137 Tage lang hat der Drittangeklagte im Betrugsprozess um die milliardenschwere Pleite des Finanzkonzerns Wirecard geschwiegen. Am 138. Verhandlungstag gab der ehemalige Chef der Buchhaltung ein Statement ab. Darin entschuldigte er sich, gleichzeitig attackierte er den Kronzeugen der Anklage.
Oliver Bellenhaus, der die Anklage weitgehend einräumt und dessen Aussage die beiden anderen Angeklagten belastet, sei „gut im Lügen und Verdrehen“, sagte der ehemalige Buchhalter im Laufe seiner selbstverfassten Aussage, die seiner Verteidigerin zufolge rund 190 Seiten umfasst. Den „Belastungseifer“ seines Mitangeklagten führte Stephan E. unter anderem darauf zurück, dass dieser ihm seinen Titel und sein Gehalt geneidet habe. Zudem habe er ihn mit seinen Nachfragen nach Belegen „genervt“ – wohl auch, weil Bellenhaus diese dann habe fälschen müssen.
Eigentlich gar kein Buchhalter?
E. selbst räumte ebenfalls Fehler ein, die er bereue. Gleichzeitig betonte der ehemalige Buchhalter, dass er sich nie persönlich bereichert und stets nur das Beste für den Finanzdienstleister gewollt habe. Darüber hinaus will er für vieles aber nicht zuständig gewesen sein oder keine Zeit dafür gehabt haben. Zudem betonte der Drittangeklagte, selbst eigentlich kein Buchhalter zu sein.
Aufgrund der personellen Aufstellung und der Vielzahl an Aufträgen habe er „nicht die Zeit und die Kraft gehabt, alles zu hinterfragen“. Daher vertraute er grundsätzlich der Einschätzung aus den einzelnen Fachbereichen. „Wenn die zufrieden waren, waren wir es auch“, lautete sein Nachsatz am Mittwoch vor dem Richter.
Zum Drittpartnergeschäft, das beim Zusammenbruch von Wirecard eine zentrale Rolle spielte, äußerte sich E. zunächst kaum. Er schränkte Erwartungen allerdings bereits zu Beginn seiner Aussage ein. Dies sei nicht Schwerpunkt seiner Arbeit gewesen, viele Informationen dazu habe er nur vom Hörensagen. Er könne nur „von vielen Jahren Schreibtisch“ bei Wirecard erzählen.
Staatsanwaltschaft von Aussagen „enttäuscht“
„Ein Geständnis haben wir nicht gehört“, fasste Gerichtssprecher Laurent Lafleur die erste Hälfte des 138. Verhandlungstags zusammen. Und die Tendenz scheine auch nicht in diese Richtung zu gehen. Die Staatsanwaltschaft zeigte sich „ein kleines bisschen enttäuscht“ von den Aussagen. Die Verteidigung des ebenfalls angeklagten Ex-Wirecard-Chefs und gebürtigen Österreichers Markus Braun zeigte sich dagegen zufrieden. Die Aussage E.s stütze die Angaben ihres Mandanten.
Der Zahlungsdienstleister Wirecard war im Juni 2020 in die Insolvenz gegangen, weil auf Treuhandkonten verbuchte 1,9 Milliarden Euro nicht mehr auffindbar waren. Die Anklage wirft den drei Angeklagten sowie dem abgetauchten früheren Vertriebsvorstand Jan Marsalek und weiteren Komplizen vor, Umsätze in Milliardenhöhe schlicht erfunden zu haben, um den eigentlich defizitären Konzern über Wasser zu halten.
Die bisherigen Erkenntnisse
Gesichert ist zwar nach den bisherigen 138 Prozesstagen, dass es bei Wirecard kriminell zuging – auch Ex-Vorstandschef Braun behauptete nie, dass bei Wirecard nicht betrogen wurde. Aber nach wie vor nicht geklärt ist, wer welche Rolle spielte.
Es fehlen zweifelsfreie Beweise, dass Braun und Chefbuchhalter E. Mitglieder einer Betrügerbande gewesen wären. Erschwert wird die Aufklärung, weil sich der Großteil des Geschehens im Mittleren Osten und Südostasien abspielte. Das Gericht lud bisher Dutzende von Auslandszeugen, von denen die allermeisten nicht erschienen.
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