Der deutsche Tenor Julian Prégardien ist einer der Porträtkünstler im Wiener Konzerthaus. Am Dienstag singt er eines seiner insgesamt 18 Konzerte in dieser Saison. Ein Gespräch über barrierefreie Liederabende, emotionale Haushalte und das Projekt „Schubert für alle“.
Am Anfang war die Unzufriedenheit – wie bei vielen neuen Ideen. Julian Prégardien gefiel es nicht, wie über das Genre Lied gesprochen wird. „Das war oft nicht so liebevoll, wie es sein sollte“, erzählt er im Interview. „Das Lied gilt bei Veranstaltern als Sorgenkind, bei vielen als etwas für Auskenner. Dem würde ich widersprechen! Das Gegenteil ist der Fall: Ein Abend mit Liedern kann der perfekte Einstieg in die Welt der Musik sein!“
Also hat sich der junge Tenor daran gemacht, neue Formate zu entwickeln, um die Einstiegsschwelle zu senken. In spontanen Pop-Up-Events unter freiem Himmel, mit den moderierten Familienkonzerten „First Schubert“ oder mit dem öffentlichen „Verschenken von Liedern“.
Das Lied, das nahbare Wesen
Sein aktuelles Projekt „Schubert für alle“, mit dem er heute wieder im Wiener Konzerthaus gastiert, ist so etwas wie ein Zwischenstand von Prégardiens Experimenten im Kosmos Liedgesang: „Es ist so ein nahbares Wesen, das Lied. Da schlummert ein riesiges Potenzial, wie man Menschen an eine Musikkultur heranführen kann, die geprägt ist von ganz viel Empathie, von Freundschaft und Geselligkeit.“
Der Musik von Franz Schubert ist der 41-Jährige schon früh begegnet, zuhause unter dem Klavier sitzend bei Proben seines Vaters Christof, der ebenfalls Tenor ist: „Mein erster Eindruck war natürlich direkt, persönlich, emotional in einem Wohlfühlraum.“ Daher geht Prégardien mit seinen Konzerten auch an Orte, an denen Menschen sich wohlfühlen oder zumindest auskennen. Er singt unprätentiös in Cafés oder Museen, im privaten Salon oder auch im Hörsaal. Anbieten will er Menschen damit den leichten Weg in eine andere Welt: „Es geht doch auch um die Frage, wie man in Kunst Rückzugsorte finden kann, wenn das Leben ansonsten nicht so rosig ist.“
Livekultur im Geiste eines Jazzclubs
Mit diesen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Orten knüpft Prégardien auch an die Tradition der „Schubertiaden“ im 19. Jahrhundert an: „Da kommen Freunde zusammen und tauschen sich darüber aus, was gerade Neues von Schubert gedroppt wurde. Er hat wieder zwanzig Lieder geschrieben, und wir hören sie jetzt an. Es war eine Livekultur, wie man sie heute eher in Jazzclubs findet. Mit der Konzertform des Liederabends hat das wenig zu tun.“
Schubert zu singen, bezeichnet der Deutsche als absolutes Empathie-Projekt: „Franz Schubert war wohl ein unfassbar empathischer und sensibler Mensch. In seinen Liedern erfährt man, wie es jemandem geht, den man gar nicht kennt. Sie lassen einen immer aufs Neue tief in die Gedankenwelt von Menschen schauen.“
Bereicherung für den emotionalen Haushalt
Was das mit den Zuhörern macht? „Mich lässt es wachsen. Mein emotionaler Haushalt wird größer und bunter. Und lässt mich den emotionalen Empfindlichkeiten von meinen Mitmenschen immer besser begegnen.“ Also macht Schubert auch Zuhörer zu sensibleren Mitmenschen? „Absolut. Schubert ist eigentlich ein Grundnahrungsmittel!“
Die Idee zu „Schubert für alle“ ist 2023 entstanden, als Prégardien in Schuberts Geburtshaus „Lieder verschenkt“ hat: „Ich war täglich von 12 bis 13 Uhr dort und Menschen durften sich Schubert-Lieder wünschen, die ich dann gesungen habe. Da ist das Konzerthaus auf mich zugekommen, daraus ein Format zu entwickeln.“
Entstanden ist daraus ein ganzer Residenz-Zyklus mit 18 Konzerten in der laufenden Saison – vom Liederabend bis zur Bach-Passion zum Orchesterkonzert. Nach einem fixen Programm zur Beziehung zwischen Mozart und Schubert im ersten Teil können sich Besucher auch bei „Schubert für alle“ wieder Lieder des Komponisten wünschen.
Empathie-Bomben und Inklusionslieder
Hat Julian Prégardien ein liebstes Schubert-Lied? „Spontan fallen mir drei ein: ,Im Frühling‘, eine Empathie-Bombe oder das absolute Inklusionslied ,Der blinde Knabe‘ und dann noch ,Der Winterabend‘, einfach nur das Bild eines Menschen, der zuhause sitzt und beobachtet, wie die Welt zur Ruhe kommt. Ein Wunderwerk!“
Etwa 400 der mehr als 600 Lieder von Franz Schubert hat der Sänger schon einmal gesungen oder am Klavier durchgespielt. Aber was macht er, wenn sich im Konzert jemand ein Lied wünscht, das er bislang nicht kennt? „Dann schauen wir es uns an. Und ich singe es einfach vom Blatt!“
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