Live in der Arena Nova

Whitechapel: Im Kampf mit der jüngeren Generation

Musik
27.01.2026 06:00

Seit 20 Jahren prägt das US-amerikanische Sextett Whitechapel mit brutalem Deathcore die harte Musikszene und ist auch hierzulande gern gesehener Gast. Vor der Show mit Lorna Shore in der Arena Nova in Wiener Neustadt sprachen wir mit Gitarrist Alex Wade über die Geschichte und Zukunft der Combo aus Tennessee.

kmm

Man hat’s nicht immer leicht im Leben – davon konnte Whitechapel-Gitarrist Alex Wade im Gespräch mit der „Krone“ beim letztjährigen Nova Rock ein Lied singen. Während das Gespann aus Knoxville, Tennessee auf der Red Bull Stage mitten am Festivalgelände um Aufmerksamkeit und Moshpits buhlte, lärmten die mittlerweile schon gefährlich in die Nähe des Mainstreams emporgestiegenen Kollegen von Lorna Shore zeitgleich auf der Hauptbühne. „Warum auch immer die Veranstalter uns bei Festivals mit mehreren Bühnen zeitgleich und konkurrierend aufstellen - jedenfalls passiert es andauernd. Auch beim Rock am Ring letztes Jahr und noch woanders. Wir haben ungefähr dieselbe Zielgruppe an Fans, ich kann die Entscheidungen also nicht nachvollziehen. Es ist mir ein absolutes Rätsel.“ Lustig, dass Whitechapel jetzt auf der Europatour zu Jahresbeginn gemeinsam mit Lorna Shore auf Tour sind. Zumindest kommt man da nicht in die Verlegenheit, gleichzeitig aufzutreten …

Fehlendes Puzzleteil
Zur bloßen Analyse Wades kann man aber sicher auch eine kleine Portion Frust addieren, auch wenn Musiker das nie offen zugeben würden. Whitechapel sind mit ihrem brachialen Deathcore seit 20 Jahren so etwas wie die Wegbereiter von Lorna Shore. Wade und Co. hatten ihre großen Jahre, flogen aber karrieretechnisch nie ganz so hoch wie jüngeren Nachfolger, die mit dem Social-Media-umtriebigen und stimmgewaltigen Frontmann Will Ramos genau das fehlende Puzzlestein besitzen, das allen anderen Bands in diesem Bereich. Hervorstechendes Growling und eine überbordende Bühnenpräsenz allein machen noch keine Weltklasse aus – dafür braucht es auch Charisma und die nötige Öffentlichkeitsarbeit. Dass Whitechapel nun als erster Support mit Lorna Shore unterwegs sind, wird aber nicht weiter stören, denn im Fahrwasser der ganz Großen im Genre können auch die Pioniere im Windschatten wieder Geschwindigkeit aufnehmen und sich bemerkbar machen.

Seit dem in Underground-Kreisen umjubelten Debütalbum „The Somatic Defilement“ (2007) haben Whitechapel, natürlich benannt nach dem Londoner Wohnviertel des legendären Serienmörders Jack The Ripper, dem man auch das gesamte erste Album gewidmet hat, entstanden insgesamt neun Longplayer, die nicht nur den mehr als respektablen Status der Band festigten, sondern sie in der amerikanischen Heimat und auch in Europa in große Hallen führte. Wie es mit allen Trend-Substilen der Fall ist, unterliegt die Erfolgskurve gewissen Schwankungen. Trotz allem hat sich das Sextett schon vor geraumer Zeit im oberen Genredrittel festgesetzt und wird dort auch nicht mehr so leicht zu verdrängen sein. Auch wenn das bislang letzte Studioalbum „Hymns In Dissonance“ (2025) nicht mehr so viel Anklang fand wie die musikalisch etwas vielseitiger gearteten Werke aus den 2010er-Jahren.

Endlich wieder Platz für Spaß
„Das Gute an unserer Band ist, dass wir uns noch nie davor gescheut haben, Neues auszuprobieren“, so Wade, „zwischen den beiden Alben ,The Valley‘ 2019 und ,Kin‘ 2021 befinden sich musikalisch große Gräben, weil sie so anders klingen. Bei ,Hymns In Dissonance‘ hatten wir den Vorsatz, wieder so hart und kompromisslos wie nur möglich zu klingen. Die Songwriting-Sessions haben sich tatsächlich so angefühlt, als hätten wir das Jahr 2010.“ Dass mit dem aktuellen Werk wieder mehr Ungezwungenheit in die Musik von Whitechapel eingekehrt ist, hat nicht zuletzt mit den Texten von Frontmann Phil Bozeman zu tun: „Auf den letzten Alben schrieb er sehr persönliche, die mit seiner Vergangenheit und Erlebnissen von früher zu tun hatten. Phil hat dadurch einige Probleme und Emotionen abgearbeitet, weil er es eher konzeptionell anging. Dieses Mal hatten wir rundum freies Geleit – musikalisch und auch textlich. Das hat Spaß gemacht und diesen Spaß hört man dem Album an.“

Mit dem Werdegang der Band ist Wade mehr als zufrieden. „Hättest du mir als 19-Jährigen gesagt, wo wir heute stehen würde, ich hätte dich für verrückt gehalten. Als wir anfingen, waren wir ein Haufen Kinder im Keller unseres Bassisten Gabe Crisp. Wir schrieben Songs, probten, hatten Spaß. Heute sind wir Teil einer große Business-Schleife. Natürlich waren die Zeiten, wo man sich nicht um Geld sorgte, freier, aber von der Band sein Leben unterhalten zu können ist auch nicht so schlecht. Wir alle wollten immer den nächsten Schritt nach vorne gehen, das war stets das gemeinsame Ziel. Nur mit dieser Einstellung konnten wir so weit kommen.“ 2006 gegründet, konnten Whitechapel schon 2008 durchgehend touren und ihre Jobs an den Nagel hängen. „Wir mussten uns früh entscheiden, ob wir es ernst meinen und alles auf eine Karte setzen wollen. Die Entscheidung war richtig, auch wenn man im Laufe der Jahre immer wieder im Dreck landet und sich aufrappeln muss. Mit dem Standing von heute haben wir natürlich auch eine gewisse Sicherheit, auf die wir uns verlassen können.“

Weitere 20 Jahre möglich
Dass Rockstars wie Mick Jagger, Bob Dylan oder Paul McCartney noch im gesetzten Seniorenalter touren, scheint für eine Deathcore-Band in erster Linie rein physisch unmöglich zu sein. „Wir haben unsere Vorbilder im Death Metal, wie zum Beispiel Cannibal Corpse. Die gehen schon steil auf ihre 60er zu und sind noch immer auf Tour. Wir alle sind im Schnitt rund um die 40, da ist schon noch einiges drinnen. Noch 20 Jahre Whitechapel zu führen grenzt an ein Wunder, aber wer weiß das schon so genau? Der nächste Schritt muss langfristig sein, sich so zu etablieren, dass man aufgrund des steigenden Alters weniger Shows spielt und trotzdem keine finanziellen Einbußen hat. Ich sehe uns mit 60 keine drei großen Touren mehr pro Jahr spielen, aber Festivalshows und Einzelkonzerte sind immer möglich.“ Wichtig ist dabei auch die dichte Freundschaft. Bis auf den x-mal durchgewechselten Schlagzeuger-Posten, sind Whitechapel seit 20 Jahren in Originalbesetzung. „Es gibt nicht nur Sonne und glänzende Regenbögen, aber wir haben ein gutes Konfliktmanagement. Wir waren schon Freunde, bevor es die Band gab. Ich glaube, das macht es im Endeffekt aus.“

Mit Lorna Shore live in Wiener Neustadt
Am 30. Jänner sind Whitechapel im Vorprogramm von Lorna Shore in der Arena Nova in Wiener Neustadt zu sehen. Mit am Start sind auch Shadow Of Intent und Humanity’s Last Breath. Das Konzert ist leider schon seit einigen Wochen restlos ausverkauft.

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