Frau Edlinger, wer ist aus diätologischer Sicht ein Fall für die Abnehmspritze? Es gibt durchaus Menschen, denen ich zusätzlich zur Ernährungstherapie eine GLP-1-Medikation empfehle - selbstverständlich in Abstimmung mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Entscheidend ist für mich aber nicht: Wie schnell können wir möglichst viele Kilos verlieren? Sondern: Wie schaffen wir eine gute Ernährung, ausreichend Nährstoffe, möglichst viel Muskelmasse und langfristig mehr Lebensqualität?
Wenn trotz ausreichender und ausgewogener Ernährung, genügend Flüssigkeit, Bewegung und - wenn notwendig – psychologischer Unterstützung ein sehr starker Hunger, ausgeprägte Cravings oder Essanfälle bestehen bleiben, kann eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein. Auch bei bestimmten Erkrankungen kann sie eine wertvolle Ergänzung darstellen, wenn wir mit Ernährungstherapie allein an Grenzen stoßen.
Gerade dann sollte die Ernährung aber nicht als Nebensache betrachtet werden. Ganz im Gegenteil: Je weniger Appetit ein Medikament macht, desto wichtiger wird es, dass das, was gegessen wird, den Körper auch wirklich gut versorgt.
Die Spritze ist aber kein Freibrief...
Genau, eine Abnehmspritze kann ein hilfreiches Werkzeug sein. Sie ersetzt aber weder eine gute Ernährung noch Bewegung, psychologische Unterstützung oder die Auseinandersetzung mit den eigenen Essgewohnheiten. Und sie ist schon gar kein Wettbewerb. Weniger Gewicht ist nicht automatisch mehr Gesundheit. Mein Ziel in der Ernährungstherapie ist deshalb nicht, Menschen möglichst schnell möglichst leicht zu machen. Ich möchte, dass sie gut versorgt sind, ihre Muskelmasse erhalten, wieder Vertrauen in Hunger und Sättigung entwickeln und vor allem wieder genussvoll essen - können. Denn am Ende soll nicht die Spritze bestimmen, was und wie viel wir essen. Wir sollten wieder selbst am Steuer sitzen.