Mi, 18. Juli 2018

Elektropop-Ikone

26.10.2007 16:27

Róisín Murphy im Interview

Mit dem Satz "Do you like my tight sweater?" legte Róisín Murphy der Legende nach den Grundstein für eines der erfolgreichsten Elektropop-Duos aller Zeiten, Moloko. Mit "Overpowered" hat die 34-jährige Irin jetzt ihr zweites Solo-Album nach der Trennung von Partner Mark Brydon im Jahre 2003 herausgebracht. Im krone.at-Interview erzählt Róisín Murphy über ihre neue Platte, Liebesgeständnisse aller Art, warum sie so gerne Irin ist und was aus dem legendären Sweater wurde. Plus: krone.at zeigt ein Behind-the-scenes-Video zum Titelsong "Overpowered" und selbstverständlich auch den finalen Videoclip.

Wenn man sich das Video zu „Overpowered“ ansieht, bekommt man fast den Eindruck, du würdest am liebsten jeden Tag in diesen Kleidern verbringen.

Róisín Murphy: Natürlich! Welches Mädchen würde das nicht wollen? Es war anstrengend, aber ich habe jede Minute genossen.

Verweist der „Overpowered“ auf dich selbst, oder hast du in diesem Song jemanden „übermannt“?

Róisín Murphy: Mmh, manchmal. Wenn ich auf dem Dancefloor bin, trifft vielleicht letzteres zu. Wenn ich verliebt bin, ist es wohl ersteres. „Overpowered“ enstand, nachdem ich einen Zeitungsartikel über „Oxytocin“ gelesen habe. Diese Chemikalie, die freigesetzt wird, wenn du verliebt bist und die dich so unglaublich verrückt macht. Mich hat das fasziniert und ich wartete sehr lange auf die richtige Musik, die zu diesem Wort passt.

Glaubst du, dass Verliebtsein eine chemische Reaktion ist?

Róisín Murphy: Ja; zumindest in der ersten Phase ist es doch sehr chemisch. Wenn du ehrlich bist, fühlt es sich doch an, als wäre man permanent auf Drogen. (lacht)

Man beschreibt deinen Modegeschmack als eine Transportation der Sechziger in das 21. Jahrhundert. Wärst du gerne in den Sixties aufgewachsen?

Róisín Murphy: Nein, wie schlimm! Absolut nicht. Als junge Frau hättest du damals in Irland null Perspektiven gehabt. In den Sechzigern war dort tote Hose.

Was ist mit Amerika?

Róisín Murphy: Nein, das schon gar nicht! Ich würde mein Dasein als Irin nie aufgeben. Das ist das Beste an und in mir. Ich mag bloß die Kleider aus den Sechzigern, das war‘s dann aber auch schon.

Dein erstes Solo-Album „Ruby Blue“ klang noch etwas jazziger; „Overpowered“ wird jetzt vielfach als eine „Back to the roots“-Platte beschrieben. Stimmst du zu?

Róisín Murphy: Ja, es ist wohl mehr Moloko drin, als in „Ruby Blue“. Aber ich konnte diesmal meine eigenen Erfahrungen in Songs verewigen, mein eigener Herr sein - wenn du‘s so haben willst. Früher war da immer mein Freund dabei. Früher war überhaupt alles anders. Ich habe beim ersten Album singen gelernt, ich entwickelte mich als Künstlerin mit den Alben, vor dem Publikum; jede neue Platte ist Teil eines Lernprozesses, bei dem jeder zuhören konnte. „Overpowered“ ist der größte Durchbruch für mich bisher, weil ich zum ersten Mal mit vielen grundverschiedenen Künstlern zusammenarbeitete und die ganze Platte vom ersten bis zum letzten Song managte.

Aber jetzt bist du auch alleinverantwortlich für das Endprodukt. Eine krasse Veränderung zum Schutz, den Moloko geboten hat.

Róisín Murphy: Und ob! Es war eine ganze Menge Verantwortung. Nicht nur, weil ich mit mehreren Leuten gleichzeitig zusammengearbeitet habe, sondern auch, weil sich die Songs dauernd veränderten. Ich schrieb ein paar Lyrics in Miami, produzierte etwas in Sheffield, dann wurden Teile davon in New York gemixt und der Rest von dem Song in London. Und jedesmal, lag es an mir, den jeweiligen Song an einen anderen Ort, auf ein anderes Level zu tragen. Das war der härteste Part der gesamten Produktion.

Am leichtesten fiel mir überraschenderweise das Songwriting. Wenn du dich mit jemandem zum Schreiben verabredest und zwei Tage Zeit hast, um zwei Texte zu schreiben, dann schaffst du das in zwei Tagen. Weil du musst! Das macht die Lyrics spannender, energetischer - und zugleich macht es Spaß, weil du in einen überproduktiven Lauf hineinkommst. Mehr Spaß hat es eigentlich nur gemacht, bei der Produktion die ganze Zeit absolute Kontrolle zu haben. (lacht)

Kannst du auf Befehl Songs schreiben?

Róisín Murphy: Yeah. So muss da auch sein. Wenn du dir zu viel Zeit nimmst, erstickt das deine Kreativität. Wenn du zu lange an ein paar Zeilen arbeitest, zerstörst du am Ende das ganze Produkt. Ich habe für „Overpowered“ mit Leuten zusammengearbeitet, die ich persönlich gar nicht so gut kannte. Und trotzdem beharrte ich stets darauf, am Ende etwas - wie man so schön sagt - im Kasten zu haben.

Dein persönlicher Zeitrekord beim Songschreiben?

Róisín Murphy: Weniger als einen Tag für zwei Songs. Das ging zack-zack. Natürlich ohne Produktion, aber mit einer ziemlich fixen Vorstellung, wie das Ganze klingen soll.

Wie oft stellt dir noch jemand die Frage: „Do you like my tight sweater?“

Róisín Murphy: (lacht)Sie tun‘s nicht! Dummerweise; sie sagen Dinge wie „Meine Freundin steht auf dich“ oder „Mein Freund ist verrückt nach dir“. Manchmal sagen sie auch nur „Ich liebe dich“. Immerhin ist es nichts Schreckliches, aber den Satz mit dem Sweater hab ich schon lange nicht mehr gehört.

Gibt es dieses legendäre Kleidungsstück eigentlich noch?

Róisín Murphy: Nein, leider. So dumm es klingt: Er ist beim Waschen eingegangen und ist zu meinem „tiny sweater“ geworden. (lacht)

Passt er wirklich gar nicht mehr?

Róisín Murphy: Mit einer Hollywood-Diät vielleicht...

Bruce Springsteens Gitarrist sagte einmal, es täte nicht gut, wenn jemand etwas mit dem einzigen Mädchen in der Band hat. Kannst du das nachvollziehen?

Róisín Murphy: Mmh. Ja. Aber wir (Moloko) waren streng genommen keine Band. Wir waren zwei Menschen im Studio, die aus verschiedenen Samples und Ideen künstlerische Songs kreierten. Ich betrachte es als großes Kompliment, wenn jemand sagt, wir wären eine Band gewesen. Tatsächlich mussten wir Musiker zusammensuchen, um auf Tour gehen zu können. Wenn jemand diese „Band mit Band“ dann als etwas aus einem Guss betrachten konnte, dann war das großes Lob für mich.

Andersrum gefragt: Tötet eine Karriere im Musikbusiness die Liebe oder hat man bloß den Eindruck, dass mit Moloko Schluss war, als mit dir und Mark Brydon Schluss war?

Róisín Murphy: Moloko brach nicht auseinander, weil Mark und ich auseinanderbrachen. Wir hatten ja danach noch ein ganzes Album gemacht. Es war viel mehr wie ein langwierigesSich-boneinander-lösen. Wir brauchten zwei Jahre um getrennte Wege zu gehen.

Spürst du diese Losgelöst-sein jetzt in den neuen Songs?

Róisín Murphy: Ja, und komischerweise darin, dass meine Lyrics weniger autobiografisch sind, als früher. Ich konnte diesmal Songs mit einem emotionalen Touch schreiben, auch wenn ich mich an dem Tag gar nicht so gefühlt habe. Ich hatte mir für „Overpowered“ vorgenommen, ganz bewusst „Disco“ zu machen. Also hab ich das Genre studiert und ich kam dahinter, dass diese Songs viel narrativer, stärker auf Erzählungen fokussiert sind, als ich das bisher in meiner Musik gemacht habe. Für mich entstanden daraus letztlich Songs mit Geschichte, die aber gleichzeitig Bewusstseinsströme abbilden, die oftmals sehr viel über mich selbst verraten. Ich habe aber andererseits gezielt überlegt, worum sich die Geschichte für die und die Musik drehen soll, mir die Personen ausgedacht, die in den Songs aufeinander eifersüchtig sein oder in der Liebe scheitern sollen.

Fast wie Drehbücher?

Róisín Murphy: Ja. Das ist auch etwas, was ich schon immer einmal machen wollte.

Und worum würde sich der Film drehen?

Róisín Murphy: Mmmh, mal sehen. Wahrscheinlich um meinen Bruder und seine Freunde im Irland der Achtziger.

Was passierte damals?

Róisín Murphy: Es war eine Zeit, in der er und seine Bande vollkommen übergeschnappt waren. (lacht) Sie waren zwanzig und hatten so etwas wie eine Gang. Nur dass sie sich untereinander in einer eigenen Sprache unterhielten, die die eines Vierjährigen war. (brabbelt etwas durchs Telefon) So klang das in etwa, verrückt! Sie gerieten in dieser Zeit fast täglich in irgendwelche Schwierigkeiten, während sie anderswo gerade den Kopf aus der Schlinge bekommen hatten. Ich denke, der Film würde sich auch um Irland drehen, warum wir schließlich doch zu einer modernen Gesellschaft wurden - im Eiltempo.

Du legst großen Wert darín Murphy: Mmh. Es ist das Poetische in mir. Das Wiedersprüchliche, die Spannung zwischen Humor und bitterer Realität. Das bekommen die Iren gut hin. Außerdem sind wir Kämpfernaturen.

Man fragt dich wahrscheinlich täglich zweimal nach einer Moloko-Reunion, also dreh ich‘s um: Glaubst du, besteht überhaupt Bedarf an einem Moloko-Revival?Sollten die Fans nicht froh sein, dass sie dich haben?

Róisín Murphy: (schnauft) Puh. Ich bin jedenfalls froh, dass ich sie habe. Und ich will für immer und ewig Alben aufnehmen. Wenn ich wirklich das Gefühl hätte, dass die Leute Moloko wiederhaben möchten, würde ich‘s tun. Aber ich glaube das gar nicht. Es war damals eine Zeit, ein Ort. Und jetzt ist es eine andere Zeit, ein anderer Ort.

Christoph Andert

 

Róisín Murphy: "Overpowered"


Quelle: YouTube.com

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