Während sich SPÖ-Bundesparteichef Andreas Babler als „Brandmauer gegen die FPÖ“ sieht, werden die Rufe nach Blau-Rot in der Steiermark immer lauter. Eine Gratwanderung für die Genossen, schließlich ist die Vranitzky-Doktrin von 1986, die eine Zusammenarbeit mit der FPÖ – zumindest auf Bundesebene – ausschließt – noch immer aufrecht. Doch mittlerweile hält selbst der Namensgeber diese Ausgrenzung für überholt.
Damals hatte die SPÖ eine ausreichende Mehrheit und es ist um Jörg Haider gegangen, der sich nicht ausreichend vom nationalsozialistischen Gedankengut getrennt hat.
Franz Vranitzky über die 1986 ins Leben gerufene Vranitzky-Doktrin
Manchmal ist ein Paradigmenwechsel nötig, auch wenn es weh tut.
Leobens Bürgermeister Kurt Wallner (SPÖ)
Seit den 1970er-Jahren hat die SPÖ fast 600.000 Mitglieder verloren, merkte Androsch an. Es müsse daher wieder eine „Aufwärtsbewegung“ geben.
Hannes Androsch
Babler nun noch stärker unter Druck
Die lauten Rufe nach einer roten Annäherung in Richtung FPÖ bringen SPÖ-Bundeschef Andreas Babler unter Druck. Im Nationalratswahlkampf zeigte er immer wieder eine starke Kante gegenüber den Freiheitlichen. Als Repräsentant des linken Flügels in der SPÖ schloss er eine Zusammenarbeit mit der FPÖ auf Bundesebene aus ideologischen Gründen aus. Auch hinsichtlich eines möglichen blau-roten Bündnisses in der Steiermark wäre er „nicht glücklich“, er würde aber auch nicht intervenieren. Denn er habe kein Durchgriffsrecht, wie er in dieser Woche betonte. So werde er „die politische Willensbildung zur Kenntnis nehmen“. Dennoch ist es aktuell schwer vorstellbar, dass die Vranitzky-Doktrin unter Babler offiziell abgelöst wird.
Die SPÖ ist die Brandmauer gegen eine Regierungsbeteiligung der FPÖ. Ich lasse unsere Republik von Menschen wie Herbert Kickl und seiner Partei nicht zusammenschießen.
Andreas Babler im NR-Wahlkampf 2024
SPÖ-Wertekompass definiert Bedingungen
2017 wurde unter SPÖ-Kanzler Christian Kern übrigens ein Kriterienkatalog erarbeitet, der die Bedingungen für eine Zusammenarbeit mit der SPÖ klar definiert. Kerns Nachfolgerin Pamela Rendi-Wagner ersetzte diesen nur ein Jahr später durch den „Wertekompass“. Kategorisch ausgeschlossen wird eine mögliche Einigung mit der FPÖ nicht, sofern diese innerhalb des Wertekompasses bewege.
Aktuell warnt kein SPÖ-Schwergewicht so sehr vor der FPÖ wie Babler. Mit seiner Brandmauer gegen die Freiheitlichen erinnert er stark an den ehemaligen Wiener Bürgermeister Michael Häupl. Die FPÖ trage „Freiheit nur im Namen, mehr nicht“, betonte er beim Landesparteitag 2021. In Richtung jener Personen innerhalb der eigenen Partei, die meinten, man könne mit der FPÖ leichter, warnte Häupl eindringlich. Die FPÖ sei „noch schlimmer als man glaubt.“
Heiße Diskussionen im Netz
Auch in den Sozialen Medien wird die rote Ausgrenzungspolitik heiß diskutiert. So stellen rote Sympathisanten die Vranitzky-Doktrin in der Facebook-Gruppe „SPÖ Mitmachpartei: Gemeinsam für ein progressives Österreich“ infrage (siehe Posting unten).
Im Vorjahr forderte FPÖ-Chef Herber Kickl, dass die SPÖ ihre Mitglieder über die Ausgrenzung der FPÖ befragen soll.
Sei‘s, wie es sei: Sollten SPÖ und FPÖ in der Steiermark tatsächlich zusammenfinden, wäre das ohnehin keine Premiere. Es gab zwischen 1983 und 1986 schon einmal eine rot-blaue Koalition auf Bundesebene unter Kanzler Fred Sinowatz. Dessen Nachfolger, Franz Vranitzky, beendete die Zusammenarbeit im September 1986, nachdem FPÖ-Chef Norbert Steger von Jörg Haider gestürzt worden war. Seither gilt in der SPÖ ebene die Vranitzky-Doktrin.
Seit Doktrin zwei rot-blaue Bündnisse auf Landesebene
Auf Landesebene kam es aber auch danach zu einer rot-blauen Zusammenarbeit. Kärntens SPÖ-Chef Peter Ambrozy ging 2004 als Juniorpartner eine Verbindung mit Jörg Haiders FPÖ ein. Die in der SPÖ heftig umstrittene Koalition wurde in den frühen Morgenstunden des 13. März in einem Klagenfurter Hotel mit italienischem Rotwein besiegelt, was ihr den Spitznamen „Chianti-Koalition“ eintrug. Sie hielt bis 2006.
Fünf Jahre Rot-Blau im Burgenland
Zwischen 2015 und 2020 gab es eine rot-blaue Koalition im Burgenland. Auch diese Verbindung polarisierte. Beschlossen wurde sie vom damaligen Landeshauptmann Hans Niessl und FPÖ-Landeschef Hans Tschürtz, im Februar 2019 übergab Niessl an Hans Peter Doskozil. Für die Rot-Blau-Befürworter war die Koalition ein Musterbeispiel, die Linken in der Partei bekämpften sie.
Seit 2020 regiert die SPÖ alleine, doch die Verhältnisse könnten sich bei der kommenden Landtagswahl im Jänner 2025 wieder ändern. Sollte die SPÖ die Absolute verlieren, scheint Rot-Blau zwischen Doskozil und dem ehemaligen Dritten Nationalratspräsidenten Norbert Hofer (FPÖ) sehr realistisch.
Ideologische Grundsätze vs. Polit-Realität
Übrigens: Wie sehr ideologische Grundsätze von der politischen Realität eingeholt werden, zeigte die SPÖ Burgenland 2014. So brachte die Junge Generation damals einen Antrag ein, in dem die FPÖ als „rechtsextreme Partei“ bezeichnet wurde, auf die sich eine sozialdemokratische Partei „auf keinen Fall“ einlassen dürfe. Das sei ihre „antifaschistische Pflicht“. Dementsprechend fiel dann auch der Parteitagsbeschluss aus: „Die SPÖ spricht sich klar gegen eine Koalition mit der FPÖ auf allen politischen Ebenen aus.“ 2015 folgte dann eine rot-blaue Zusammenarbeit ...
Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.