Sa, 26. Mai 2018

Spaßiger Schocker

09.09.2011 15:07

Mittendrin statt nur dabei in Segas "Rise of Nightmares"

Erst Casual, dann Core, so lautete Microsofts Doktrin bei der Veröffentlichung seiner Xbox-360-Bewegungssteuerung Kinect. Man wolle sich zunächst auf die Familie konzentrieren, dann sollen die "Erwachsenen-Spiele" folgen, hieß es damals. Gut ein Jahr nach dem Kinect-Launch im November 2010 ist es nun so weit: Mit "Rise of Nightmares" liegt der erste Ab-18-Titel für die Bewegungssteuerung vor. Und das ist nicht die einzige Neuerung, die das Survival-Horror-Game aus dem Hause Sega bereit hält.

Ein Zug, irgendwo unterwegs in Rumänien. In ihm: ein Grüppchen Partysüchtiger aus Frankreich, zwei Ballerinas aus Russland, ein paar Soldaten und eine rumänische Hellseherin, die dem amerikanischen Protagonisten, der zusammen mit seiner Freundin ebenfalls in dem Zug sitzt, eine schreckliche Zukunft prophezeit. So falsch liegt die Gute damit nicht, denn nur wenige Augenblicke später ist die Hälfte aller Insassen tot (davon zeugen zumindest die im gesamten Abteil verstreuten Innereien), der Zug entgleist und die Freundin von einer definitiv nicht menschlichen Gestalt entführt.

Ziemlich schlechte Voraussetzungen für einen romantischen Urlaub also. Zeit, sich zu bemitleiden, hat der Held in Segas "Rise of Nightmares" aber ohnehin nicht. Nach der Rettung aus dem Zug stehen die Suche nach der besseren Hälfte und der Antwort auf die Frage, wer hinter der Entführung und dem blutigen Massaker steckt, auf dem Programm. Ach ja, ganz nebenbei gilt es auch noch die Nacht zu überstehen, und zwar unbeschadet. Denn schon bald sieht sich der junge Amerikaner einer Horde biomechanischer Wesen gegenüber, bei denen ein – Zitat – offenbar "verrückter Geppetto" Arme, Beine und andere Körperteile durch Prothesen, Zahnräder und andere Bauteile aus Metall ersetzt hat.

Dass diese Freaks nichts Gutes im Schilde führen, versteht sich von selbst. Ganz in der Tradition des Survival-Horror-Genres stehend, heißt es daher, sich mit dem Nötigsten zu bewaffnen und die Flucht nach vorne anzutreten – mit Bleirohren, Rambo-Messern, Eis-Sägen, Schlagringen oder auch Skalpellen, die sich hervorragend als Wurfgeschoss eignen. Da alle Waffen, bei denen es sich übrigens ausnahmslos um solche für den Nahkampf handelt, gewissen Abnützungserscheinungen unterliegen, müssen notfalls auch die blanken Fäuste als Mittel zur Verteidigung herhalten.

Da es sich bei "Rise of Nightmares" um ein Spiel für Microsofts Kinect-Bewegungssteuerung handelt, scheidet der klassische Controller dabei als Eingabegerät erwartungsgemäß aus. Zum Stechen, Ritzen, Hacken, Schlagen und auch Treten, um sich kurzfristig Gegner vom Leib zu halten, werden stattdessen die Arme und Beine verwendet. Was den Titel jedoch auszeichnet, ist die Art und Weise, wie man sich außerhalb der Kämpfe fortbewegt, können Umgebungen doch frei erkundet werden. Der Spieler muss sich also selbst und eigenständig allein mittels Gesten durch die virtuellen Welten bewegen.

Dieses Problem haben die Entwickler erstaunlich gut gelöst: Um zu gehen, setzt der Spieler einfach ein Bein nach vorne. Stellt man das Bein wieder neben das andere, bleibt der virtuelle Charakter stehen. Die Änderung des Blickwinkels erfolgt über eine Drehung der Schulter nach rechts bzw. links. Hierfür ist überraschend wenig Körpereinsatz nötig, die Steuerung reagiert bereits auf minimale Bewegungen. Für all jene, die sich zwischen den Kämpfen nicht derart fortbewegen möchte, hat sich Sega jedoch auch etwas einfallen lassen, nämlich eine Auto-Funktion: Hebt der Spieler seinen rechten Arm nach oben, schlendert die Spielfigur automatisch durch die düsteren Dungeons, ähnlich einem Railgun-Shooter.

Erfrischend innovativ und originell sind auch die zahlreichen zu absolvierenden Gesten: Neben dem üblichen Ducken, Rennen, Ausweichen oder Balancieren darf man sich etwa – rein virtuell, versteht sich – mit den Händen Wasser ins Gesicht spitzen, Türen öffnen, Schalter betätigen oder mittels Armen durch einen Tümpel schwimmen, um sich von selbigen anschließend Blutegel zu wischen. Die Gesten wirken dabei zu keiner Zeit aufgesetzt, sondern fügen sich nahtlos in die bewusst überzeichnete Geschichte und sind – wohl am wichtigsten - intuitiv verständlich.

Auch hinsichtlich der Präsentation weiß "Rise of Nightmares" zu überzeugen. Die Geschichte des schaurig-schönen Überlebenskampfes glänzt zwar nicht gerade durch hochauflösende Optik, ist in sich aber wunderbar stimmig, atmosphärisch und trotz des hohen Trash-Faktors durchaus spannend, sodass über die nur durchschnittliche Grafik getrost hinweggesehen werden kann. Auch der Umstand, dass das Spiel aufgrund seines hohen Gewaltanteils für Deutschland erst gar nicht einer USK-Prüfung unterzogen wurde und daher ohne entsprechende Lokalisierung auskommt, ist angesichts des spaßigen Ganzkörper-Erlebnisses vernachlässigbar.

Fazit: Nicht das Spiel als solches, sondern die Möglichkeiten, die es aufzeigt, machen "Rise of Nightmares" so besonders, offenbart der Sega-Titel doch eindrucksvoll, wie Gaming in Zukunft ohne Controller aussehen könnte. Die ersten Ergebnisse sind bereits äußerst vielversprechend: Sich auf durchaus realistische Art und Weise frei und intuitiv durch eine virtuelle Umgebung zu bewegen, ist ungemein reizvoll und spaßiger als jedes noch so tolle Kinect-Mini-Game. Man fühlt sich regelrecht in das Spiel hineingezogen. Schon alleine deshalb also lohnt der Blick auf "Rise of Nightmares" – das nötige Alter sowie starke Nerven und einen ebensolchen Magen vorausgesetzt. Wer noch dazu ein Faible für trashigen Horror und literweise Pixelblut hat, sollte erst recht zulangen.

Plattform: Xbox 360 (erfordert Kinect)
Publisher: Sega
krone.at-Wertung: 9/10

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