Di, 21. November 2017

Libro-Prozess

19.01.2011 19:33

Ex-Finanzchef sorgt für Schmunzeln im Gerichtssaal

Der Libro-Prozess, der seit Montag am Landesgericht Wiener Neustadt über die Bühne geht, ist am Mittwoch in mittlerweile gewohnt angenehmer Atmosphäre fortgesetzt worden. Wer unter der Last der Anklage "schwitzende" Ex-Manager erwartet hätte, wurde bisher enttäuscht - vor allem Ex-Finanzvorstand Johann Knöbl sorgte am Mittwoch mit seinen erläuternden Statements wiederholt für Schmunzeln im Saal.

So meinte Knöbl auf eine Frage eines Anwalts, dass das Unternehmen in seinem Status in der Bilanz "natürlich richtig" dargestellt wurde und es keine Bilanzfälschung gewesen sei. "Was ist die Wahrheit?", hakte Richterin Birgit Borns nach. Knöbl stellte allgemein sinnierend in den Raum: "Was ist die Wahrheit in einer Bilanz? Das wäre ein eigenes Verfahren ..." Was er zur Idee des angeklagten Ex-Libro-Chefs Andre Rettberg für "Libro-Deutschland neu" - drei verlustreiche Filialen aufzulösen, aber 54 neue zukunftsträchtige zu eröffnen - gemeint hätte, "was dieses Konvolut wert sein könnte", wollte ein Anwalt "hypothetisch" wissen.

Lautes Gelächter bei Knöbl-Aussage
"Ich hätte gesagt, lassen wir eine Bewertung durch die KPMG (Wirtschaftsprüfungsgesellschaft) machen", konterte Knöbl, worauf lautes Gelächter ausbrach - genau das war ja beauftragt worden. Als es zuvor im Prozess um ein von der KPMG selbst als Stellungnahme bezeichnetes Gutachten gegangen war, hatte Knöbl philosophiert, die meiste Arbeit an jedem Gutachten seien immer die 20 Seiten vorher, "wo man recht viel rein schreibt, damit man dann keine Haftung hat. Das Gutachten selbst ist dann eine Seite".

Ex-Aufsichtsratsvorsitzender vor Richterin
Nach Knöbl nahm der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende Kurt Stiassny vor dem Richtertisch Platz. Der Betriebswirt beleuchtete zunächst Entstehung, Aufgaben und Erfolge der Ende 1989 gegründeten UIAG (Unternehmens Invest AG), ehe es um deren Einstieg bei der Buch- und Papierhandelskette ging. Die UIAG hat Unternehmen bzw. beteiligt sich an Unternehmen, finanziert sie eine Zeit lang, um sie bei einer guten Gelegenheit an einen strategischen Investor zu verkaufen oder an die Börse zu bringen, schilderte Stiassny.

Libro sei 1996 ein zum Verkauf anstehendes Unternehmen gewesen, setzte Stiassny fort. Zum Projektstart selbst berichtete er von einem Anruf aus der Creditanstalt, wonach zwei Herren – Andre Rettberg und Walter Babel (damals Hauptlieferant von Libro) – über eine Finanzierung reden wollten. Die UIAG sei interessiert gewesen, das Entwicklungspotenzial wichtig gewesen. Im November 1996 wurde die KPMG dann mit der Bewertung der damaligen Libro von der UIAG beauftragt, um die wirtschaftliche Lage zu prüfen.

Um eine Mrd. Schilling von Wlaschek gekauft
Am 27. November 1996 informierte die UIAG per Aussendung, dass über den Kauf von Libro verhandelt werde. Stiassny zufolge wurde Libro schrittweise durch die Zwischengesellschaft UDAG um rund eine Milliarde Schilling (72,7 Mio. Euro) von der Karl Wlaschek Privatstiftung komplett übernommen. Zuvor wurde noch eine 100-Millionen-Schilling-Dividende komplett an die Wlaschek-Stiftung ausgeschüttet. Die Grundsatzentscheidung an die Börse zu gehen, wurde 1998 getroffen, gab Stiassny an.

Auf die Frage der Richterin, wieso man laut dem KPMG-Papier von einer Ausschüttung aufgrund des Bilanzjahres 1998/99 in Höhe von nur 47 Millionen Schilling ausgegangen sei, später dann aber tatsächlich 440 Millionen Schilling ausgeschüttet worden seien, erklärte Stiassny dass in der Begutachtung der KPMG die Zukunftsvisionen nicht enthalten gewesen waren. "Wir haben einen vorsichtigen Bericht geschickt (an die KPMG, Anm.)", so Stiassny, es hätte eine Vielzahl an Varianten gegeben – mit und ohne Ausschüttung. Man habe zudem eine internationale Investmentbank hinzuziehen wollen, Goldman Sachs soll Libro aber als "Old economy" mit zu wenig Internet-Fantasie eingeschätzt haben, weshalb der neue Markt in Frankfurt nicht in Frage kam.

Stiassny will alle zwei Wochen von Libro gehört haben
Borns wollte schließlich wissen, wie oft es zu Treffen zwischen dem Libro-Vorstand und dem UIAG-Aufsichtsrat gekommen sei. Beschäftigt habe ihn die Libro nicht operativ, aber es sei ein Investment von Wert gewesen, weshalb es über die Sitzungen hinaus Kontakt gegeben habe, berichtete Stiassny von regelmäßigen Gesprächen mit Rettberg und Knöbl. Er habe also ungefähr alle zwei Wochen etwas von dem Unternehmen gehört.

Am Donnerstag wird der Prozess am um 9 Uhr mit einer weiteren Einvernahme von Stiassny fortgesetzt.

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