Mi, 18. Oktober 2017

Ein Nachruf

22.10.2015 21:30

Gegen den Wind

Kein anderer Journalist veränderte das Land so sehr wie Robert Redtenbacher. Ein Nachruf von Hans Peter Hasenöhrl.

Wenn Du Ecken und Kanten überwindest, bläst Dir der ziemlich raue und zumeist eiskalte Wind ins Gesicht. Das ist am Berg so, meist knapp vor dem Gipfelsieg. Doch auch im Stil der politischen Berichterstattung, wie wir sie in der unabhängigen "Krone" pflegen. Scheinbare Freunde werden zu erbitterten Feinden, und letztlich sehen die wenigsten ein, dass verheerende Fehler und nicht die Journaille schuld an ihrem Sturz waren. "Machen Sie eine gute Zeitung!" sagte Hans Dichand, als er mich rasch überzeugte, dass es eine spannende Aufgabe wäre, die Position der "Krone" im Bundesland Salzburg massiv auszubauen. Die politische Berichterstattung entsprach nicht unseren Vorstellungen, denn zu stark war der Filz zwischen den damals Mächtigen und vielen Redakteuren. Offizielle Pressekonferenzen hatten mehr Gewicht als solide und intensive Recherchen.

So engagierte ich am 10. Juni 1989 Robert Redtenbacher, 30 Jahre jung war er gerade geworden, unstillbar hungrig nach Geschichten, die nicht schon am Vortag von den elektronischen Medien hinauf-und hinunter geleiert worden waren. Wir mussten nicht viel besprechen. Am Vormittag ein kurzer Anruf, ich sollte wohl gute zwei Seiten unserer "Salzburg Krone" für ihn frei halten. Und den Aufmacher auf der Seite Eins auf jeden Fall. Worum es ging, erfuhr ich stets in einer Szene, die so in ein Thomas Bernhard-Stück passen könnte: Eine große, sportlich durchtrainierte Gestalt stand in der Türe, unter dem linken Arm einen dicken Wust von Akten und Unterlagen, in der rechten Hand ein Notizblock, die Augen funkelten und dann ließ er mich auch raten. Was er denn wohl wieder ans Licht der Wahrheit bringen wollte.

In Rekordzeit schrieb er das nieder, was dann das ganze Land bewegte
Als Journalist bist Du ständig Zeitzeuge der Geschichte. "Aufregend war es immer", bezeichnet es Hugo Portisch in seinem neuen Buch. In kurzen Sätzen, knapp, präzise und auf das Wesentliche konzentriert, schilderte mir Robert Redtenbacher das, was am nächsten Morgen, nach dem Erscheinen des Berichtes, in Salzburg zum Thema wurde. Gegenfragen waren ebenso unerwünscht wie vorsichtige Erkundungen nach der möglichen Quelle. Er deutete auf das Packerl Akten und verließ mit den Worten: "Das hält!" mein Zimmer. In Rekordzeit schrieb er das nieder, was dann das ganze Land bewegte. Da war keine Korrektur notwendig.

Erinnerungen: Der Anruf aus dem Schloss Mirabell. Ein politischer Erdrutsch. Neun Mandate Verlust für die Bürgermeister-Partei. Das Ergebnis einer Kampagne gegen den Missbrauch der Macht durch eine radikale Gruppierung. Die Information knapp vor unserem Schlagzeilen-Empfang. Der gigantische Finanzskandal. Robert Redtenbacher arbeitete sich wie ein vifer Wirtschaftswissenschafter durch die Unterlagen. Seine Berichte hatten im Lauf der Zeit immer mehr Veränderungen ausgelöst.

Vor eineinhalb Jahren kam die schreckliche Diagnose, die in seinem Leben alles veränderte. Er kämpfte dagegen. Ohne Tränen, mit Härte. Alle wussten um sein Leiden, doch er machte es nicht öffentlich. Eine Flut von Informationen erreichte ihn auch im Spitalsbett am Handy. Wir bekamen geniale Aufmacher. Gelegentlich entschuldigte er sich für eine geringe Verspätung, die Therapie habe doch etwas länger gedauert. Donnerstagmittag verlor er seinen Kampf gegen die Krankheit. Wie kein anderer Journalist hat er dieses Land verändert. Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen, seiner tapferen Frau, seiner geliebten Tochter. Die "Krone"-Familie trauert.

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