So, 19. August 2018

In Nigeria entführt

14.08.2017 16:43

Fatima (17): "Ich war Selbstmordattentäterin"

Mit 14 Jahren wurde Fatima Ali von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram entführt. Als sie sich weigerte, der westlichen Kultur abzuschwören, wurde die heute 17-Jährige zum Selbstmordattentat gezwungen. Doch sie kam mit dem Leben davon.

Fatima Ali wickelt ihr leuchtend türkisfarbenes Kopftuch enger ums Gesicht. Sittsam bedeckt ein bunter Wickelrock ihre Beine bis zu den Knöcheln, als sie sich auf einen abgenutzten roten Teppich kniet. "Eigentlich sollte ich längst tot sein", sagt die 17-Jährige leise, aber bestimmt.

"Sie zerrten mich aus dem Haus"
Vor drei Jahren griffen schwerbewaffnete Kämpfer der Terrormiliz Boko Haram die Stadt Bama im Nordosten Nigerias an. Sie stürmten auch das Haus, in dem Fatima mit ihren Eltern und Geschwistern lebte. "Ich hatte mich hinter einer Tür versteckt. Doch sie fanden mich und zerrten mich aus dem Haus", erinnert sich die Jugendliche.

Weinen und Flehen nützten nichts
Fatima wurde geschlagen und mit vielen anderen Kindern und Frauen in Fahrzeuge gepfercht. Im Busch-Lager der Terroristen, tief im Sambisa-Wald, der ungefähr so groß ist wie die Schweiz, wurde ihnen befohlen, westlichen Werten abzuschwören.

Den Mädchen und Frauen würden nun Ehemänner zugeteilt, erklärte ein Kommandeur der Miliz, dessen Bodyguards ihm mit Maschinengewehren beiseitestanden. Doch Fatima weigerte sich, sich den Terroristen zu unterwerfen. "Ich sagte, ich sei verlobt. Das Datum für die Hochzeit sei bereits bestimmt", sagt die junge Muslimin. Erbost trennte der Kommandeur Fatima vom Rest der entführten Gruppe. Täglich wurde sie körperlich und seelisch genötigt, um "dem Feind, der westlichen Kultur" abzuschwören.

20.000 Menschen getötet
Seit 2009 haben die sunnitischen Fundamentalisten bei Angriffen und Anschlägen rund 20.000 Menschen im Nordosten von Nigeria und in angrenzenden Gebieten der Nachbarländer getötet. Die Gruppe hat Tausende Mädchen und Frauen entführt, die hauptsächlich als Sexsklavinnen gehalten und teilweise zu Selbstmordattentaten gezwungen werden. Die bekannteste Verschleppung war die von mehr als 200 Schülerinnen aus dem nordöstlichen Ort Chibok im April 2014, die internationales Entsetzen auslöste.

Nachdem sich Fatima über viele Tage geweigert hatte, sich den Terroristen zu unterwerfen, galt sie als "hoffnungsloser Fall". Man nahm sie zur Seite und brachte ihr bei, eine Bombe zur Detonation zu bringen, erzählt die junge Frau. Der Allmächtige habe sie für eine besondere Aufgabe ausgewählt, erklärte ihr einer der Fundamentalisten.

Unter Drogen gesetzt
Fatima wurde unter Drogen gesetzt. Eines Morgens wurde ihr ein Sprengstoffgürtel umgebunden. Mit einem kleinen Mädchen an der Hand sollte sie auf einen militärischen Kontrollpunkt zugehen und die Bombe auslösen, befahl man ihr. "Da wurde mir klar, dass ich auf eine Selbstmordmission geschickt wurde", erzählt Fatima. "Alle um mich herum waren schwer bewaffnet. Ich hatte keine Chance, mich zu wehren."

Auf Motorrädern wurden Fatima und das Mädchen in die Nähe eines Kontrollpunktes gefahren. Wo genau sich dieser befand, weiß sie nicht. Die Kämpfer versteckten sich im Gebüsch, als die Mädchen begannen, auf Soldaten der nigerianischen Armee zuzulaufen. "Stehen bleiben! Wo wollt ihr hin?", rief ein Soldat, sobald er die Mädchen sah. Fatima nahm all ihren Mut zusammen. "Ich bin eine Studentin", sagte sie, sobald sie in Hörweite war. "Ich habe etwas an meinem Körper. Fasst mich nicht an."

Polizei entfernt Sprengstoffgürtel
Dann fielen die ersten Schüsse. Die Fundamentalisten hätten versucht, die Bombe mit Schüssen auszulösen, glaubt Fatima. Schnell schob ein Soldat die Mädchen hinter eine Barriere. Minuten später waren zwei der Terroristen tot, die beiden anderen verhaftet. Eine Spezialeinheit der Polizei entfernte Fatimas Sprengstoffgürtel. Dann wurde sie in Maiduguri in U-Haft genommen.

Für mehr als fünf Monate wurde Fatima verhört. Immer wieder stellte man ihr die gleichen Fragen über ihre Entführung und die Selbstmordmission - in der Hoffnung, neue Informationen über die Terrorgruppe zu erlangen, aber auch, um sicherzustellen, dass Fatima keiner Gehirnwäsche unterzogen worden war.

Möchte wieder in ihre Heimatstadt zurück
Schließlich wurde sie entlassen und in ein Flüchtlingslager gebracht. Und dort traf sie auf eine Nachbarin aus Bama, die sich an Fatima erinnerte und ihr half, ihre Mutter zu finden, die in einem anderen Lager in Maiduguri lebte. "Das war großes Glück", sagt Fatima und lächelt. Mutter und Tochter leben nun seit gut zwei Jahren im Flüchtlingslager. Das Schicksal des Rests ihrer Familie ist ihnen unbekannt. Ihr größter Wunsch ist, in ihre Heimatstadt zurückkehren zu können. Selbst wenn sie nicht wissen, was sie dort erwartet.

Kronen Zeitung

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