Sa, 26. Mai 2018

"Wie in Guantanamo"

29.09.2014 19:30

Asylwerber in deutschen Heimen misshandelt

Ein Handy-Foto, das private Sicherheitsleute zeigen soll, wie sie einen Asylwerber in einer Flüchtlingsunterkunft misshandeln, sorgt derzeit in Deutschland für helle Empörung. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln bereits gegen vier Verdächtige. Laut den Ermittlern stammt die Aufnahme - ein gefesselt am Boden liegender Mann, der von einem Uniformierten mit dem Fuß nach unten gedrückt wird - aus einer Einrichtung in Burbach in Nordrhein-Westfalen.

Das Handy-Foto, das traurige Berühmtheit erlangt hat, zeigt laut Polizei einen etwa 20 Jahre alten Algerier, der gefesselt auf dem Boden liegt. Um ihn herum stehen zwei Uniformierte, einer von ihnen hat seinen Fuß im Nacken des Mannes und drückt diesen zu Boden. Laut den Ermittlern grinsen die Sicherheitsleute auf dem Foto. "Das sind Bilder, die man sonst nur aus Guantanamo kennt", sagte der Hagener Polizeipräsident Frank Richter unter Verweis auf das US-Gefangenenlager. Seit Freitag laufen die Ermittlungen. Inzwischen seien etwa 100 der insgesamt rund 700 Bewohner der Unterkunft befragt worden. Danach gebe es Hinweise auf weitere Körperverletzungsdelikte, an denen zum Teil Mitarbeiter des Wachdienstes beteiligt gewesen sein könnten, meinte Richter weiter.

Video an Polizei und Staatsanwaltschaft geschickt
Polizei und Staatsanwaltschaft hatten am Freitag ein Video erhalten, das einen anderen Übergriff auf einen Flüchtling in der Einrichtung zeigt. Die etwa zehn- bis 15-sekündige Sequenz zeigt nach Angaben der Polizei einen Mann, der neben Erbrochenem auf einer Matratze sitzt und unter Androhung von Schlägen gezwungen wird, sich hinzulegen. Bei anschließenden Durchsuchungen fanden die Ermittler auf dem Handy eines der Verdächtigen das Foto.

Auch in einem Flüchtlingsheim in Essen soll es nach einem Bericht des WDR-Magazins "Westpol" Attacken des Wachdienstes auf Asylbewerber gegeben haben. "Westpol" liegt nach eigenen Angaben ein ärztliches Attest eines Flüchtlings vor, das Verletzungen dokumentiert. Nach Auskunft der für die Flüchtlinge zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg wird das Essener Heim vom gleichen privaten Betreiber, European Homecare, geführt wie die Unterkunft in Burbach. Dieser habe dort auch denselben Sicherheitsdienst engagiert.

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hat den Einsatz privater Unternehmen in Flüchtlingsheimen am Montag scharf kritisiert. Eine "hoheitliche Aufgabe" sei auf ein "gewinnorientiertes Unternehmen" übertragen worden, sagte Wendt im ZDF-"Morgenmagazin". Zudem sei der "Kardinalfehler" begangen worden, die Tätigkeit von Subunternehmen nicht zu verbieten. Damit seien die "Scheunentore weit geöffnet für Kriminelle".

Zusammenarbeit mit privatem Sicherheitsdienst beendet
Die Bezirksregierung Arnsberg hat indes als Konsequenz aus den Vorfällen in Burbach die Zusammenarbeit mit dem privaten Sicherheitsdienst beendet. "Wer Kriminelle beschäftigt, die Gewalt gegen Asylbewerber ausüben und sie drangsalieren, fliegt raus", erklärte Regierungspräsident Gerd Bollermann.

Nach Veröffentlichung der Aufnahme häufen sich auch aus anderen Einrichtungen Berichte über Misshandlungen. "Sie behandeln uns wie Tiere", sagt Dendawi Reda aus Algerien. Zusammen mit rund 500 weiteren Flüchtlingen lebt er seit einiger Zeit in einer Notunterkunft in Essen, die das Land Nordrhein-Westfalen vor acht Wochen in einem ehemaligen Krankenhaus eingerichtet hat. Immer wieder berichten Bewohner von Aggression und Übergriffen der privaten Sicherheitskräfte. Zwei Anzeigen hat es bei der Essener Polizei in diesem Zusammenhang gegeben.

Auch Yousra Fakitt ist zur Polizei gegangen. Ein Sicherheitsmann habe der Frau aus dem Libanon eine Tür in die Schulter gerammt, nachdem es zu einem Streit über eintönige Mahlzeiten gekommen sei. "Sie schreien dich an, behandeln dich überhaupt nicht mit Respekt", klagt die Journalistin und Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Andere berichten von Beschimpfungen und Schlägen, weil sie zu später Stunde nicht zurück in die Unterkunft wollten. "Das ist doch hier kein Gefängnis, oder?", fragt Dendawi.

European Homecare verteidigt sich gegen Vorwürfe
European Homecare betreibt Schadensbegrenzung. "Wir sind selbst total fassungslos", sagte Sprecherin Renate Walkenhorst am Montag. Man habe bei den Sicherheitskräften stets den Anspruch gehabt, dass sie den Bewohnern mit Respekt begegnen. "Was jetzt passiert ist, ist eine Katastrophe", so Walkenhorst. Dass es sich um mehr als Einzelfälle handeln könnte, wies sie von sich. "Anscheinend hat sich da eine Gruppe von Wachkräften irgendwie verselbstständigt", sagte sie.

Die Version des Heimbetreibers wirft aber auch ein anderes Licht auf Täter und Opfer: Ein Wachmann habe einen Bewohner beim Kiffen erwischt. Es kam zum Eklat, der Mann vom Sicherheitsdienst habe sich gegen einen Angriff verteidigt. In der Folge sei eine ganze Gruppe Bewohner aufgetaucht und habe dem Wachmann gedroht. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

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