11.05.2013 16:37 |

Muttertagsinterview

Bedeutet Liebe für Sie auch Pflege, Frau Hillinger?

Mathilde, bald 90 Jahre alt. Jeden Tag vergisst die alte Dame ein bisschen mehr, jeden Tag kann sie ein bisschen weniger. Tochter und Enkelin umsorgen ihre Oma zu Hause - nicht nur am Muttertag.

Die ganze Familie hat sich für das "Krone"-Interview zu Hause in Lanzendorf, Niederösterreich, um die 89-jährige demenzkranke Oma versammelt. Johann Hillinger, Bühnenmeister an der Wiener Staatsoper, seine Frau Elfriede, deren Kinder Conny (Krankenschwester bei der Caritas) und René (Student). Oma Mathilde sitzt stumm, aber mit großen, neugierigen Augen auf der blauen Couch. Zwei Generationen teilen sich hier die schwere Aufgabe Pflege. Und es kostet sie manchmal alle Kraft der Welt.

"Krone": Wie geht es Ihrer Mutter, Frau Hillinger?
Elfriede: Sie schaut überhaupt nicht krank aus. Aber sie braucht Pflege rund um die Uhr. Sie ist Diabetikerin, und sie leidet an Demenz - Gott sei Dank wurde bei ihr aber nicht Alzheimer festgestellt. Dazu kommen manisch-depressive Phasen, und sie klagt auch immer über Schmerzen in der Wirbelsäule. Wenn man sie so dasitzen und lächeln sieht, kann man sich nicht vorstellen, wie schlimm es manchmal ist.

"Krone": Woher nehmen Sie die Kraft, Ihre Mutter zu waschen, ihr Insulin zu spritzen, ihr gut zuzureden?
Elfriede: Ich kann das alles nur leisten, weil meine Tochter mich unterstützt. Sie ist von Beruf diplomierte Krankenschwester und bringt sehr viel Fachwissen mit. Aber ich muss auch gleich dazusagen: Lob an meine Familie! Auch mein Mann und mein Sohn kümmern sich um die Oma.
Conny: Ich habe Frauen kennengelernt, wo die Ehemänner sagen: "Das ist deine Mutter, ich greif' sie sicher nicht an."

"Krone": Was sind die schönsten Momente mit Ihrer Mutter?
Elfriede: Wenn ich sie zum Schlafen begleite, dann sagt sie: "Geh noch nicht!" Dann warte ich, bis sie müde wird. Beim Einschlafen hält sie meine Hand und weint. "Mama, du darfst nicht weinen", sage ich dann, sonst heulen wir beide jeden Abend.
Conny: Und die schwierigsten Momente sind die, wo wir körperlich an unsere Grenzen stoßen. Wo die Oma entweder zu stur oder zu schwach ist, aus dem Auto auszusteigen.

"Krone": Wann haben Sie entschieden, dass die Oma nach Hause kommt und nicht ins Heim?
Elfriede: Wir haben uns drei Heime angeschaut, eh bessere. Nicht nur, dass es finanziell gar nicht gegangen wäre - mein Mann ist nun einmal Alleinverdiener - wie ich dort die alten Leute herumsitzen gesehen habe, sich selber überlassen und ohne Ansprache, dachte ich: So trist soll es die Mama nicht haben. Sie wollte immer zu uns. Ihr Leben war schwer genug - sie ist als Donauschwäbin 1944 mit ihren Eltern aus Serbien vertrieben worden.
Conny: Für mich waren die Besuche in diesen Heimen ein Schock. Die alten Leute haben gewartet auf die Kinder, auf die Enkelkinder, auf die Verwandten, kein Mensch hat sich um sie gekümmert.

"Krone": Ist das der große Fehler, den viele machen: Demenzkranke als hilflos wahrzunehmen, anstatt ihnen Dinge zuzutrauen?
Elfriede: Genau. Die Mama vergisst zum Beispiel manchmal, wie man mit Messer und Gabel isst. Das bedeutet aber nicht, dass es ihr am nächsten Tag nicht wieder einfallen kann. Dann denke ich mir: Hurra, sie kann es doch noch!
Conny: Die Oma hört auch gerne Ö3. Oft spielen wir zusammen Skippo. Wir machen Ausflüge, damit wir noch was gemeinsam erleben. Am Muttertag haben wir bei der Raststelle drüben einen Tisch fürs Mittagsbuffet reserviert. Ich glaube, im Heim wäre ihr Verfall schon viel weiter fortgeschritten.

"Krone": Bedeutet Liebe für Sie also auch Pflege?
Elfriede: Für mich schon. Aber natürlich ginge das nicht, wenn ich berufstätig wäre. Und wenn nicht alle mithelfen würden.

"Krone": Wie ist der Gedanke, dass sich ihr Zustand immer mehr verschlechtern wird?
Elfriede: Ganz schlimm. Mamas Schwester ist an Alzheimer gestorben. Sie hat alles verlernt. Erst konnte sie nicht mehr reden, dann konnte sie nicht mehr essen, und am Schluss konnte sie nicht mehr gehen. Das ist kein schöner Gedanke, dass Mama einmal künstlich ernährt werden muss und nur noch im Bett liegt. Mamas Neurologin ist aber fasziniert von ihrem starken Willen. Deshalb wird die Krankheit bei ihr vielleicht anders verlaufen.
Conny: Der Gedanke, dass die Oma uns eines Tages nicht mehr erkennt, ist schrecklich. Aber er wird wohl kommen.

"Krone": Haben Sie einmal über das Sterben gesprochen?
Elfriede: Nicht so direkt. Ich weiß nur, dass sie nicht verbrannt werden will. Und dass sie sich viele Leute rund um sich wünscht, wenn es zu Ende geht. Die Mama soll zu Hause sterben dürfen.

"Krone": Hoffen Sie, dass Ihre Tochter auch Sie einmal pflegt?
Elfriede: Ich hoffe es, setze es aber nicht voraus. Man will doch niemandem zur Last fallen.
Conny: Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich meiner Mutter nicht etwas zurückgebe. So wie sie jetzt auch für die Oma da ist.

"Krone": Was wünschen Sie sich für sie?
Elfriede: Dass ihr der Herrgott Glück und Frieden schenkt.
Conny: Und dass sie noch die Geburt ihres ersten Urenkels erlebt. Das hat sie mir versprechen müssen.

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