18.04.2017 16:49 |

"Let Me Fly"

Mike & The Mechanics: Das Beste kommt erst

Sechs Jahre sind seit dem letzten Studioalbum von Mike & The Mechanics ins Land gezogen. Nun melden sich Mike Rutherford, Andrew Roachford und Tim Howar mit "Let Me Fly" zurück und nehmen direkt Kurs auf die Charts und Radiostationen. Wir haben das sympathische Trio in Berlin zum ausführlichen Gespräch getroffen, und über das starke Band zwischen den einzelnen Mitgliedern, die Ausgliederung von Politik aus dem Bandkosmos und - natürlich - eine eventuelle Genesis-Reunion gesprochen.

Als Gründungsmitglied der Prog-Rock-Legende Genesis schreibt Mike Rutherford seit exakt 50 Jahren Musikgeschichte, doch der smarte und höfliche Brite hat seit mehr als drei Dekaden noch ein zweites Baby, dass er in unregelmäßigen Abständen hegt und pflegt. Mike & The Mechanics nennt sich die Band, die ihre immer größer werdende Anzahl an Fans nicht nur mit Hits wie "All I Need Is A Miracle" oder "The Living Years" in Freude versetzt, sondern seit jeher wesentlich lebensbejahender und poppiger tönt, als sein schwergewichtiges Hauptprojekt. Doch Mike & The Mechanics war mitnichten ein Gegenprojekt zu den Prog-Urgesteinen, sondern einfach ein zweites Betätigungsfeld, um sich nicht abhängig zu machen und kreativ neue Wege einzuschlagen.

Sängertausch
Ins Stottern geriet der Bandmotor von Mike & The Mechanics erstmals zur Jahrtausendwende, als Sänger Paul Young völlig überraschend einem Herzinfarkt erlag und der geschockte Rutherford überlegte, die Band auf Eis zu legen. Etwas überraschend veröffentlichten die Briten vier Jahre später das nur mäßig erfolgreiche Album "Rewired", bevor zwei Jahre später Zweitsänger Paul Carrack die Band verließ und Rutherford keine Zukunft mehr sah. Doch das beliebte und mit einer beachtlichen Fanbase gesegnete Projekt ließ dem heute 66-Jährigen keine Ruhe. Er bastelte fleißig weiter an Songs und ließ 2010 die Bombe mit einem runderneuerten Line-Up platzen. Ans Mikro stellten sich fortan die samtweiche R&B/Soulstimme Andrew Roachford und der mit österreichischen Wurzeln versehene US-Amerikaner Tim Howar. Auch wenn das 2011er-Album "The Road" nicht den gewünschten Erfolg brachte, spielten sich Mike & The Mechanics live wieder in den Vordergrund und tourten – unterbrochen durch die andauernde On/Off-Historie von Genesis – ohne Unterlass.

Dass es dennoch sechs lange Jahre zum nun erscheinenden Nachfolger "Let Me Fly" brauchte, erklärt Howar im "Krone"-Interview in Berlin folgendermaßen: "Wir hatten schon lange sehr viele Ideen gesammelt, uns war aber wichtig, die auch mal im Raum stehen zu lassen und auf ihre Langlebigkeit zu überprüfen. Heute kann ohnehin jeder zu jeder Zeit jede Art von Musik hören – du hast also keine Eile mehr, irgendwelche obsoleten Veröffentlichungsfristen zu erfüllen. Wichtig war nur, dass wir am Ende zu 100 Prozent zufrieden waren." "Let Me Fly" hört man jedenfalls den stärkeren Zusammenhalt untereinander an. Durch die vielen Touren und das gemeinsame Musizieren wurde aus talentierten Fremden eine kongruente Künstlerkommune, die sich mittlerweile blind versteht. "Ich hätte der Band niemals ein so langes Leben gezeitigt", blickt Rutherford zurück, "zu viele Erwartungen führen meist nur zu Enttäuschungen. Wir haben uns zum Glück aber schnell dazu entschieden, etwaige Egos zur Seite und uns in den Dienst des Songs zu stellen."

Wider dem Tunnelblick
"Let Me Fly" ist ein Album ohne Scheuklappen, das Rock, artifiziellen Pop, geschmeidigen R&B und intensiven Soul zu einem bekömmlichen Gebräu vereint. Für Rutherford liegt diese große Bandbreite in der Stimmleistung seiner Sänger verortet. "Wir haben zwei großartige Stimmen, die sehr viel abdecken, warum sollten wir uns also limitieren?" Damit die "Friede, Freude, Eierkuchen-Stimmung" nicht zu sehr kippte, ließ man Produzent Brian Auger von außen an die Sache ran. "Bei Genesis war es oft so, dass zwei starke Charaktere beim Songwriting einen dritten mitgetragen haben. Dieses Mal waren wir uns tatsächlich fast immer alle einig, aber Brian hatte nicht unseren Tunnelblick und gab uns sehr wichtige Inputs von außen."

In schwierigen Zeiten wie diesen ist es der Band ein besonderes Anliegen, mit der Musik Lebensfreude und positive Stimmung zu vermitteln. "Die allererste Zeile des Titeltracks lautet ,I don't want to live without living'", erklärt Howar, "das ist das Motto des Albums. Das Leben ist nicht immer schön und man muss oft komplexe Momente verarbeiten. Aber geh raus und verfolge deinen Traum, auch wenn du durch den Schlamm waten und Rückschläge einstecken musst." Für Roachford hat der vielseitig interpretierbare Titel eine persönlichere Bedeutung. "Für mich hat er etwas Autobiografisches, weil ich darin meine eigenen Selbstzweifel verarbeiten kann. Der größte Kampf findet schlussendlich immer in einem selbst statt."

Freude statt Politik
Auf politische Botschaften hat die Band bewusst verzichtet. "Ich bin der Meinung, dass Musiker die Aufgabe haben, den Menschen Freude zu bringen", so Rutherford. Roachfoard ergänzt: "Man bleibt von den Ereignissen natürlich nicht unbeeinflusst, denn keiner kann sich der Politik entziehen. Aber wir gehören nicht zu den Songwritern, die mit einer politischen Fahne wedeln. Würde ich über den Brexit schreiben wollen, dann könnte ich gleich direkt in die Politik gehen. Ein persönlicher Text aus deinem Innersten hat eine gewichtigere Wirkung als alles, was Politiker oder politische Texte je ausrichten könnten."

Ein Song nennt sich vielsagend "The Best Is Yet To Come" – eine unmissverständliche Botschaft, dass Mike & The Mechanics nach 32 Karrierejahren noch lange nicht genug haben? "Den Song haben wir vorwiegend für unsere Fans geschrieben", so Howar, "sie sind immer für uns da, haben uns durch alle Zeiten begleitet und der Band immer die Treue gehalten." "Viele Bands und Künstler denken immer an die Vergangenheit und sind nostalgisch", führt Roachford aus, "das ist aber nicht mein Zugang zu Musik. Ich denke immer an den nächsten Song, die nächste Show, das nächste Album. Wenn ich nicht daran glauben würde, dass das Beste erst kommt, dann könnte ich ohnehin aufhören."

Das starke Geschlecht
Mike & The Mechanics werden auf den anstehenden Livekonzerten auf die Kraft der neuen Songs setzen und sich keinesfalls nur an den alten Hits festklammern. "Wir sind sicher keine Jukebox, die nur die großen alten Hits auf der Bühne zelebriert. Die Mischung macht's aus, wir ehren die alten Klassiker genauso wie die neuen Songs. Hier herrscht völlige Gleichberechtigung." Für die Entscheidungen sorgt am Ende des Tages ohnehin Rutherfords Ehefrau. "Das letzte Mal, dass ihr wirklich was von mir gefallen hat, ist gut 15 Jahre er", lacht der Bandboss, "aber ,Let Me Fly' weiß sie zu schätzen und das freut mich, denn das bedeutet, dass uns ein sehr gutes Album gelungen ist."

Der Kreis zu Genesis schließt sich für Rutherford bereits diesen Juni, denn dort werden Mike & The Mechanics im Vorprogramm von Phil Collins im Londoner Hyde Park auftreten. "Bei dieser Show geht es aber nur um Phil und seine Rückkehr auf die Bühne. Lasst uns einfach das Konzert genießen und unsere Songs spielen, alles andere wird die Zeit zeigen", lässt Rutherford ein weiteres Zusammenspiel mit seinen alten Freunden offen. Vorerst freut er sich auf die Österreich-Konzerte am 5. September in der Wiener Arena und am 9. September im Monforthaus Feldkirch. "Wien ist zweifellos eine der schönsten Städte der Welt. Ich war schon ein paar Mal bei euch, aber die Architektur wirft mich jedes Mal aus der Bahn."

Karten für die beiden Österreich-Auftritte von Mike & The Mechanics gibt es unter www.musicticket.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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