24.03.2014 07:50 |

Zerschnittene Insel

Streit um geplantes Denkmal für Breivik-Opfer

Als Anders Behring Breivik vor knapp vier Jahren im sonst so friedlichen Norwegen 77 Menschen tötete, saß der Schock tief. Nun soll im Gedenken an das Massaker auf der Insel Utöya eine Schneise in eine Nachbarinsel geschlagen werden, symbolisch für die Wunde, die der Rechtsextremist den Opfern, ihren Angehörigen und dem Land zufügte. Doch die geplante Gedenkstätte "Memory Wound" sorgt für Ärger.

Der schwedische Landschaftskünstler Jonas Dahlberg will einen dreieinhalb Meter tiefen Spalt in eine kleine Landzunge gegenüber der Insel graben, wo Breivik am 22. Juli 2011 69 Menschen erschoss, nachdem er in Oslo acht Menschen mit einer Bombe getötet hatte. Inzwischen ist es recht ruhig geworden um Breivik, der in einem Gefängnis bei Oslo eine 21-jährige Haftstrafe absitzt. Seine Taten aber beschäftigen noch heute das Land.

An einer Seite der symbolischen Wunde will Dahlberg die Namen der Opfer eingravieren, auf der anderen Seite eine Besuchergalerie installieren. Die Begeisterung war groß, als der Vorschlag Ende Februar das Rennen machte. Wie "eine Wunde oder ein Schnitt in der Landschaft" symbolisiere dies, "dass etwas weggenommen wurde", hieß es bei der Auswahljury.

Anfänglich große Begeisterung ging in Kritik über
Doch seither wächst die Kritik. "Ich bin nicht gegen die Gedenkstätte als solche", sagt etwa Vanessa Svebakk, Mutter des mit 14 Jahren jüngsten Opfers. "Doch wie es ausgewählt wurde und der Ort sind ein Problem für mich." Mit anderen Angehörigen fordert sie, das Projekt gründlich zu überarbeiten.

"Von Beginn des Verfahrens Ende 2012 an wurden wir, die am meisten betroffen sind, im Dunkeln gelassen. Es ist arrogant, die Namen der Kinder zu benutzen, ohne uns zu fragen. Obwohl sie tot sind, sind sie noch immer unsere Kinder." Es komme nicht infrage, den Namen ihrer Tochter dort anzubringen, ein paar hundert Meter entfernt von der Stelle, wo sie starb, sagt Svebakk.

"Will nicht den Rest meines Lebens erinnert werden"
Auch bei Nachbarn der geplanten Gedenkstätte regt sich Widerstand. "Es fällt uns ein bisschen schwer zu akzeptieren, dass wir für den Rest unseres Lebens jeden Tag an den 22. Juli erinnert werden", sagte Anrainer Ole Morten Jensen dem öffentlichen Sender NRK. "Ich brauche solche Mahnungen nicht. Ich habe auch so schon genug Erinnerungen."

Gegner starteten eine Kampagne auf Facebook, die schon fast 900 Mitglieder zählt. Manche verurteilen das Projekt als "Vergewaltigung der Natur" und "Touristenattraktion", die zudem zur Pilgerstätte für Breivik-Bewunderer werden könnte. Der Geologe Hans Erik Foss Amundsen betonte, das Felsgestein an der gewählten Stelle sei porös und könnte mitsamt den Namen der Opfer ins Meer abbröckeln: "Es ist, als grabe man sich durch einen Haufen Kies."

"Kunst ruft immer eine Vielfalt an Sichtweisen hervor"
Die Befürworter des Mahnmals, das am 22. Juli 2015 eingeweiht werden soll, zeigen sich trotzdem zuversichtlich. "Öffentliche Kunst ruft immer eine Vielfalt an unterschiedlichen Sichtweisen hervor, vor allem bei einem Werk, das an ein Drama wie Utöya erinnert", sagte Svein Björkaas, Direktor der norwegischen Organisation für öffentliche Kunst. "Aber die Erfahrung lehrt, dass die Kritik nach einer gewissen Zeit abnimmt."

Auch der Juryvorsitzende Jörn Mortensen wies die Vorwürfe zurück: "Der Ort der Gedenkstätte war von Anfang an vom Staat vorgegeben. Der Vizevorsitzende der Gruppe der Opferfamilien war Mitglied des Auswahlkomitees." Die Opfer könnten auch anonym bleiben, betonte er. Für Probleme mit porösem Untergrund gebe es "technische Lösungen", sagt Mortensen. "Unsere Aufgabe ist es, einen Ort der Erinnerung zu schaffen und nicht einen Ort des Vergessens."

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