Fr, 25. Mai 2018

Geiselnehmer tot

12.08.2011 12:02

Estland: Hinweise auf politisches Motiv für Attacke

Der von Sondereinheiten der estnischen Polizei am Donnerstagnachmittag nach einer Schießerei mit Geiselnahme im estnischen Verteidigungsministerium getötete Mann könnte ein politisches Motiv gehabt haben. Das berichtete die Tageszeitung "Eesti Päevaleht" am Freitag unter Berufung auf einen Psychologen. Zuvor hatte auch Ministerpräsident Andrus Ansip einen politischen Hintergrund für den Vorfall vermutet.

Der in dem estnischen Blatt zitierte Psychologe verwies auf eine vom Täter Karen Drambjan im Vorfeld der EU-Wahlen im Jahr 2009 veröffentlichte "Proklamation" und zog daraus Parallelen zum sogenanntem Manifest des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik.

Drambjan hatte in seiner Wahlkampfschrift die estnische Regierung beschuldigt, einen "Bürgerkrieg" gegen die russische Minderheit im Land zu führen, und den baltischen Staat als moralisch bankrottes, am Rande des Neofaschismus stehendes Land charakterisiert. Gleichzeitig warf er der russischen Minderheit angesichts der seiner Meinung nach systematischen Diskriminierung Unterwürfigkeit vor und rief die estnischen Russen zum Widerstand auf.

Psychopathische Neigungen
Laut dem Psychologen zeigt die Schrift von Drambjan, dass dieser seine Tat über einen längeren Zeitraum hinweg geplant habe. Es gebe daher Grund anzunehmen, dass es sich bei dem Mann um eine Person mit psychopathischen Neigungen ähnlich jenen des norwegischen Massenmörders Breivik handle.

Regierungschef Ansip hatte am Donnerstag den Vorfall in der Tallinner Altstadt mit den Terroranschlägen in Norwegen und dem Attentäter Anders Behring Breivik in Verbindung gebracht. Ansip hatte seine Einschätzung mit der Feststellung untermauert, dass Drambjan bei seiner Attacke große Mengen an Munition und Sprengmittel in das Amtsgebäude gebracht hatte. Es sei "frustrierend festzustellen, dass sich offenbar jemand das, was in Norwegen geschehen ist, zum Vorbild gemacht hat", meinte der Premier.

Der in Armenien geborene Drambjan war nach seinem Jus-Studium in der russischen Exklave Kaliningrad und dem Zerfall der Sowjetunion nach Estland emigriert, wo er 1993 die Staatsbürgerschaft erhielt. Der Rechtsanwalt trat vor vier Jahren als Fürsprecher der russischsprachigen Aktivistengruppe "Nachtwache" (Nochowi Dozor) ins Rampenlicht. Nach den blutigen Unruhen in Tallinn im April 2007 in Folge der Verlegungen eines sowjetischen Kriegerdenkmals engagierte sich der 57-Jährige in mehreren außerparlamentarischen, russischsprachigen Parteien.

Finanzielle und private Probleme
Zuletzt kandidierte er 2009 als Vertreter der Vereinigten Linkspartei sowohl bei den Europa- als auch bei den Regionalwahlen in seinem Wahlkreis, dem Talliner Vorort Maardu, wo er auch eine Anwaltskanzlei besaß. Zuletzt geriet Drambjan laut estnischen Medienberichten in finanzielle und private Schwierigkeiten. Nach einer Scheidung wurde dieses Jahr seine Wohnung in Maardu gepfändet und zwangsversteigert. Der bekannte russisch-estnische Minderheitsaktivist und Politiker Dmitry Klenski vermutete deshalb in einer Reaktion auf den Vorfall eher private Verzweiflung anstelle eines politischen Motivs für die Tat.

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