Mi, 13. Dezember 2017

krone.at-Rezension

26.08.2015 14:00

"Until Dawn": Wenig Spiel, viel filmreifer Horror

In "Until Dawn" schickt Sony PS4-Spieler in ein Horror-Abenteuer, das seine Geschichte auf neuartige Art und Weise erzählt. Der Ausgang des Spiels ist völlig offen und hängt von den Entscheidungen ab, die man im Verlauf des Games trifft. Es können alle Protagonisten überleben, aber auch gar keiner. Wie gut das in der Praxis funktioniert und ob der Titel das Zeug zum Gänsehaut-Garanten hat, hat krone.at getestet.

Die Handlung von "Until Dawn" könnte kaum klischeebeladener sein: Eine zehnköpfige Gruppe Teenager trifft sich in den verschneiten Bergen der Blackwood Pines am nur per Seilbahn erreichbaren Gelände eines verlassenen Hotels, neben dem sich früher einmal eine Irrenanstalt befand und dessen Untergrund mit düsteren Minenschächten durchzogen ist, um zu feiern.

Ein gruseliges und abgeschottetes Gelände, das keine Annehmlichkeiten der Zivilisation wie Handyempfang bietet? Eine ehemalige Irrenanstalt? Wölfe und Bären in den Wäldern? Und dann noch ein Streich, der furchtbar schiefgeht? Klar, dass die zehnköpfige Teenie-Truppe schon nach dem Intro nur mehr zu acht da steht.

Rückkehr an den denkbar schlechtesten Ort
Was folgt, ist nur schwer nachvollziehbar. Hand aufs Herz: Würden Sie, nachdem zwei Ihrer Freunde spurlos verschwunden und vermutlich gestorben sind, ein Jahr später im gleichen unheimlichen Berghotel Ferien machen? Die Protagonisten von "Until Dawn" tun es – und legen so den Grundstein für ein rund zehnstündiges Horrorabenteuer, das vor allem in der zweiten Spielhälfte für einige gelungene Schockeffekte und unerwartete Wendungen gut ist.

Gerade zu Anfang geht es aber ganz langsam. Die ersten Spielstunden verbringt der Spieler damit, die Charaktere kennenzulernen. Für unseren Geschmack wird dafür etwas zu viel Zeit aufgewendet, da die Teenies ohnehin nicht sehr tiefgründig sind. Jedes Klischee wird bedient.

Relativ seichte, klischeebeladene Charaktere
Das hormongesteuerte Paar aus Sportler und Blondine ist ebenso vorhanden wie der Brille tragende Streber und dessen "beste Freundin", der er nicht zu gestehen vermag, dass sie eigentlich mehr für ihn ist. Der traumatisierte Erbe des Anwesens, der im Vorjahr seine Schwestern verlor, reiht sich an eine Dreiecksbeziehung aus rechthaberischer Streberin, aalglattem Feschak und verflossenem Witzbold.

Wir geben es offen zu: Einigen Protagonisten trauerten wir nicht sonderlich nach, nachdem sie dem maskierten Psychopathen zum Opfer gefallen sind, der auf dem Gelände sein Unwesen treibt.

Wer überlebt? Der Spieler entscheidet
Welche Mitglieder der Truppe die Nacht in den Blackwood Pines überleben und welche nicht, obliegt dem Spieler. Er führt – Dialoge und Entscheidungen bestimmend – abwechselnd einen oder zwei Protagonisten durch kurze Episoden, die meist dann enden und in die nächste Einstellungen übergehen, wenn es gerade spannend wird.

Das ist der Dramaturgie und Atmosphäre durchaus zuträglich – ebenso wie die zwischen den Episoden eingestreuten und immer verrückter werdenden Sitzungen bei einem mysteriösen Psychiater. Oder die immer wieder auftretenden Schockeffekte, bei denen nicht der Psycho-Mörder am Zug ist, sondern Tiere aus dem Dickicht springen oder andere Teenies – nicht wissend, was ihnen noch blüht – aus Spaß ihre Freunde erschrecken.

Insgesamt solide Story, hoher Wiederspielwert
Alles in allem gilt: Die insgesamt gut inszenierte Story von "Until Dawn" nimmt gerade zu Beginn eher langsam Fahrt auf und strotzt nur so vor Stereotypen, bietet im Spielverlauf aber unerwartete Wendungen und Begegnungen. Damit hat sie einigen ihrer filmischen Vorbilder – wir erkannten im Game unter anderem Anleihen aus der "Saw"-Reihe und "Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast" - etwas voraus.

Zumal die Entscheidungen, die der Spieler im Verlauf von "Until Dawn" fällt, wirklich einen Einfluss auf die Geschehnisse im Game haben. Wer in einem Raum eine Schere entdeckt und sie einsteckt, hat nachher ein Ass im Ärmel, wenn der Mörder auftaucht. Wer sie liegen lässt, nicht. Das kann über Leben und Tod einer Spielfigur entscheiden und lenkt das Game laufend in neue Bahnen.

Dass sich das Game bei jedem Durchgang etwas anders spielt, mal der eine und mal der andere Teenie daran glauben muss, sorgt für Wiederspielwert. Zwei, drei Durchgänge werden neugierige Spieler bei "Until Dawn" sicherlich wagen.

Keine besonders große Herausforderung
Sehr viel öfter dürften vor allem Spieler, die sich von einem Game eine gewisse Herausforderung erwarten, "Until Dawn" aber wohl nicht durchspielen. Das Spiel ist durch seine verschiedenen Handlungsverläufe und die fesselnde Erzählweise zwar aus erzählerischer Perspektive ein faszinierendes Erlebnis, spielerisch aber fad umgesetzt.

Meist spaziert – gelaufen wird nur, wenn das Spiel es vorsieht - der Spieler durch düstere Räume, Minenschächte oder Wälder, betrachtet mit dem X-Knopf Hinweise, hebt mit dem R2-Trigger Artefakte wie Zeitungsartikel, alte Bilder oder die Zukunft vorhersagende Totems auf, dreht sie mit dem rechten Stick, absolviert das eine oder andere Schalterrätsel und – hierbei handelt es sich um die größte Herausforderung – drückt bei Quick-Time-Sequenzen im richtigen Moment den richtigen Knopf.

Quick-Time-Events als Beschäftigungstherapie
Diese spielerische Armut hat man in der Vergangenheit auch schon bei anderen interaktiven Filmen – etwa "Beyond: Two Souls" auf der PS3 – erlebt, sie ist für das Genre also nicht ungewöhnlich. Gepaart mit den oft eher mäßig spannenden Charakteren nimmt sie "Until Dawn" trotzdem ein bisschen von seinem Reiz.

Zumal uns die Interaktionsmöglichkeiten gerade in der ersten Spielhälfte auch etwas konstruiert erschienen. Nach einer längeren Filmsequenz zum Controller zu greifen, nur um einen Zettel mit der R2-Taste aufzuheben oder in einem Quick-Time-Event drei Buttons im richtigen Zeitfenster zu drücken, riecht nach Beschäftigungstherapie.

Immerhin: Nach dem ersten Durchspielen muss man sich diese, gerade in den ersten Spielstunden nervige, Beschäftigungstherapie nicht mehr antun, sondern kann gezielt die Episode des Games anwählen, die man nochmals erleben und durch andere Entscheidungen anders beenden möchte. Praktisch: Online-Statistiken zeigen auf Wunsch, wie sich andere Spieler in bestimmten Situationen entschieden haben.

Sehr hübsche Optik, Kameraführung mühsam
Optisch weiß "Until Dawn" sehr gut zu gefallen. Die Landschaften und Gebäude der Blackwood Pines sind zwar insgesamt etwas arm an Farben, aber das ist der Atmosphäre zuträglich. Die Texturen sind scharf, Lichteffekte gut getroffen.

Die größte Stärke von "Until Dawn" sind die Charaktermodelle und insbesondere deren Gesichter: Hier merkt man sofort, dass Sony professionelle Schauspieler – etwa Hayden Banettiere aus "Heroes" oder Rami Malek aus "Twilight" – für das Game engagiert hat. Sie verleihen den Teenies im Game lebensechte Mimik und in der englischen Originalfassung sogar ihre Stimme. Stellenweise – etwa bei Augen und Mund – bemerkt man zwar, dass es sich "nur" um Computeranimationen handelt, insgesamt kann sich das Charakterdesign aber absolut sehen lassen.

Vortrefflich streiten ließe es sich über die Kameraführung in "Until Dawn". Das Spielgeschehen wird aus starrer Perspektive dargestellt. Das kann atmosphärisch sinnvoll sein – etwa, wenn beim Betreten eines Raumes die Kamera just neben einem Skelett positioniert wird, das den Vordergrund einnimmt, während der Spieler im Hintergrund herumirrt. Es kann aber auch nerven. Etwa, wenn der Spieler zuerst von der Kamera verfolgt wird, im nächsten Raum von vorn gefilmt wird – und gleich wieder kehrt macht, weil man den Analogstick noch in die falsche Richtung drückt.

Gut vertont, besser im englischen Original
Gut gelungen ist auch die Vertonung von "Until Dawn" – zumindest im englischen Original. Hier sprechen die Charaktere fast lippensynchron, man hört Emotion heraus. In der deutschen Version hapert es vereinzelt bei der Synchronisierung: Die Lippenbewegungen passen oft nicht und auch d im englischen Original und aktivieren Sie bei Bedarf deutsche Untertitel!

Musikalisch und in puncto Effekte haben wir dagegen nichts auszusetzen. Der Soundtrack untermalt das Geschehen am Bildschirm atmosphärisch und unaufdringlich, die Soundeffekte sind ebenfalls gut getroffen. Wir haben uns zwar bisweilen gefragt, warum die Tierwelt der Blackwood Pines gar so schrill kreischt, insgesamt trägt die atmosphärische Geräuschkulisse mit ihren mysteriösen Lauten aus der Umwelt des Spielers aber viel zur Atmosphäre von "Until Dawn" bei.

Fazit: "Until Dawn" hinterließ im Test gemischte Gefühle. Aus erzählerischer Perspektive und durch die variable, filmreif erzählte Handlung mit verschiedensten möglichen Enden ist es ein faszinierendes Erlebnis, das man so bislang nicht kannte und als Freund interaktiver Filme und Adventures erlebt haben sollte. Die klischeebehaftete Story und die Charaktere aus der Teenie-Horror-Mottenkiste könnten aber langjährigen Horrorfilm-Fans zu generisch sein. Die Armut an spielerischem Anspruch und die starre Kamera dürfte wiederum Freunde von forderndem Gameplay und Action abschrecken.

Plattform: PS4
Publisher: Sony
krone.at-Wertung: 7/10

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