Nach 43 Jahren voller Erfolge und partieller Rückschläge tritt der Mittsechziger Dave Mustaine mit Megadeth den Rückzug an und geht langsam in die Pension. Das selbstbetitelte, 17. Studioalbum ist dabei ein würdiger Endpunkt, die letzte Tour führt die Kalifornier auch noch einmal nach Wien. Farewell!
Langsam aber sicher müssen sich Thrash-Metal-Fans damit abfinden, dass ihre in den 80ern zu Weltstars gewordenen Säulenheiligen nicht mehr unsterblich sind. Vor allem bei den sogenannten „Big Four“ des amerikanischen Thrash Metals wird es langsam eng. Die kommerziell erfolgreichsten, Metallica, sind zwar noch immer gut in Schuss und unregelmäßig auf Tour, von musikalischen Glanztaten der alten Tage sind sie aber Lichtjahre entfernt. Die qualitativ stärksten, Slayer, haben sich 2019 offiziell in die Frühpension verabschiedet und spielen nur noch einträgliche Spezialkonzerte. Das mit viel Funk angereicherte Spaßkommando Anthrax muss sich unter Experten und Fans ohnehin die Diskussion gefallen lassen, ob sie ihren Posten im elitären Klub nicht an Testament oder Exodus abtreten sollten. Und Megadeth, die technisch versierteste Truppe des hochangesehenen Quartetts, hat vor geraumer Zeit den Abschied angekündigt und fährt 2026 mit letztem Album, Film und einer Tour noch einmal alles auf, bevor man sich auch hier auf die Vergangenheit fokussieren muss.
Famose Karriere
Dass es nie ganz oben für die Spitze reichte, wird dem heute 64-jährigen Frontmann Dave Mustaine bis zum Ende seiner Tage sauer aufstoßen, wer aber in etwas mehr als vier Dekaden mit 17 Studioalben, mehr als 50 Millionen verkauften Tonträgern und einem Grammy-Gewinn bei insgesamt zwölf Nominierungen bilanzieren kann, hat in seiner Laufbahn viel richtig gemacht. Der Rauswurf als Gitarrist bei Metallica 1983 sitzt noch heute wie ein Dorn im Fleisch des bekanntesten Rothaarigen der Extreme-Metal-Szene. Auch wenn alle Beteiligten von damals öffentlich gerne die Friedenspfeife rauchen und sich die gegenseitigen Erfolge gönnen – ein so perfektionistischer Ehrgeizler wie Mustaine wird diesen Moment niemals mit „erledigt“ abhaken. Bis inklusive des technischen Thrash-Metal-Meisterstücks „Youthanasia“ haben Megadeth ausschließlich Jahrhundertalben abgeliefert, wie bei allen Genre-Kollegen wurde die Leistung ab Mitte der 90er aber mehr als dürftig.
Insofern waren vor allem die beiden letzten Alben „Dystopia“ (2016) und „The Sick, The Dying… And The Dead!“ (2022) wieder deutliche Lebenszeichen im gesetzteren Alter. Mustaine, zeit seines Lebens streitbarer Charakter, muss neben der Musik an vielen Fronten kämpfen. So gibt und gab es stets böses Blut mit einigen der vielen ehemaligen Bandmitglieder, weshalb er auf der Live-Abschiedsrutsche auch nicht auf ältere Kollegen zurückgreifen wird. Zudem hat der vor geraumer Zeit zum devoten Christen mutierte Musiker am eigenen Verbaltemperament zu kiefeln. Nachdem er jahrelang mit konservativen Aussagen und einschlägigen Meldungen in die Öffentlichkeit ging, fühlt er sich mittlerweile missverstanden und versucht, sich nicht noch stärker ins politisch rechte Eck zu manövrieren. All diese Nebengeräusche haben stets dafür gesorgt, dass die durchwegs hoch- bis gutklassige Musik seiner Band ein unnötiges Stiefmütterchendasein führte. Ein großes Reinemachen ist „Megadeth“ dann aber doch nicht geworden, wiewohl sich die Band mit dem neuen Material keinesfalls verstecken muss.
Reise in die dunklen Ecken des Lebens
Im Direktvergleich zu den letzten Alben geht das Lebewohl-Werk auf jeden Fall als kompositorischer Sieger hervor, dass man sich nicht ernsthaft mit den Glanztaten der eigenen Jugend messen kann, lag schon im Vorhinein auf der Hand. Bei den drei vorab vorgestellten Single-Auskoppelungen hat jedenfalls viel gepasst. „Tipping Point“ erwies sich als schwindelerregend verspielte Thrash-Abfahrt im besten „Youthanasia“-Stil, das autobiografische „Let There Be Shred“ ist eine astreine Hommage an die frühen Tage und wenn man den fast schon peinlich-plakativen Text zu „I Don’t Care“ sinnigerweise überhört, zündete auch die Nummer würdig. Das unzweideutige „Hey, God!“ ist wohl eine Abhandlung mit Mustaines jahrelangem Alkohol- und Drogenmissbrauch und wirkt wie eine Entschuldigung, die er dem Schöpfer musikalisch übermittelt. „Puppet Parade“ und das gelungene „Another Bad Day“ scheinen auch klar auf die dunkleren Tage seines Lebens einzugehen.
Beim Schwanengesang kann Mustaine zum Glück auf eine äußerst starke Mannschaft bauen, angeführt vom finnischen Saitenhexer Teemu Mäntysaari, der schon bei der symphonischen Märchenwaldband Wintersun überzeugte und gutklassige Songs der Marke „Made To Kill“ oder „Obey The Call“ mit seinen Gitarrensoli zu besonders gelungenen Preziosen gestalten lässt. Der Karriere- und Lebenskreis Mustaines schließt dann mit der Metallica-Coverversion von „Ride The Lightning“, das Dave einst mitgeschrieben hat, dafür von der Ex-Band aber keine Credits bekam. Ob man diese Geste als späte Rache oder versöhnliche Ehrerbietung ansieht, hängt sehr stark mit der persönlichen Auffassung zusammen. Auch wenn das Cover nicht so zündet wie erhofft, gelingt Megadeth mit diesem Album tatsächlich noch einmal ein kräftiges Lebenszeichen, das am ehesten an die starken Momente in den frühen 90er-Jahren erinnert und dabei zeitgemäß ist. Dazu gibt es noch die karriereumspannende Doku „Behind The Mask“. Ein würdiger Abgang, bei dem sich ein ganz großer seiner Zunft glücklicherweise nicht vergaloppiert.
Noch einmal live im Wiener Gasometer
Mit den alten Freunden und Weggefährten Anthrax spielen Megadeth am 16. Juni live im Wiener Gasometer – die Chance ist groß, dass es die allerletzte Show in unseren Breitengraden ist. Aktuell sind alle Karten für den Gig vergriffen, ein Blick auf www.oeticket.com lohnt sich aber, es könnten sich immer noch Möglichkeiten auftun …
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