02.05.2014 14:58 |

Den Falschen getötet

Mörder war mit Finger im Telefonbuch verrutscht

In Deutschland ist ein mysteriöser Mord nach 18 Jahren endlich geklärt: Josef Enzesberger war 1996 vor seiner Haustür in Bayern erschossen worden. Das Verbrechen gab den Beamten Rätsel auf, der Mörder des Bibliothekars wurde nie gefasst. Doch nun hat der mutmaßliche Täter seinem behandelnden Psychiater den Mord gestanden - und zudem erklärt, dass er eigentlich jemand anderen umbringen wollte. Er war jedoch damals im Telefonbuch mit dem Finger verrutscht und daher schlicht zur falschen Adresse gegangen.

Am 8. Jänner 1996 hatte ein Unbekannter im oberbayrischen Herrsching am Ammersee mit einer Pistole viermal aus kurzer Entfernung auf Josef Enzesberger geschossen. Eine der Kugeln traf den 52-Jährigen ins Herz, er starb wenige Meter von seiner Haustür entfernt. Jahrelang gab es keine konkreten Spuren und kein stichhaltiges Motiv für die Bluttat, berichten nun deutsche Medien.

Polizei durchleuchtete akribisch das Leben des Opfers
Insgesamt 25 Aktenordner füllte der Mordfall bei der Kriminalpolizei. Die Fahnder befragten im Laufe der Jahre rund 1.300 Personen, überprüften Dutzende Pistolenbesitzer und durchleuchteten das Leben des Opfers bis in den letzten Winkel. Sogar die Trauergäste bei der Beerdigung des 52-Jährigen wurden von den Ermittlern kontrolliert. Auch über ein Doppelleben des Mannes wurde offen spekuliert. Doch Enzesberger verkehrte nicht in dubiosen Nachtlokalen, hatte weder Spielschulden noch Feinde oder heimliche Freundinnen. Die Ermittler mutmaßten gar, er selbst habe einen Killer auf sich angesetzt, um der Ehefrau eine Lebensversicherung zukommen zu lassen.

Witwe kämpfte jahrelang um Aufklärung
Der Fall sei jedenfalls voller Ungereimtheiten gewesen, auch die Witwe geriet zeitweise in Verdacht, berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Darunter habe sie "stark gelitten", erinnert sich Erika Enzesberger dieser Tage im Gespräch mit dem Blatt an ihr Leben nach dem Mord an ihrem Gatten. "Wir sind von der Kripo durch die Mangel gedreht und sogar verdächtigt worden." Die Frau hatte jahrelang um die Aufklärung des Verbrechens gekämpft. Doch trotz 10.000 Euro Belohnung und einem Bericht in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" blieb der Mordfall ein Mysterium.

Bibliothekar mit Polizeichef verwechselt
Doch nun scheint der Fall endlich geklärt zu sein: Der Bibliothekar musste offenbar wegen einer banalen Verwechslung sterben. Der Mörder hatte den 52-Jährigen mit dem damaligen Polizeichef des Ortes, Max E., verwechselt. Dessen Name ähnelt dem des Opfers, zudem war sein Eintrag ohne Adresse über dem Eintrag von Enzesberger im Telefonbuch aufgelistet. Zudem war, wie auf Fotos zu erkennen ist, eine Ähnlichkeit der beiden Männer nicht von der Hand zu weisen. Die Staatsanwaltschaft in München ist jedenfalls von der Verwechslung überzeugt, berichteten Medien übereinstimmend.

Mörder vertraute sich Psychiater an
Die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung des Mordes bekamen die Ermittler ausgerechnet vom mutmaßlichen Täter selbst. Der Münchner, der psychisch krank ist, hatte sich bereits im Vorjahr seinem behandelnden Psychiater anvertraut. Dem Arzt gestand der Mann, dass er vor längerer Zeit jemanden in Herrsching erschossen habe. Der Psychiater gab die Aussagen seines Patienten an die Münchner Polizei weiter, die den Mann daraufhin einvernahm.

Staatsanwaltschaft: "Schilderungen sehr glaubhaft"
Die Schilderungen des Mannes von der Tat seien "sehr glaubhaft", erklärte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft gegenüber der "SZ". Es gebe "keine vernünftigen Zweifel", dass der Mann die Tat vor 18 Jahren begangen habe. Der Geständige wurde deshalb schon im vergangenen Dezember in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Der Mordprozess gegen den heute 65-jährigen Mann soll voraussichtlich im September beginnen.

Mörder fühlte sich von Polizeichef bedroht
Auch die Frage, warum der damalige Polizeichef des Ortes sterben sollte, konnte geklärt werden. Der mutmaßliche Mörder des Bibliothekars hatte sich seinen Angaben zufolge vom heute 73 Jahre alten E. bedroht gefühlt, als er in der Polizeiwache mit dem Beamten über einen Vorfall gesprochen hatte. Einige Tage später fuhr der Arbeitslose dann zu der Adresse, die er sich aus dem Telefonbuch notiert hatte. Dort war er sich zunächst sicher, den Polizeichef angetroffen zu haben. Seinen tödlichen Irrtum habe er allerdings sofort nach den Schüssen bemerkt, so die Staatsanwaltschaft.

Polizist läuft es manchmal "eiskalt den Rücken runter"
Sein eigentliches Opfer ist heute in Pension. "Ich weiß von der Sache schon seit dem Herbst", sagte E. gegenüber dem Nachrichtenportal merkur-online. In so viele Richtungen sei ermittelt und so viele Vermutungen seien angestellt worden. Dass er selbst eigentlich das Opfer hätte sein sollen, das wäre E. jedoch nie in den Sinn gekommen. "Hätte der Mann die Tat nicht selbst gestanden, wäre das auch nie aufgekommen", ist der ehemalige Polizist überzeugt. Ihm laufe es heute durchaus manchmal "eiskalt den Rücken runter", wenn er an den Fall denke. Dann frage er sich: "Wo hätte er mir auflauern können? Was wäre mir passiert?"

Witwe: "Mein Mann ist rehabilitiert"
Und die Witwe des ermordeten Bibliothekars? Ihr sei "ein Stein vom Herzen" gefallen, als sie von der Entwicklung in dem Fall erfuhr, sagte Erika Enzesberger im "SZ"-Interview. "Mein Mann ist rehabilitiert, ich bin froh darüber, ich selbst habe ja schon immer gewusst, dass er nichts getan hat."

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