sarrazin nur durch einen europäischen Bundesstaat beheben, doch einen solchen schließe er nach dem Abstimmungsergebnis auf der Insel für die absehbare Zukunft aus. "Und ich glaube an die Fortexistenz souveräner Nationalstaaten, egal ob klein oder groß. Diese arbeiten dann in unterschiedlicher Form zusammen", wird Sarrazin in dem "Focus"-Interview zitiert.

Friedensprojekt Europa ist "unhistorischer Kitsch"
Auf die Frage, ob Europa als Werte- und Friedensgemeinschaft vor dem Hintergrund der Probleme auf dem Wirtschafts- und Finanzsektor sowie der Flüchtlingspolitik verliere, sagte Sarrazin, dass das Verteidigungsbündnis NATO der eigentliche Friedensgarant sei. "Der Frieden hat nichts zu tun mit der Europäischen Union. Die Behauptung, der Frieden könne nur mit immer weiter voranschreitender europäischer Integration gesichert werden, ist unhistorischer Kitsch."

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