Autorin aus Syrien:

„Ich bin schon seit meiner Geburt im Exil“

Steiermark
07.02.2026 06:00

Vor acht Jahren musste die syrische Autorin Kholoud Charaf ihre Heimat verlassen, hat ihre Familie seitdem nicht mehr gesehen. Aktuell lebt sie als „Writer in Exile“ in Graz - und Sie kann sich gut vorstellen, sich hier niederzulassen.

„Mein Vater hat mich als Kind schon ermutigt, kreativ zu sein und zu schreiben“, erinnert sich Kholoud Charaf an ihre Kindheit. Es war ein Impuls, der nicht selbstverständlich war im Syrien der 1980er: „Mit 14 hat ein Lehrer eine meiner Liebesgeschichten in einem Schulheft gefunden und mich vor der Klasse dafür ermahnt, weil es sich für eine junge Frau nicht gehört solche Sachen zu schreiben. Es hat sich angefühlt, als würde mir jemand den Bleistift brechen, den mein Vater mir gegeben hat“, sagt die Autorin, die auf Einladung der Kulturvermittlung Steiermark derzeit als „Writer in Exile“ in Graz lebt.

„Plötzlich hatte ich all diese Stimmen im Kopf“
Erst als in Syrien der Krieg ausbrach, fand Charaf zum Schreiben zurück: „Ich hatte plötzlich all diese Stimmen im Kopf, die von mir verlangten, dass ich ihre Geschichte erzähle“, erinnert sie sich. Es waren die Stimmen von den Opfern der Auseinandersetzungen, die sie zu Papier brachte und so ihren ersten Roman schrieb: „Als ich fertig war, fühlte es sich an, als ob eine große Last von meinen Schultern gefallen wäre, weil ich diesen Menschen eine Stimme verleihen konnte“, sagt Charaf. Im Herbst erscheint „Ein Tagebuch, das nichts mit mir zu tun hat“ (Pfaueninsel Verlag) auf Deutsch.

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Zu lesen und zu schreiben war für mich wie eine Auszeit von der Realität, in der ich nicht sein konnte, wer ich bin.

Kholoud Charaf

Sie wurde damit zum Teil einer Literaturszene in Syrien, die zwar sehr traditionsreich, aber meist auch sehr versteckt arbeitet: „Als Frau, die noch dazu politisch aktiv ist, hat man da nicht viel Spielraum“, sagt Charaf . Die Enge wurde immer beklemmender und irgendwann stand dann die Frage im Raum: „Bleiben und die Ermordung riskieren, oder weggehen?“

Eine „neue Form der Freiheit“ in Europa
Vor acht Jahren hat Charaf Syrien verlassen, ihre Familie seitdem nicht mehr gesehen: „Aber wenn ich ehrlich sein soll, bin ich schon seit meiner Geburt im Exil, habe mich immer auch fremd gefühlt in meiner Heimat.“ Aufgehoben fühlte sie sich in ihrer Familie – und in der Literatur: „Zu lesen und zu schreiben war für mich wie eine Auszeit von der Realität, in der ich nicht sein konnte, wer ich bin.“ Und so waren die vergangenen acht Jahre, in denen Charaf unter anderem in Polen, Schweden, Lettland, Deutschland und zuletzt in Wien gelebt hat, auch eine Reise zu sich selbst: „Ich erlebe hier eine neue Form der Freiheit.“

Aber sie erlebt in Europa neue Probleme: „Wenn du am Flughafen festgenommen wirst, weil dir wegen deinem syrischen Pass vorgeworfen wird, dass du illegal unterwegs bist, obwohl du eine gültige Aufenthaltsgenehmigung hast, macht das was mit dir“, schildert sie. Zudem hat sich auch Charafs Beziehung zu Syrien gewandelt: Sie entstammt der religiösen Minderheit der Drusen, die vom neuen Regime in Syrien als „Ungläubige“ verfolgt werden – es kam auch zu Massakern. „Ich hatte mich davor nie bewusst als Drusin identifiziert. Aber seit diesen Angriffen sehe ich mich auch nicht mehr als Syrerin“, sagt sie und ergänzt: „Meine wahre Heimat ist und bleibt die Literatur.“

Christine Lavant als literarische Patin
In der Steiermark arbeitet Charaf nun an einem neuen Roman: „Und in Graz habe ich erstmals das Gefühl: Hier könnte ich mich niederlassen“, erzählt sie. „Die Menschen hier sind sehr freundlich und offen.“ Zudem hat sie mit Christine Lavant eine Art poetische Patin gefunden: „Ihre Gedichte sprechen mir aus dem Herzen. Ich lerne gerade Deutsch – auch indem ich ihre Gedichte ins Arabische übersetze“, erzählt Charaf.

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