Do, 18. Jänner 2018

Bei Schah-Besuch

22.05.2009 10:14

Ohnesorg 1967 von Stasi-Spitzel erschossen?

Der deutsche Polizist Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 in Westberlin während einer Demonstration gegen den Staatsbesuch von Schah Mohammed Reza Pahlevi den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, soll Spitzel der DDR-Staatssicherheit gewesen sein. Das belegen laut deutschen Medienberichten neu entdeckte Dokumente. Demnach habe Kurras ab 1955 für die Stasi gearbeitet - außerdem sei er ab 1962 Mitglied der früheren DDR-Staatspartei SED gewesen. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass er von DDR-Seite mit dem Schuss auf Ohnesorg beauftragt wurde.

Nach Berichten des ZDF und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" fanden die Autoren Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs durch einen Zufall entsprechende Unterlagen im Aktenbestand des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Ihr Bericht über die Akten des ostdeutschen Staatssicherheitsdienstes zu Kurras wird in der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Deutschlandarchiv", die am 28. Mai herauskommt, unter dem Titel "Der 2. Juni 1967 und die Staatssicherheit" erscheinen. Vom ZDF mit dem Dokument über seine Stasi-Verpflichtungserklärung konfrontiert und gefragt "Sind Sie das?", antwortete Kurras: "Kann sein."

Kurras muss nun angesichts der Enthüllungen womöglich mit neuen Ermittlungen rechnen. Die Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) habe Strafanzeige wegen Mordes gegen Kurras gestellt, sagte ihr stellvertretender Vorsitzender Carl-Wolfgang Holzapfel am Freitag. "Wir wollen mit der Anzeige erreichen, dass der Fall neu aufgerollt wird und mögliche Verstrickungen der Stasi aufgeklärt werden", sagte Holzapfel. Ob gegen den ehemaligen Beamten nun wegen Mordes und geheimdienstlicher Agententätigkeit ermittelt wird, werde die Staatsanwaltschaft ab kommender Woche prüfen, hieß es aus Berliner Justizkreisen. Das Landgericht Berlin hatte Kurras 1967 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Schwere Krawalle bei Schah-Besuch
Als der Schah von Persien, Mohammed Reza Pahlevi, und Kaiserin Farah am 2. Juni 1967 Westberlin besuchten, stand als festlicher Höhepunkt des Staatsbesuches eine Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" auf dem Programm. Nach der Vorstellung, bei der die kaiserlichen Gäste aus dem Iran und der deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke der Versöhnungsarie des Sarastro lauschten, lag Benno Ohnesorg auf der Straße. Berlin erlebte die bis dahin schwersten Krawalle der Nachkriegszeit. Sie eskalierten in regelrechten Straßenschlachten zwischen Anhängern des Schah-Regimes und Anti-Schah-Demonstranten einerseits und der zum Teil äußerst brutal eingreifenden Polizei andererseits.

Die Polizisten schlugen mit Gummiknüppeln wahllos auf die Demonstranten ein, ein Fotoreporter brach, von einem Stein getroffen, zusammen, ein Kriminalbeamter erschoss den 26-jährigen Studenten Ohnesorg. Zuvor waren Tomaten, Eier, Milchbeutel, Rauchkerzen und Knallkörper über die Absperrgitter in Richtung Oper und Ehrengäste geflogen. In Sprechchören riefen die Demonstranten "Mörder, Mörder!" und "Nieder mit dem Schah!", auf "Steckbriefen" wurde der Monarch "zur Fahndung ausgeschrieben". Die Stimmung in der Stadt war auf beiden Seiten explosiv.

Die Studenten empörte damals, "dass der Schah, verantwortlich für den Tod von Hunderten von Regimegegnern, von demokratischen Institutionen der Bundesrepublik und Westberlins empfangen wurde". Schon die Eintragung des Herrscherpaares in das Goldene Buch der Stadt im Rathaus Schöneberg - dem damaligen Regierungssitz in Westberlin - war von schweren Tumulten auf dem Vorplatz, dem John-F.-Kennedy-Platz, begleitet. Als Schah-Anhänger mit langen Latten bewaffnet auf die Demonstranten einschlugen, griff die Polizei mit einer Reiterstaffel und Wasserwerfern ein. Das Rathaus glich einer Festung.

Vorfall hatte gravierende Folgen
Der Tod Benno Ohnesorgs markierte einen dramatischen innenpolitischen Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - die Studentenrevolte hatte ihr erstes Opfer. Auch eine terroristische Vereinigung bezog sich mit ihrem Namen auf den Tod Ohnesorgs: Die "Bewegung 2. Juni". Ein knappes Jahr später wurde der Studentenführer Rudi Dutschke auf dem Kurfürstendamm niedergeschossen. Das westliche Deutschland hatte mit der Studentenbewegung eine "Außerparlamentarische Opposition" (APO), die die Grundfesten der Bonner Republik erschüttern und schließlich tiefgreifende gesellschaftspolitische Reformen vorantreiben sollte.

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