16.04.2017 10:28 |

Leben nach dem Tod

Verwandte von Mordopfern erzählen über Schicksal

Wenn zur Trauer auch noch Hass kommt. In der "Krone" sprechen ein junger Mann, dessen Mutter vom eigenen Vater ermordet wurde, und eine Frau, deren Tochter einem grauenhaften Sexualverbrechen zum Opfer gefallen ist.

Etwa ein Dutzend Fotos, eine gerahmte Traueranzeige, ihr Reisepass, ihr Führerschein und ein paar von den vielen Engelsfiguren, die sie von Jugend an gesammelt hat. Erinnerungsstücke, die Markus F. von seiner verstorbenen Mutter aufbewahrt. In einer großen Kiste, die er wie einen Goldschatz behütet.

"Wir hätten vielleicht öfter die Polizei alarmieren müssen"
"Bis heute", sagt der 28-Jährige, "ist kaum fassbar für mich, dass ich nicht einfach zum Telefon greifen und meine Mama anrufen kann." Und der Gedanke, "ob ihr Tod irgendwie verhinderbar gewesen wäre", verschwindet nicht aus seinem Kopf: "Meine Geschwister und ich hätten wachsamer sein, wir hätten vielleicht öfter die Polizei alarmieren müssen - wenn unser Vater sie mit dem Umbringen bedrohte." Aber weder der Sozialpädagoge noch seine drei Schwestern hätten doch ahnen können, dass Josef F. irgendwann tatsächlich dazu fähig sein würde, bis zum Äußersten zu gehen.

Frau erstochen und mit Hacke malträtiert
Seine fürchterliche Tat geschah in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli 2016. Nach jahrzehntelangem Ehemartyrium war es Kornelia F. (53) endlich gelungen, sich von ihrem Mann zu trennen, gerade hatte sie eine eigene Wohnung im oberösterreichischen Ried im Traunkreis bezogen. Ein Schritt, den der 58-Jährige nicht akzeptieren wollte. Er lauerte der Frau in ihrem neuen Zuhause auf, stach mit einem Messer auf sie ein und malträtierte sie mit einer Hacke.

Josef F. zu lebenslanger Haft verurteilt
Anfang 2017 die Gerichtsverhandlung gegen den Täter. Er bekam lebenslang. Kein Abschluss des Dramas, für den Sohn: "Mein verhasster Vater darf leben, meine geliebte Mama ist nicht mehr." Und ohnehin sei es "schrecklich schwierig", das Jahr nach der Tragödie psychisch zu überstehen: "Alles geschieht ja zum ersten Mal ohne meine Mutter. Geburtstagsfeiern, Weihnachten, Silvester, jetzt Ostern."

Und dauernd sind sie in ihm präsent, "die Erinnerungen daran, was genau vor zwölf Monaten war. Was meine Mama getan hat, wann wir uns gesehen, worüber wir miteinander gesprochen haben."

"Ich weiß: Sie hört mir zu"
Wie mit der Trauer fertigwerden? "Indem ich über das Geschehene rede." Auch mit der Verstorbenen. In stillen Stunden daheim und an ihrem Grab. "Ich stehe dann dort, mit einer Dose Red Bull oder einem Becher Kaffee in der Hand. So wie früher, wenn wir uns trafen - und ich beginne, ihr von mir zu erzählen. Über meinen Alltag. Über Dinge, die mich freuen. Über Probleme. Und ich weiß: Sie hört mir zu."

Bekommt er, in irgendeiner Weise, Antworten? "Ich fühle, dass sie nicht völlig verschwunden ist, dass etwas von ihr weiter existiert. Manchmal, beim Autofahren, spüre ich das besonders stark. Da gibt es Momente, in denen ich glaube, sie sitzt neben mir und beschützt mich."

Seit dem gewaltsamen Tod der Mutter sei der Zusammenhalt zwischen ihm und seinen Geschwistern extrem stark geworden, "stärker als früher, wir streiten überhaupt nicht mehr miteinander, sind ständig füreinander da. Denn unsere Mama hätte sich das so gewünscht. Und sie soll ihre Ruhe haben, wo immer sie sich jetzt befindet."

Der lange Kampf einer Mutter für Gerechtigkeit
Es war ein langer Kampf, den Monika S. (68) für sich und ihre tote Tochter geführt hat. Er dauerte fast zwei Jahrzehnte, "dazwischen gab es Phasen, in denen ich völlig kraftlos gewesen bin", doch am Ende siegte die Gerechtigkeit, "und damit fanden Silke und ich unseren Frieden".

Im Juli 1992 war die 17-Jährige einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen, nach einem Discobesuch in ihrer Heimatstadt Salzburg vergewaltigt, mit Schlägen malträtiert und letztlich erwürgt worden. Von einem einschlägig Vorbestraften.

Leiche in Salzach geworfen
Nach der Tat hatte er sein Opfer in die Salzach geworfen. Tage später wurde die Leiche der Schülerin im Wasser gefunden. "Als mir Polizeibeamte die Nachricht überbrachten, zog es mir den Boden unter den Füßen weg", erinnert sich Monika S. an den Augenblick, der ihre Welt zum Einsturz brachte, zurück.

Bald wurde Anton W. unter dringendem Mordverdacht festgenommen. Zahlreiche Indizien sprachen gegen den damals 34-Jährigen, trotzdem kam er nach wenigen Wochen in Untersuchungshaft "aus Mangel an Beweisen" frei. Und blieb es. 18 Jahre hindurch.

Täter erst nach 18 Jahren verurteilt
18 Jahre, in denen Silkes Mutter, wie sie sagt, "schon den Glauben an alles verloren hatte". An Gott, an die Justiz. Doch dann gelang dem für den Opferschutzverein tätigen Anwalt Stefan Rieder eine Aufrollung des Verfahrens, in einem folgenden Prozess wurde Anton W. 2011 der Bluttat an dem Mädchen schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.

Was hat sich für Monika S. dadurch verändert? "So vieles." Davor habe sich ihr Leben ausschließlich darum gedreht, "den Menschen, der so viel Unglück über meine Familie und mich gebracht hatte, hinter Gitter zu bringen". Gedanken, die sie krank machten, körperlich und seelisch: "Ich begann, an schwerer Epilepsie zu leiden, und an Depressionen."

Eine Psychotherapeutin, "meine drei anderen Kinder und mein Mann versuchten, mich aufzufangen, und halfen mir mit unendlicher Geduld dabei, dass ich mich nicht total aufgab. Und dennoch kamen immer wieder diese Zeiten, in denen ich nur noch sterben wollte."

"Silke schläft. Und wartet auf mich"
Oft habe sie ihre Tochter auf dem Friedhof besucht, "Tausende Male schwor ich ihr, dass ihr Tod nicht ungesühnt bleiben würde. Als es dann wirklich soweit war, fühlte ich mich von einer enormen Last befreit - und ich spürte ganz stark, dass es ab da auch Silke besser ging. Dass sie endlich Ruhe finden konnte. Dort, wo sie jetzt ist. Im Himmel." Was sie da tut? "Sie schläft. Und wartet auf mich."

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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