Mo, 11. Dezember 2017

Novum in Afghanistan

04.09.2015 13:01

Wenn Liebe tabu ist: Radioshow gegen Liebeskummer

Das rote Aufnahmeschild leuchtet, die Studiotür ist geschlossen. Mit sanfter Stimme begrüßt Hadia im Halbdunkel des schwach beleuchteten Kabuler Studios die Zuhörer ihrer Radioshow: "Salaam allen Freunden, die zur 'Nacht der Liebenden' eingeschaltet haben." In der rund dreistündigen Sendung reden sich junge Menschen in Afghanistan ihren Liebeskummer von der Seele.

Die Show läuft einmal pro Woche beim Radiosender Arman FM 98,1. Es ist der erste private Unterhaltungssender in der Hauptstadt Kabul seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. "Die Sendung ist eine Plattform für Menschen mit gebrochenen Herzen, die ihre Gefühle und Erfahrungen teilen wollen", sagt Hadia.

Dann liest die Moderatorin, die das lange und typisch muslimische Gewand Hidschab trägt, die Facebook-Nachricht einer Zuhörerin. "Liebe Hadia, fünf Jahre lang war ich in einen Mann verliebt und wurde dann gezwungen, einen anderen zu heiraten", schreibt sie. Als die Frau dem Ehemann von ihren Gefühlen erzählte, erhielt sie Prügel.

Verlieben ist tabu
Die Radioshow sorgt in Afghanistan für großes Aufsehen. In dem islamischen Land ist Liebe tabu, Dating verboten und noch immer werden viele junge Menschen gegen ihren Willen verheiratet. Obwohl Afghanistan im vergangenen Jahrzehnt viel moderner geworden ist, überwiegt in der Gesellschaft die konservative Tradition. "Über Liebe und Verliebtsein wird nicht offen gesprochen", sagt Haida. "Die Familien wollen nicht, dass ihre Söhne und Töchter sich verlieben. Das ist ein Tabu."

Doch Smartphones und Internet haben die Kommunikation der afghanischen Jugend verändert. Die Teenager schreiben und flirten mithilfe ihrer Handys. Die meisten Schwärmereien sind jedoch zum Scheitern verurteilt und enden mit Liebeskummer. Hier kommt die Radiosendung ins Spiel. Die "Nacht der Liebenden" wird in 18 der 34 afghanischen Provinzen gesendet. Junge Afghanen rufen an oder schreiben E-Mails, um von ihrem Herzschmerz zu erzählen. Die meisten von ihnen sind Frauen, ihre Identität bleibt verdeckt. Pro Sendung nehmen Hadia und ihr Co-Moderator Omid rund 20 Geschichten auf. Immer geht es um die Liebe: Liebe auf den ersten Blick, unerwiderte Liebe - nur selten haben die Geschichten ein Happy End. Unter Tränen erzählt ein junger Mann davon, wie er seine Familie für eine andere Frau verlassen hat und dann von ihr betrogen worden ist.

"Wir übermitteln nur die Geschichten, wir geben keinen Rat"
Die Idee zur Sendung stammt vom Manager des Senders, Sameem Sadat. Auf dem Heimweg beobachtete er eines Abends eine Gruppe Jugendlicher, die telefonierte und Nachrichten verschickte. "Sie lächelten, wie man es eben macht, wenn man flirtet", sagt er. Die Show startete im Vorjahr am Valentinstag. "Wir übermitteln nur die Geschichten", sagt Hadia. "Wir geben keinen Rat". Die Geschichten würden auch auf Facebook gepostet, sagt sie. Dort seien die Reaktionen überwältigend gewesen. Jede Folge wird von Tausenden Menschen geteilt, geliked und kommentiert. Darunter sind nicht nur Fans: "Am Anfang gab es viel Widerstand. Wir wurden bedroht", sagt Hadia. Doch die Zahl der bösen Kommentare sei zurückgegangen.

Frauen kommen oft wegen der Liebe in Haft
Die Geschichte einer jungen Frau, die von ihrer großen Liebe vergewaltigt wurde, teilten Facebook-Nutzer mehr als 3.000-mal. Ihr Schicksal habe viele Afghanen berührt, sagt Sameem. "Sie drohten, den Vergewaltiger umzubringen", sagt er. Die Frau war von der Polizei festgenommen worden. Viele Vergewaltigungsopfer würden in Afghanistan wegen Ehebruchs verhaftet. Daran hat auch ein 2010 eingeführtes Gesetz, das Frauen vor Gewalt schützen soll, nur wenig ändern können.

Die Macher der Show baten weitere Frauen eines Kabuler Gefängnisses, von ihren Erfahrungen zu berichten. Dabei wurde den Moderatoren klar, dass viele Frauen aus Liebe in Haft gerieten. "Manchmal stecken die Familien sie ins Gefängnis, weil sie sich verliebt haben", sagt Hadia. Die Geschichten in ihrer Sendung würden sie sehr traurig stimmen, so die Moderatorin. Sie wundere sich, warum die jungen Menschen dennoch so viel riskierten.

"Kinder nicht gegen ihren Willen verheiraten"
Für die große Liebe verließ eine Zuhörerin ihren Ehemann. Dafür mussten sie und ihr Geliebter fünf Jahre in Haft. Nun sind sie zwar ein Paar, doch der Ehemann nahm der Frau den gemeinsamen Sohn weg. "Ich bin glücklich, dass ich mit meinem Geliebten zusammensein kann", schreibt die Frau an die Show. "Aber ich bin traurig, weil ich einen Sohn hatte und nicht weiß, wo er ist und wie es ihm geht." Sie fordert Afghanistans Familien dazu auf, Kinder nicht gegen ihren Willen zu verheiraten. "Sie sollten darauf achten, dass sie glücklich sind", sagt sie.

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