16.11.2013 16:01 |

Kurz vorm 100er

Mimy Noever: "Möchte noch 20 Jahre weiterleben"

Mimy Noever, Karrierefrau mit Kind in den 50er-Jahren, wird diesen Montag 100 Jahre alt: Mit Conny Bischofberger spricht sie über Zeitgeschichte, Alterserscheinungen und die Männer in ihrem Leben.

Die Äste einer Platane am Wiener Opernring reichen bis ans Fenster ihrer Wohnung im 2. Stock. "So bin ich mit dem Leben da unten verbunden", lächelt Mimy Noever, "ich sehe Menschen, wie sie in die Oper gehen, zu einem Rendezvous, oder einfach ins Kaffeehaus." Dinge, die sie heute manchmal vermisst. Stolz zeigt sie uns ihren üppigen, 20 Jahre alten Kaktus, der in voller Blüte steht. "Das macht er immer zu meinem Geburtstag."

In einer beleuchteten Glasvitrine hat sie antike Kostbarkeiten ausgestellt, stumme Zeugen eines ziemlich aufregenden Lebens. Wenn sie vom Krieg erzählt, von ihrer Karriere an der Spitze eines Möbelunternehmens, vom Sohn, der ihretwegen als Museumsdirektor zurücktreten musste, dann spricht da keine betagte Frau. Eher ein älteres Fräulein, das mit 100 noch immer übermütig - und nachtragend - sein kann. Am Montag wird im Arnulf-Rainer-Museum in Baden ein Geburtstagsfest stattfinden.

"Krone": Frau Noever, was ist das Geheimnis Ihres hohen Alters?
Mimy Noever: Das weiß ich nicht, denn bis vor 20 Jahren hab' ich täglich zwei Schachteln Zigaretten geraucht. Die Dames, in den schönen, roten Schachteln. Können Sie sich erinnern? Dann Filter. Ich hab' mich beim Frühstück immer beeilt, damit ich zur ersten Zigarette komme. Trotzdem: Die Lunge ist in Ordnung.

"Krone": Wie haben Sie's geschafft, aufzuhören?
Noever: Von einer Minute zur anderen, ich wollte nicht mit Krebs im Spital landen. Da wimmelt es von Bazillen und die meisten, die ich kenne, kommen mit mehr Krankheiten heraus als sie vorher hatten. Oder man stirbt.

"Krone": Mit welchen Krankheiten haben Sie zu kämpfen?
Noever: Osteoporose. Das Gehen ist schon mühsam und ich bin bucklig geworden. Vor ein paar Wochen war ich ganz schlecht beisammen. Da hat mein Sohn einen Arzt konsultiert, der hat mir Astronautennahrung verschrieben. Aber das war so eine dicke Soß', die ganz garstig geschmeckt hat. Ich hab' sie nicht genommen, der Arzt ist jetzt wahrscheinlich böse auf mich.

"Krone": Wenn Sie es in einem Satz sagen müssten, wie war Ihr Jahrhundert?
Noever: Es ist einfach an mir vorbeigeflogen, vor allem die letzten 30 Jahre. Ich kann gar nicht glauben, dass das 100 Jahre gewesen sein sollen. Trotzdem kann ich mich an jedes Detail erinnern. An die älteren besser, an die jüngeren schlechter.

"Krone": An welches besonders gern?
Noever: Da gibt es viele, auch ganz furchtbare. Wie die Hörsäle der Juden während meines Medizin-Studiums immer leerer wurden. Wie ich mit meinen kleinen Sohn quer durch Österreich gezogen bin, mit dem Schaffellmantel als Bettchen für den Peter. Wie ich Angst hatte, ich könnte auffliegen bei den Nazis.

"Krone": Weshalb?
Noever: Ich saß, wie das Regime es ausgedrückt hat, in den Arier-Sälen. Weil diese immer voller wurden und die andern immer leerer, mussten einige von uns in die Säle der Juden wechseln. Das wurde ausgelost, und das Los traf auch mich. Mir hat es nichts ausgemacht. Mich haben die Juden gefragt, ob ich ihnen Schmuck beim Dorotheum versetzen kann, weil sie das Geld brauchten, um in die Schweiz zu gehen. Ich hab's gemacht, aber immer gezittert dabei.

"Krone": War Ihnen bewusst, was mit ihnen geschah?
Noever: Wir wussten es nicht... Erst viel später wurde das Ausmaß dieses Krieges deutlich.

"Krone": Sie haben nach dem Krieg die Firma Ihrer Eltern, Büromöbel Svoboda, übernommen. Waren Sie das, was man heute eine Karrierefrau nennt?
Noever: Ich glaube schon. Mein Bruder hat sich um die Erzeugung, ich mich um den Handel gekümmert. Ich habe Filialen gegründet und bin mit den Möbeln auf Messen gegangen. Und ich habe die UNO nach Wien geholt. Die haben damals mehrere Standorte geprüft und wollten Gratismöbel für ein Jahr. Ich bin sofort auf das Geschäft eingestiegen und konnte später UNO und Atomenergiebehörde mit unseren Möbeln einrichten.

"Krone": Was war Mimy Noever für eine Chefin?
Noever: Ich habe Korrektheit mit Charme verbunden. Gefahren bin ich einen grünen Jaguar, getragen hab' ich immer Kostüme vom Schneider: Röcke im englischen Stil mit Schlitz und Jacken mit Stehkragen, dazu Pumps. Als Frau war es damals gefährlich, allein auf die Straße zu gehen. Einmal bin ich überfallen worden.

"Krone": Hat es sich gelohnt, das Medizinstudium für die Möbelkarriere aufzugeben?
Noever: Rückblickend gesehen nein. Denn ich bin nicht reich geworden. Und die Medizin hätte mich vielleicht reicher gemacht - an Freude bestimmt...

"Krone": Wann haben Sie geheiratet?
Noever: Ach Gott, das weiß ich jetzt gar nicht mehr. Vielleicht können wir den Peter (Anm.: Mimy Noevers Sohn) anrufen.

"Krone": Wissen Sie, wann Ihr Mann gestorben ist?
Noever: Ist mir momentan leider entfallen. Ich weiß nur noch, wie ich ihn kennengelernt habe. Auf der Wiener Messe, er war Chef einer deutschen Firma für Eisschränke und ist mit vielen Direktoren im Flugzeug angereist. Ich habe mit ihm auch ein Jahr in Berlin gelebt. Aber dann haben wir uns scheiden lassen.

"Krone": Und nach seinem Tod, gab es da noch eine große Liebe?
Noever: Es gab viele Avancen und eine Liebe. Die ist auch schon tot. In erster Linie lebt man ohnehin für sein Kind.

"Krone": Stichwort Kind: Ihr Sohn musste als Direktor des Museums für Angewandte Kunst zurücktreten, weil er dort auch private Feste veranstaltet hat. Ist das ein wunder Punkt in Ihrem Leben?
Noever: Ja, ein ganz großer... Da stecken Menschen dahinter, die keinen Charakter haben. Mein Sohn spricht wenig darüber. Aber es ist ganz schlimm für mich.

"Krone": Waren Sie seither wieder im MAK?
Noever: Nie mehr, ich kann da nie mehr hingehen, obwohl ich Sehnsucht nach dem MAK habe. Ich war ja eine Art Werbeträgerin für das Museum, ich hatte Zeit und habe das gerne gemacht.

"Krone": Verfolgen Sie eigentlich noch die Politik?
Noever: Natürlich! Ich lese jeden Tag die "Krone", den "Kurier", den "Standard" und manchmal die "Presse". Die werden mir alle vor die Tür geworfen. Wenn ich das Geräusch höre, kurz nach vier, stehe ich auf und lese Zeitung.

"Krone": Ihr Fazit?
Noever: Nach den ersten drei Seiten weiß man ja schon alles. Man hat uns belogen. Es gibt niemand eine klare Antwort auf die Milliardenlöcher.

"Krone": Trauen Sie noch einem Politiker?
Noever: Der letzte Nette, den ich persönlich gekannt hab', war der Julius Raab...

"Krone": Frau Noever, wie viele Jahre hätten Sie noch gerne?
Noever: Mein Gott, wenn ich gesund bleibe, dann möchte ich schon noch 20 Jahre weiterleben. Mittlerweile ist 100 ja kein Alter mehr, es gibt mehr als tausend Hundertjährige in Österreich. Es ist nur schade, dass einem alle Freundinnen wegsterben und man irgendwie überbleibt.

"Krone": Was möchten Sie unbedingt noch machen?
Noever: Ich habe eigentlich zu wenig große Reisen gemacht. Dafür ist es jetzt zu spät, ich kann ja kaum mehr gehen. Auf jeden Fall will ich noch alle meine Sachen ordnen, alle Kisten durchgehen, in denen ich alles gesammelt habe. Mein ganzes Leben liegt ungeordnet da drinnen.

"Krone": Wie soll es einmal zu Ende gehen?
Noever: Wenn es so weit ist, soll es schnell gehen. Angst habe ich eigentlich nur davor, dass sie mich schon beerdigen, obwohl ich vielleicht noch gar nicht richtig tot bin.

"Krone": Und nach dem Tod, gibt es ein Weiterleben?
Noeves irgendwo eine Zweigstelle von diesem Leben gibt, in der vielleicht alles wieder von vorn beginnt.

Ihr Leben
Geboren als Wilhelmine Svoboda am 18.11.1913 in Wien, aufgewachsen in Ober-Wagram, Niederösterreich. Schulausbildung bei den "Englischen Fräulein" in St. Pölten, anschließend Medizinstudium in Wien. Der Vater, Rudolf Svoboda, willigt unter der Bedingung ein, dass Mimy täglich im Familienunternehmen (Büromöbel Svoboda) helfen muss, das er 1911 gegründet hatte. Ab den 50er-Jahren ist Mimy 30 Jahre lang - bis zum 74. Lebensjahr - geschäftsführende Gesellschafterin; das Medizinstudium gibt sie schließlich auf. Privat war sie 15 Jahre lang mit dem deutschen Kaufmann Mathias Noever verheiratet; 1941 kommt ihr Sohn Peter in Innsbruck auf die Welt. Er trat 2011 nach 25 Jahren als Direktor des MAK zurück, weil es Kritik an den Förderer-Veranstaltungen gab, die er zum Geburtstag seiner Mutter im Museum organisierte. Mimy Noever hat zwei Enkel und zwei Urenkelkinder.

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