18.06.2020 07:00 |

Grazer Exil-Schreiber

Im goldenen Käfig sind viele Ideen erblüht

Wenige Tage vor dem Corona-Lockdown bezog der Belarusse Uladzislaŭ Ivanoŭ seine Stelle als Writer in Exile in Graz. In seiner Heimat kann er wegen seiner Homosexualität schon lange nicht mehr frei leben, in Graz hat er die Quarantäne im „goldenen Käfig auf dem Schloßberg“ genutzt und mehrere Werke fertiggestellt.

„Ich habe geschrieben, geschrieben und geschrieben“, sagt Uladzislaŭ Ivanoŭ auf die Frage, wie er die Corona-Zeit in der Fremde, als Writer in Exile im Cerrinischlössl am Schloßberg, verbracht hat. „Es war wie ein goldener Käfig der Literatur.“ Und Ivanoŭ kennt auch ganz andere Käfige.

Die Heimat musste er verlassen
2010 hat der 1978 geborene Autor und Literaturwissenschafter beschlossen seine Heimat zu verlassen: „Ich wollte mit Mitstreitern in Minsk einen Verein für die Rechte von Homosexuellen gründen und landete dafür mehrere Tage im Gefängnis.“ Am Papier ist Homosexualität in seiner Heimat zwar seit 1994 kein Verbrechen mehr, doch in der Praxis sieht es anders aus: „Alles was abseits der Norm ist, alle marginalisierten Bevölkerungsgruppen werden unterdrückt“, schildert er.

Er zog in die litauische Hauptstadt Vilnius, wo er an einer belarussischen Exiluniversität französische Literatur unterrichtet: „Viele Intellektuelle aus meiner Heimat sind mittlerweile im Exil.“ Seiner Muttersprache ist er als Autor aber treu geblieben und hat sie genutzt, um erstmals in dieser Sprache von „anderen Realitäten“ zu erzählen: Sein Debütroman etwa, der 2016 in einem Exilverlag erschienen ist, gilt als erster und einziger schwuler Roman in belarussischer Sprache. Zudem hat er auch mehrere feministische Essays geschrieben.

Am Schloßberg entstand ein Berg von Texten
Die Zeit in Graz nun hat er genutzt, um sein zweites Buch zu vollenden. Aber es sind auch mehrere Texte mit direktem Bezug zur Stadt entstanden: Inspiriert haben ihn zum Beispiel die Pestsäulen, die er während seiner Corona-Spaziergänge entdeckt hat: „Sie haben mich zu einer Geschichte über ein schwules Paar zur Zeit der Pestepidemie von 1680 inspiriert.“ Schon im Herbst soll der Text auf belarussisch erscheinen: „Vielleicht findet sich auch hier ein Verleger, der es übersetzt.“

Botanik und Literatur
Und noch ein zweites Projekt hat sich in Graz durch den Lockdown ergeben: Gemeinsam mit Stadtschreiberin Volha Hapejeva - ebenfalls aus Minsk und derzeit seine Mitbewohnerin im Cerrinischlössl - hatte er eine blühende Idee: „Wegen Corona waren wir oft alleine am Schloßberg und hatten viel Zeit die Botanik genau zu erkunden“, erzählt er.

„Zu jeder Pflanze haben wir Beschreibungen in vier Sprachen verfasst. Außerdem haben wir Texte von berühmten Autoren über die Pflanzen gesucht. Und wenn wir nichts gefunden haben, haben wir selber Texte geschrieben.“ Nun hoffen er und Hapejeva, Graz den ersten botanisch-literarischen Führer für den Schloßberg hinterlassen zu können.

Christoph Hartner
Christoph Hartner
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