Das freie Wort

Wir waren nicht reif genug!

Es ist die Erziehung, die uns zu frei denkenden und selbstbewussten Menschen machen soll. Daher dürfen demokratische Rechte nicht angetastet werden, so weit der Konsens zumindest in Europa. Bildung und möglichst uneingeschränkte geistige Entfaltungschancen machen letztlich die Reife unserer Gesellschaft aus. Reicht diese denn aus, um einer Pandemiegefahr zu begegnen, deren Tragweite bisher einzigartig in der Geschichte der Menschheit ist? Offensichtlich nicht, denn Europa gibt zum Rest der Welt keine gute Figur ab. Sich allein auf die Vernunft der Bevölkerung zu verlassen hat sich als tragische Fehlentscheidung erwiesen. Nun macht man es den Menschen auch nicht gerade leicht, sich richtig zu positionieren. Da sind zum einen die Medien, die einerseits Führungsstärke der Politik postulieren, aber gleichzeitig vor blindem Gehorsam und Verlust der demokratischen Kontrolle warnen. Da gibt es zum anderen Politiker, die penibel ihr Oppositionsrecht bis zum Vorwurf der Handlungsunfähigkeit der Regierung ausüben. Schließlich sind da noch die sog. Fachleute, die in unserer freien Diskussionslandschaft ihre Meinung über den Bildschirm flimmern lassen, die beim Publikum die Meinungsvielfalt noch vergrößert. Nicht zuletzt könnte man auch noch den Eindruck haben, dass innerhalb der Regierung die Entscheidungsfindung per se problematisch ist, eine bedauernswerte Entwicklung, die für Österreich in so mancher Hinsicht dramatische Folgen haben könnte. Klare und mutigere Entscheidungen wären angebracht gewesen, denn im konkreten Fall geht es nicht darum, möglichst viele Interessen unter einen Hut zu bringen. Prioritär war ausschließlich, ein wiederholtes Aufflammen einer Masseninfektion nach dem ersten Lockdown unter Setzung der dazu nötigen Maßnahmen zu verhindern. Begleitend wäre der dadurch reduzierte wirtschaftliche Schaden (kein zweiter Lockdown) deutlich kleiner gewesen, der den Menschen ohnehin schon einen Schauer über den Rücken laufen lässt, wenn sie an die Zeit nach Corona denken!

Herbert Höselmayer, Klostermarienberg

Erschienen am Sa, 28.11.2020

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