Fr, 20. Oktober 2017

Kaprun-Drama

15.03.2010 13:34

Anwalt fordert mehr Geld für Opfer und Hinterbliebene

Wann kommen die Hinterbliebenen und Opfer der Kaprun-Katastrophe mit 155 Toten endlich zur Ruhe? Zehn Jahre ist das Unglück jetzt her, und immer noch beschäftigt das Fiasko die Gerichte. Der neueste Vorwurf: In einem offenen Brief an Bundeskanzler Werner Faymann erklärt Opfer-Anwalt Gerhard Podovsovnik, dass eine Höherversicherung verschwiegen und Leistungsbetrug begangen worden sei. "Millionen aus der Versicherungssumme wurden verheimlicht."

Das ausgebrannte Skelett der Gletscherbahn, die verrußten Tunnelwände, der Zug pechschwarz und geschmolzen - die vielen Hinterbliebenen und die wenigen Überlebenden werden dieses Bild des Schreckens nie vergessen können.

"Gletscherbahnen waren weitaus höher versichert"
Und sie werden auch pausenlos daran erinnert: Ein Prozess jagt den nächsten, ständig Urteile, Vertagungen und neue Anschuldigen. Die neueste davon kommt von Opfer-Anwalt Podovsovnik: "Die Gletscherbahnen Kaprun waren weitaus höher versichert als im Prozess sowie im Rahmen der Vermittlungskommission offengelegt wurde."

Er nennt auch eine überaus gewaltige Summe: 134.335.734 Euro seien verheimlicht worden. Das sind immerhin mehr als 1,8 Milliarden Schilling. Podovsovnik: "Nachfolgende Versicherungen wurden unter den Schutzschirm einer einzigen Versicherung gestellt, die der offenbar schuldigen Firmen nie offengelegt." Und weiter: "Ich fordere, dass ein parlamentarischer U-Ausschuss in Sachen Kaprun gebildet und eine international besetzte neue Vermittlungskommission ins Leben gerufen wird, um die berechtigten Ansprüche der Opferfamilien und der Überlebenden und deren Familien nach europäischen Schadenersatzgrundsätzen zu regeln. Opfer dürfen nicht verschaukelt und abgewimmelt werden."

"Jeder hätte das Sechsfache bekommen müssen"
Die höheren Versicherungssummen, die dem Verkehrsministerium im Rahmen des Genehmigungsverfahrens bekanntzugeben gewesen seien, wären auch seitens des Ministeriums verschwiegen worden. Jeder Angehörige und jeder Überlebende "hätte zumindest die sechsfache Summe bekommen müssen", meinte Podovsovnik.

Das ist eine Bombe, die Harald Ropper, zuständiger Abteilungsleiter in der Finanzprokuratur und Mitglied der Sub-Kommission nicht unkommentiert lassen kann: "Die Höhe einer Versicherungssumme ist das eine, was die Opfer erhalten das andere. Die Versicherung hat gleich nach der Tragödie reagiert. Und Herr Podovsovnik listet hier auch Transport- und Kassenbotenberaubungs-Versicherungen auf, die gar nicht zum Tragen kommen."

Doch Podovsovnik legt sogar noch nach: Während das Strafgericht zu dem Schluss gelangte, dass die Brandkatastrophe durch einen fehlerhaft produzierten Heizlüfter ausgelöst wurde, führt der Jurist Erkenntnisse deutscher Gutachter ins Treffen, nach denen dieser Heizlüfter technisch verändert wurde, und zwar im "Zusammenwirken" der Gletscherbahnen Kaprun AG und einiger Firmen, die unter andere mit Montage und Überprüfung des Geräts zuständig waren. Damit liege ein Verschulden dieser Firmen vor.

"Leistungsbetrug" bereits zur Anzeige gebracht
Also passiert jetzt etwas, das die Kaprun-Opfer und Hinterbliebenen gut kennen: Der Leistungsbetrug wurde bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn sowie bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft Wien angezeigt und wird dort geprüft. Gleiches gelte für die verschwiegenen technischen Veränderungen beim Heizlüfter.

von Michael Pommer (Kronen Zeitung) und krone.at

Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar schreiben

Sie haben einen themenrelevanten Kommentar? Dann schreiben Sie hier Ihr Storyposting! Sie möchten mit anderen Usern Meinungen austauschen oder länger über ein Thema oder eine Story diskutieren? Dafür steht Ihnen jederzeit unser krone.at-Forum, eines der größten Internetforen Österreichs, zur Verfügung. Sowohl im Forum als auch bei Storypostings bitten wir Sie, unsere AGB und die Netiquette einzuhalten!
Diese Kommentarfunktion wird prä-moderiert. Eingehende Beiträge werden zunächst geprüft und anschließend veröffentlicht.

Kommentar schreiben
500 Zeichen frei
Kommentare
324

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).