„Krone“-Interview

Désirée Nosbusch: „Schuld ist selten eindeutig“

Unterhaltung
28.02.2026 05:00

Karola Bussard (Désirée Nosbusch) lernt in einem gediegenen Alpenhotel Witwer Wolfgang (Robert Hunger-Bühler) kennen und nistet sich schnell in sein Leben ein. Während er gegen die Alterseinsamkeit ankämpft, übersieht er die Warnzeichen seiner zwei Töchter, die Karola nicht über den Weg trauen. Das Unheil nimmt seinen Lauf. „In fremden Händen“ (20.15 Uhr, ORF 2) ist ein großartig gespielter, spannender Thriller zu einer aktuellen Thematik. Die „Krone“ hat bei Nosbusch genauer nachgefragt.

„Krone“: Frau Nosbusch, in „In fremden Händen“ spielen Sie die Rolle der Karola Bussard, die sich in einem edlen Hotel einen einsamen Witwer herauspickt und sich zusehends in sein Leben schleicht, um es dann an sich zu reißen. Waren Sie sofort an Bord, als man mit dieser Rolle auf Sie zukam?
Désirée Nosbusch: 
Nein, das kann ich so nicht behaupten. (lacht) Diese Rolle hat mir großen Respekt abgerungen – und durchaus auch ein wenig Angst gemacht. Als ich das Drehbuch las, war ich unsicher, ob ich damit nicht zu sehr in eine bestimmte, vielleicht eindimensionale Richtung gedrängt werde. Erst das Gespräch mit Drehbuchautor und Regisseur Christian Bach hat mich überzeugt. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten aus seinem familiären Umfeld – das hat mir Vertrauen gegeben. Er versprach mir eine sehr nuancierte Herangehensweise, und das war entscheidend. Ich wollte keine Figur spielen, die man sofort als „unsympathisch“ oder „böse“ abstempelt. Spannender ist es doch zu zeigen, dass solche Mechanismen eine Herkunft haben – dass Verletzungen, Erfahrungen und innere Brüche dahinterstehen. Mich hat interessiert: Wie kann es passieren, dass sich ein Mann in so eine Frau verliebt? Und wie entwickelt sich daraus Schritt für Schritt ein Drama? Eine solche Rolle habe ich noch nie gespielt - und ich liebe Herausforderungen. Sie haben das Resultat schon gesehen?

Ja, und ich finde, dass die Ambivalenz des Charakters von Bussard sehr gut gelungen ist, obwohl natürlich die negativen Seiten überwiegen.
Das freut mich sehr, denn genau diese Grauzonen haben mich an der Figur gereizt. Wenn das Publikum sowohl die dunklen Seiten als auch die inneren Brüche erkennt, dann ist Karola lebendig geworden. Dass der Film nun im ORF Premiere feiert, freut mich ganz besonders Österreich ist für mich kein „Ausland“ – meine beiden Kinder sind Österreicher, ich habe viele Jahre dort gelebt und verbinde sehr viel mit diesem Land.

Der Film weist viele verschiedene Handlungsstränge und Thematiken auf, die aktuell und zeitlos sind. Etwa das Thema Alterseinsamkeit. Dass man sich vielleicht lieber von jemanden übers Ohr hauen lässt, bevor man sich völlig einsam fühlt. Ist dieser Gedanke für Sie nachvollziehbar?
Man wünscht sich sehr, dass dem nicht so ist. Aber Einsamkeit kann eine enorme Kraft entwickeln. Meine Mutter ist 87. Ich gehöre inzwischen zu jener Generation, in der die eigenen Eltern alt werden und oft Pflege benötigen. Es gibt schwere Krankheiten – aber Einsamkeit kann genauso eine große Krankheit sein. Es beginnt oft schleichend: Freunde sterben, das Augenlicht wird schwächer, Autofahren geht nicht mehr. Stück für Stück geht Selbstständigkeit verloren. Das ist dramatisch. Mein Bruder und ich haben das selbst erlebt – unsere Mutter lebt mittlerweile bei ihm. Ein einziger Stoß, ein einziger Moment – und alles verändert sich. Deshalb glaube ich: Es ist nie zu früh, sich ernsthaft mit dem Thema Altern auseinanderzusetzen.

Hat die Arbeit an dieser Produktion Ihre Sichtweise auf das Thema Altern verändert?
Ja, sie hat mir die Augen geöffnet. Altern ist etwas, das man gerne vor sich herschiebt - bis es plötzlich da ist und nicht mehr weggeht. Ich habe für diese Rolle sehr akribisch recherchiert, weil ich die Vorbereitungsarbeit als den spannendsten Teil meines Berufs empfinde. Am Set herrscht Zeitdruck – das Entscheidende passiert davor. Seit ich mich mit diesem Stoff beschäftigt habe, nehme ich solche Fälle bewusster wahr: ältere Menschen, die telefonisch hereingelegt werden, falsche Bankanrufe, Betrug an der Haustür. Auch aus dem Wunsch heraus, meine Mutter zu schützen. Ich sage ihr immer: Wenn jemand behauptet, von der Bank zu sein – sofort auflegen.

Die Mittel des Betrugs sind sehr gefinkelt und vielseitig. Enkeltrick, Telefonbetrug, Erbschleicherei. Ist es mit „In fremden Händen“ ein Anliegen, diese Themen niederschwellig und verständlich zugänglich zu machen?
Durchaus. Mir war beispielsweise nicht bewusst, dass Themen wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht rechtlich tatsächlich so missbraucht werden können, wie wir es im Film zeigen. Das ist keine Dramatisierung – es ist realistisch. Wenn man so etwas erzählt, trägt man Verantwortung. Deshalb war mir wichtig, dass alles juristisch korrekt ist.

Wolfis Töchter sind bezüglich Karola von Anfang an skeptisch. Doch sie ahnen noch nicht, welche ...
Wolfis Töchter sind bezüglich Karola von Anfang an skeptisch. Doch sie ahnen noch nicht, welche Wendung die Causa nehmen sollte.(Bild: Susanne Bernhard)

Weil Sie vorher Ihre akribische Recherche angesprochen haben: Wo und wie haben Sie denn exakt für diese Rolle recherchiert?
Vor allem im rechtlichen Bereich. Ich wollte genau verstehen, welche Schritte tatsächlich möglich sind. Meine Mutter war dabei eine wichtige Gesprächspartnerin – sie war gewissermaßen meine Beraterin und hat den Film auch als Erste gesehen. Wir haben viel über Einsamkeit gesprochen und darüber, wie man Warnzeichen verdrängt, weil man unbedingt glauben möchte, dass alles gut ist. Und ich wollte verstehen: Was ist Karolas innerer Motor? Woher kommt diese Lust auf Macht? Ist da vielleicht sogar ein Funken echter Zuneigung – zumindest am Anfang? Redet sie sich ein, das Richtige zu tun? Die Fallhöhe wird viel größer, wenn echte Emotionen im Spiel sind. Mir war wichtig zu zeigen, dass sie für Wolfi durchaus Sympathie empfindet – bis ihre eigenen Mechanismen überhandnehmen.

Die Rolle der Karola Bussard verlangt auch ein sehr mimisches Spiel. Sehr oft vermitteln Sie Schritte oder Taten nur durch die Mimik und ohne weitere Worte. War das eine besondere Herausforderung?
Ja. Diese Figur birgt viele Fallen. Ich hätte leicht in Überzeichnung abrutschen können. Während der Dreharbeiten war ich in einem regelrechten Tunnel. Ich wollte verstehen, wie ein Mensch so weit gehen kann. Gleichzeitig durfte der Zuschauer nicht nur die Brutalität sehen. Die größte Herausforderung war das Gleichgewicht: Wie viel gebe ich preis, damit die Handlung nachvollziehbar bleibt – und wie viel halte ich zurück, damit die Geschichte sich nicht zu früh auflöst? Diese Waage zu halten, war entscheidend.

Ein weiterer wichtiger Punkt des Films ist die Pflegethematik. Wenn man plötzlich sein Gegenüber 24 Stunden pro Tag pflegen muss, kann das nicht die größte und dichteste Liebe zerrütten?
Das ist eine sehr schwierige Frage, die ich mir selbst gestellt habe – und ich habe keine endgültige Antwort. Natürlich habe ich einen moralischen Kompass, und als Katholikin auch ein starkes Verantwortungsgefühl. Wenn meine Mutter mich bräuchte, wäre ich da. Aber ob man wirklich alles leisten kann, weiß man erst, wenn man in dieser Situation ist. Bei meinen Kindern würde ich nicht zögern. Aber zu behaupten, man könne jede Belastung zu hundert Prozent tragen, wäre unehrlich.

Rund zwei Drittel des Films tragen Sie in Ihrer Rolle, dann switcht die Haupthandlung und geht über zu Wolfis Töchter, die sich zunehmend sorgen und dann draufkommen, dass ihnen die Situation schon entglitten ist. Diesen Handlungssprung und Perspektivenwechsel fand ich besonders interessant.
Das finde ich dramaturgisch sehr stark – und sehr lebensnah. Man ist beschäftigt, hat wenig Kontakt, denkt sich zunächst nichts dabei. Und plötzlich merkt man: Es ist etwas entglitten. Schuld ist selten eindeutig. Jeder hat seine starken und schwachen Seiten.

Wie ist eigentlich die Stimmung am Filmset, wenn man so einen intensiven, inhaltlich packenden Film dreht und sich tief in die Rolle fallen lässt?
Sehr konzentriert. Wir drehten viel in einem Haus mit einer eher düsteren Atmosphäre - das hat sich übertragen. Mit Herrn Hunger-Bühler, der Wolfi spielt, war die Arbeit von großer Ernsthaftigkeit geprägt. Wir wollten den Weg der Figuren sehr genau im Blick behalten. Die Stimmung, die man im Film spürt, war auch am Set präsent.

Abseits vom noch anlaufenden Film „Eine Nacht in Bangkok“ – wo werden wir Sie in nächster Zeit noch so sehen und erleben?
Ich war gerade in Berlin, um die Berlinale zu moderieren, und bin nun wieder auf dem Weg nach Irland für weitere Irland-Krimis. Die nächsten zwei Episoden laufen im April an, weitere folgen. Später kommt „Eine Nacht in Bangkok“, und parallel bereite ich meinen zweiten Film als Regisseurin vor. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, nicht nur viel zu arbeiten, sondern an Projekten, die mir inhaltlich wirklich etwas bedeuten.

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