So, 27. Mai 2018

Unter Saddam gelernt

19.04.2015 19:45

Haji Bakr: Das IS-Mastermind und seine Strategie

Er soll der wahre Kopf der Terrormiliz Islamischer Staat gewesen sein: Der Mann mit dem Tarnnamen Haji Bakr sei bis zu seinem Tod Anfang 2014 der wichtigste IS-Stratege gewesen, dem Religion nur als Mittel zum Zweck diente, berichtete der "Spiegel" am Sonntag. Das Nachrichtenmagazin hat nach eigenen Angaben die Machenschaften des ehemaligen irakischen Geheimdienstobersts aufgedeckt, der Abu Bakr al-Baghdadi erst zum Führer der Dschihadisten machte - und selbst im Hintergrund als graue Eminenz die Fäden in der Hand hielt.

Haji Bakr entwarf den Masterplan zur Machtübernahme in Syrien, baute ein Spitzelnetz auf und installierte den selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi an der Spitze der Terrororganisation, berichtete der "Spiegel" am Wochenende nach monatelangen Recherchen in mehreren Provinzen Nordsyriens und unter Berufung auf interne Dokumente der innersten Führung der Terrormiliz. Demnach sei Haji Bakr Ende 2012 nach Syrien gegangen und verantwortlich für die Machtübernahme des IS dort gewesen. Er steuerte eineinhalb Jahre lang den Siegeszug der Dschihadisten in Nordsyrien, bis er im Jänner 2014 bei Gefechten ein blutiges Ende fand.

Handwerk in Saddams Militärgeheimdienst gelernt
Der richtige Name des IS-Strategen lautet den Recherchen zufolge Samir Abed al-Mohammed al-Khleifawi. Er hatte als Oberst im irakischen Militärgeheimdienst gedient und mehr als zwei Jahrzehnte lang in Saddam Husseins Geheimdienststaat gelernt, "wie man mit einem System aus flächendeckender Überwachung und feindosiertem Schrecken eine Bevölkerung im Griff hält", rekonstruiert der "Spiegel" das Leben des IS-Strategen.

Das Nachrichtenmagazin nennt Bakr den "einflussreichsten Terror-Strategen der jüngeren Vergangenheit". Nach Auswertung der Dokumente stehe demnach fest, dass der Iraker der wahre Kopf hinter dem Islamischen Staat in Syrien gewesen sei. Anhand der in seinem Wohnhaus in Nordsyrien nach seinem Tod sichergestellten Papiere und handschriftlichen Notizen lasse sich das Vorgehen des IS in den vergangenen Jahren bis ins Detail rekonstruieren.

In dem Konvolut findet sich unter anderem Folgendes zum Feldzug des IS in Syrien:

  • der detaillierte Plan für den Einstieg: Spionagezellen, als islamische Missionierungsbüros getarnt, sollen in allen Dörfern und Städten etabliert werden
  • Ablaufpläne dafür, wie Orte "geöffnet" werden sollten
  • Organigramme für konkurrierende Geheimdienste
  • der Entwurf für separate Abteilungen, die geheime Morde und Entführungen planen und durchführen, als Vorstufen zur anschließenden Machtübernahme
  • Einsatz von "Schläferzellen" mit Waffen und Kämpfern

"Hochintelligent, entschlossen, exzellenter Logistiker"
Bei der Analyse der Dokumente werde jedenfalls eines deutlich: Bei Bakr handle es sich nicht um einen Ideologen, sondern um einen kühlen Strategen. Er war "absolut kein Islamist", zitiert der "Spiegel" den irakischen Journalisten Hischam al-Haschimi, dessen Cousin gemeinsam mit dem damaligen Offizier auf der Luftwaffenbasis Habbanija stationiert war. Er sei "hochintelligent, entschlossen und ein exzellenter Logistiker" gewesen - doch nach dem Sturz des Saddam-Regimes war Bakr "arbeitslos und verbittert", so der Journalist.

Während Aufenthalten im US-amerikanischen Gefangenenlager Camp Bucca und im berüchtigten Militärgefängnis von Abu Ghraib konnte Bakr dann zahlreiche Terrorkontakte zur damals mächtigsten islamistischen Terrororganisation, Al-Kaida, knüpfen. Als der aus Al-Kaida im Irak hervorgegangene Islamische Staat 2010 fast seine gesamte Führungsspitze verlor, sei dies der Moment für Haji Bakr gewesen, der den heutigen "Kalifen" Abu Bakr al-Baghdadi an die Spitze des IS intrigierte. Besonders brisant dabei: Der Islam sei in seinen Plänen, die den Siegeszug der Dschihadisten in Syrien erst möglich gemacht hätten, außer in den Eingangsfloskeln nicht erwähnt worden.

Alles Religiöse für IS-Strategen nur Mittel zum Zweck
Scharia, islamische Gerichtsbarkeit, schlicht alles Religiöse sei für den IS-Strategen nur Mittel zum Zweck gewesen, um die "neu gewonnenen Untertanen zum Gehorsam zu zwingen und die enorme Zugkraft des Dschihad, die zu Tausenden aus aller Welt strömenden Radikalen, benutzen zu können". Und die Strategie ging auf: Während sich der IS nach außen mit religiösem Fanatismus präsentierte, trat die Miliz mit den Methoden eines hochkomplexen Geheimdienststaates, der sich auf flächendeckende Ausspionierung, Überwachung und Morde gründet, ihren Siegeszug an - der sich auch nach dem Tod des Strategen fortsetzte.

Dies dürfte den Dschihadisten wohl auch deshalb gelingen, weil Bakr nicht der einzige frühere Saddam-Anhänger ist, dessen Expertise sich der IS zunutze macht. So war erst am Freitag vermeldet worden, dass Izzat Ibrahim al-Duri bei einem groß angelegten Militäreinsatz in der irakischen Provinz Salahuddin ums Leben gekommen sein soll. Duri, von den USA "Kreuzkönig" genannt, gehörte zum inneren Machtzirkel Saddams und war dessen letzter enger Vertrauter, der sich noch auf der Flucht befand. Im vergangenen Jahr waren Aufnahmen aufgetaucht, in denen Duri angeblich den IS-Extremisten die Treue schwört.

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